„Gesellschaftliche Trends – Gefährdung der landwirtschaftlichen Existenz?“ lautete das Motto des diesjährigen Bauerntags in Verden an der Aller, den die Niedersächsische Landesinitiative Ernährungswirtschaft (NieKE) im Juni 2015 gemeinsam mit der Erzeugergemeinschaft VzF GmbH (Verein zur Förderung der bäuerlichen Veredlungswirtschaft) veranstaltete. Zur Diskussion standen das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats zur Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) „Wege zur gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ sowie Konflikte und Gemeinsamkeiten zwischen Tierschützern und Tierhaltern.

„Tierschutzinduzierte Mehrkosten bleiben zum Teil auch bei den Landwirten hängen“, stellte Dr. Steffen Entenmann vom Institut für Agrarpolitik und Landwirtschaftliche Marktlehre fest. Er stellte das Gutachten sowie die darin enthaltenen Leitlinien für eine zukunftsfähige Tierhaltung aus Sicht des Tierschutzes vor. Verbesserte Haltungsbedingungen bedeuten immer auch höhere Produktionskosten und damit steigende Preise für die Endverbraucher-Haushalte. Es besteht aber das Problem des „kollektiven Handelns“ – Verbraucherwünsche und Verbraucherverhalten sind nicht deckungsgleich.
Die Konsumentinnen und Konsumenten wünschen sich tierische Lebensmittel aus besserer Haltung und sagen gegenüber Marktforschenden, dass sie einen höheren Preis gerechtfertigt finden. Doch die Bereitschaft, sich am Verkaufstresen tatsächlich für das teurere Produkt zu entscheiden, ist nur bedingt vorhanden. Dieses tatsächliche Verbraucherverhalten ist eine der Schwierigkeiten der bisherigen Tierwohlinitiativen. Es kann langfristig zur Verlagerung von Produktionsanteilen ins Ausland führen, in Staaten, in denen geringere Haltungsansprüche herrschen.
Wie sich die höheren Produktionskosten in Deutschland auf die Wettbewerbsfähigkeit an internationalen Märkten auswirken könnten, zeigte Entenmann an unterschiedlichen Szenarien: Steht Deutschland allein mit den gehobenen Ansprüchen an die Tierhaltung da, ist mit einem Rückgang der heimischen Schweineproduktion von 20 bis 37 Prozent zu rechnen, wenn keine Kompensation der Mehrkosten erfolgt. Schließen sich andere Länder oder gar die EU insgesamt den Bestrebungen für bessere Standards an, sinkt die deutsche Produktion ebenfalls, aber deutlich geringer.
Ist es gesellschaftlich gewollt, die Haltungsbedingungen von Tieren in der Lebensmittelerzeugung zu verbessern, dann ist dies nicht allein Aufgabe der Lebensmittelbranche, sondern auch der Politik. „Tierwohl ist ein öffentliches Gut“, so Entenmann und rechtfertigt damit, dass durchaus öffentliche Gelder zur Kompensation der Mehrkosten in der Produktion eingesetzt werden könnten.
Regina Bartel, www.aid.de