Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung soll auch in Belgien erheblich reduziert werden. Ähnlich wie es die skandinavischen Länder bereits in die Praxis umgesetzt haben, wollen auch die belgischen Produzenten den Weg zu einem deutlich sparsameren Umgang mit dem Einsatz von Tierarzneimitteln gehen.
Vor dem Hintergrund, dass es immer mehr Krankheitserreger gibt, die Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt haben, ist ein konsequentes Umdenken und Handeln dringend notwendig, um den Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung deutlich zu senken. Im Rahmen eines Round-Table-Gespräches mit internationalen Fachjournalisten in Mechelen/Belgien stellte Professor Dr. Jeroen Dewulf den aktuellen Stand der Entwicklung vor. Der Fachmann für Biosicherheit und Epidemiologie zeichnete dabei ein Szenario, das den Handlungsbedarf verdeutlichte.
Sollte die Entwicklung von Resistenzen von Krankheitserregern gegen Antibiotika ungebremst weitergehen, könnte dies langfristig zu einer erschreckenden Zunahme an Todesfällen in Verbindung mit bisher als harmlos geltenden Krankheiten führen. Dabei sei die Rede bei von bis zu zehn Millionen Todesfällen jährlich innerhalb der nächsten 30 Jahre, wenn man von einer Resistenz bei 40 Prozent aller Krankheitskeime ausgehe. Dies werde starke Auswirkungen auf das Gesundheitswesen haben, Operationen seien bei der Unwirksamkeit der jetzt geläufigen Antibiotika deutlich riskanter.
Auswirkungen von Resistenzen betreffen jedoch nicht nur die Nutz- und Haustiere, die Zoonosen übertragen könnten, sondern auch Risikogruppen, die direkt mit Tierkörpern in Berührung kommen. Hierzu zählten Fleischer ebenso wie Veterinärmediziner. „Solange man sich einer guten Gesundheit und eines ebensolchen Immunsystems erfreut, ist das kein Problem“, so der Wissenschaftler. Die indirekte langfristige Auswirkung von Mehrfachresistenzen könne sich ähnlich dramatisch auswirken wie eine Ebola-Epidemie: „Salmonellen, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind, können diese Eigenschaft auf den Menschen übertragen.“ Schon heute kosten resistente Keime rund 500 Menschen das Leben. „Verschuldet wird ein Teil davon durch den Einsatz von Antibiotika bei der Tierhaltung“, so Dewulf. Die meisten Infektionen werden demnach noch durch mangelnde Hygiene übertragen. Tiere seien nach der Schlachtung eher selten als Infektionsherd aufgefallen. Prinzipiell sei es möglich, dass Menschen eine Krankheit auf Tiere, speziell Schweine, übertragen. In einem Punkt hatte er beruhigende Nachrichten: „Rückstände von Antibiotika im Fleisch sind nur sehr selten vorhanden, im Blut etwas häufiger.“ Durch strikte Kontrollen in Europa sei hier das Risiko noch gering.
Beim Blick auf die Landwirtschaft stellte er fest, dass auch ausgebrachte Gülle durchaus für Infektionen infrage komme. Hier gelte die einfache Rechnung: Je mehr Antibiotika das Tier verabreicht bekam, desto höher das Risiko.
Wenn Tiere erkrankt seien, sollte die Wahl des Mittels genau überlegt sein. Je eher eine Krankheit behandelt werde desto geringer sei das Risiko. Auch die Art der Verabreichung von Antibiotika sollte sich ändern. Statt die Medizin ins Futter zu mischen, empfehle er gezielte Injektionen der betroffenen Tiere. Dies bedeute zwar mehr Arbeit, sei aber auf Dauer die bessere Lösung.
Ziel in Belgien ist es, den Einsatz von Antibiotika um ein Drittel der bisherigen Menge zu mindern. Als Masthilfsmittel, so seine Forderung, sollen Antibiotika nicht mehr eingesetzt werden, auch der rein präventive Einsatz sei nicht mehr erlaubt.
Qualität ist Programm
Dr. Liesbet Pluym, zuständig für Koordination und Qualitätssicherung bei der vor rund 20 Jahren gegründeten Organisation Belpork, machte deutlich, dass nur eine in sich geschlossene Kette zu einem dauerhaft von Qualität, Sicherheit und Geschmack charakterisierten Produkt führen könne. Tierwohl und Rückverfolgbarkeit seien wesentliche Faktoren. Die Organisation vergibt das Siegel „Certus“ für Schweinefleisch, das den Anforderungen der Organisation entspricht. Inzwischen sind rund 60 Prozent aller belgischen Schweineerzeuger Mitglieder in dem Programm. In Bezug auf die Anwendung von Antibiotika gibt es klare Richtlinien: Im nächsten Jahr soll die Menge aller angewandten Mittel auf die Hälfte reduziert werden. Für die Zukunft ist ein Herden-Gesundheitsplan vorgesehen, außerdem sollen dessen Umsetzung sowie der Einsatz von Medikamenten in Echtzeit an die Organisation übermittelt werden.
Mehr Kommunikation ist notwendig
Die Kommunikation der Fleischbranche mit der Öffentlichkeit war das Thema von Erik Lenaers. Der Experte für die direkte, gezielte Ansprache der Verbraucher bei der Agentur Weber Shandwick machte deutlich, dass die Kundschaft gerade bei Lebensmittel recht empfindlich und spontan reagiere: „Der Verbraucher zeigt sein Gesicht, wenn er unmittelbar einkauft.“
Der Einkaufende verhalte sich anders als der Bürger, der sich erst einmal eine möglichst heile Welt wünscht. Alles, was angeboten wird, werde heute erst einmal bewertet. Der Fokus gehe dabei auf eine Authentizität: Man wolle wissen, was man vor sich habe. Und hier setzten die Kommunikationsdefizite der vergangenen Jahre ein. Die Fleischwarenbranche habe es versäumt, mit dem Kunden zu kommunizieren und ihm die Geschichte hinter der Ware zu erzählen. Die Schokoladenhersteller seien in diesem Punkt besser vorgegangen. Besonders wenn es um den Themenkreis der Nachhaltigkeit gehe, sei die Süßwarenbranche einfallsreicher gewesen. Wenn das Konzept aus dem Rahmen falle, habe es gute Chancen, vom Konsumenten auch akzeptiert zu werden.
Der Verbraucher verlange ein „Qualitätsversprechen, das auch eingehalten wird“. So gelte es, auch und gerade beim Fleisch dessen Premium-Charakter in den Mittelpunkt zu stellen. „Der Konsument will wissen, warum etwas den verlangten Preis auch wirklich wert ist“, brachte er das Problem auf einen Nenner. Als Zielgruppe der Branche solle der Normalverbraucher gelten, der bereit ist, für eine besondere Leistung auch einen Mehrpreis auf die Theke zu legen.
Dass dies zu mehr Wertschätzung gegenüber dem Produkt führe, hält er hingegen für eine Illusion. „Es gibt kaum noch eine Schulklasse, die einen landwirtschaftlichen Betrieb besucht und dort etwas über die Aufzucht der Tiere erfährt.“ Stattdessen gebe es lediglich eine Verwässerung der Information über die Fleischwirtschaft, vermischt mit Botschaften, die immer kürzer werden.
Es müsse eine Bewusstseinsschärfung in die Wege geleitet werden sowie ein Sinn für die Ausgewogenheit der Beurteilung. „Wir müssen aus der passiven Rolle herauskommen“, lautete sein Appell. Dabei sei allerdings das Aufbauen eines Feindbildes, wie es von den Veganern gepflegt werde, der falsche Ansatz.