Michael Boddenberg ist seit einem Jahr Finanzminister in Hessen. Er verantwortet die Steuer- und Haushaltspolitik des Landes sowie das Bau- und Immobilienmanagement. Der Politiker ist gelernter Metzgermeister. Im Interview spricht er über politische Entscheidungen, sinnvolle Bürokratie und das Lebensmittel Fleisch.
Vor einem Jahr stellte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Rahmen einer Video-Pressekonferenz seinen neuen Finanzminister vor. Michael Boddenberg trat sein Amt mitten in der beginnenden Corona-Pandemie an. Man traute ihm diese Herausforderung zu, denn er gilt als bodenständiger Macher mit Sachverstand, Durchsetzungskraft und Erfahrung. Der ehemalige CDU-Fraktionschef im Hessischen Landtag ist auch in Berlin kein Unbekannter. 2009 wurde er für eine Legislaturperiode Staatsminister für Bundesangelegenheiten und so Hessens Mann in Berlin.
Trotz politischer Erfahrungen ist Michael Boddenberg ein Quereinsteiger. Er lernte Fleischer und führte nach Abitur und Meisterprüfung den elterlichen Schlachtbetrieb. Es folgten leitende Positionen unter anderem in der Tiefkühlindustrie sowie an der Fleischerfachschule Heyne in Frankfurt am Main. Dem Fleischerhandwerk ist er bis heute eng verbunden.
Die Fleischerei: Herr Minister Boddenberg, ein Jahr sind Sie jetzt Finanzminister in Hessen. Von einer normalen bisherigen Amtszeit kann wegen Corona wohl keine Rede sein. Welche anderen Themen haben Ihre ersten Monate im Amt denn sonst noch geprägt?
Michael Boddenberg: Ja, seit einem Jahr geht es vor allem um Corona. Das gilt aber nicht nur für mich, sondern für uns alle in der Politik, in der Wirtschaft und auch im privaten Bereich. Aber es gibt natürlich, Gott sei Dank, auch noch andere Themen außerhalb von Corona, die das Leben eines Finanzministers prägen, etwa steuerpolitische Fragen. Wir haben gerade, um ein Beispiel zu nennen, die ersten Ergebnisse unserer Recherche und Arbeit in Richtung Panama Papers veröffentlicht. Es ist leider so, dass von 300.000 Briefkastenfirmen irgendwo auf der Welt viele keinen legalen Zweck verfolgen. Wir sind dort als Land Hessen mit unserer Steuerverwaltung bei der Aufarbeitung sehr aktiv und Partner des Bundeskriminalamts – also ein Thema, das auch außerhalb von Corona durchaus national und international beachtet wird.
Ansonsten befassen wir uns an vielen Stellen schon mit der Zeit nach Corona. Nehmen Sie das Thema Brexit: Wir sind der Finanzplatz der Republik, vielleicht Kontinentaleuropas, und wollen schon schauen, dass wir diesem Anspruch weiterhin gerecht werden, nachdem die Briten ausgestiegen sind. Eine Reihe von Unternehmen aus London sind mittlerweile hier ansässig geworden, und unser Interesse ist, dass sich dieser Trend fortsetzt.
Die Fleischerei: Nach ihrer Ernennung erschien eine Pressemitteilung, die mit dem Satz begann: „Der Metzgermeister und CDU-Fraktionschef im Hessischen Landtag, Michael Boddenberg, wird neuer Finanzminister in Hessen“. Wie wichtig sind Ihnen Ihre handwerklichen Wurzeln?
Michael Boddenberg: Ich glaube, es gibt nicht allzu viele, die aus dem Handwerk kommen und in der Politik eine verantwortliche Position einnehmen, aus unserem Handwerk schon gar nicht. Da ist es mir schon wichtig, deutlich zu machen, dass man auch mit einer beruflichen Ausbildung, also ohne akademischen Grad, durchaus in der Politik reüssieren kann. Das war in meinem Fall zwar nie geplant, ist aber am Ende trotzdem so geworden. Insofern vergesse ich nicht, wo ich herkomme. Im Gegenteil: Soweit es die Zeit zulässt, bin ich weiterhin im und fürs Handwerk tätig, insbesondere bei uns in der Fachschule – und sei es nur zur Überreichung der Zeugnisse oder zur Ansprache an Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland – oder auch bei der Zentralgenossenschaft. Ich versuche, in der Branche weiter präsent zu sein und auch mitzubekommen, was in kleineren, aber auch in größeren Unternehmen von Relevanz ist.
Und das dient, glaube ich, auch meinem Amt als Finanzminister, dass man bestimmte Dinge sehr konkret vor Augen hat und versteht, was eigentlich gemeint ist, wenn in der Wirtschaft zum Beispiel Bürokratieabbau gefordert wird. Diese Zweigleisigkeit möchte ich mir bewahren.
Die Fleischerei: Wie geht es den Fleischereien in ihrer Region? Frankfurt ist Sitz des größten deutschen Flughafens und ein bedeutender Messestandort. Gibt es Unterschiede zwischen dem Umland und der Stadt?
Michael Boddenberg: Im Ballungsraum Frankfurt-Rhein-Main leben ja rund fünf Millionen Menschen. Da gibt es natürlich auch eine sehr heterogene Unternehmenslandschaft unserer Branche, wie den klassischen Metzger im Stadtteil, auch in der Innenstadt Frankfurt, und erst recht den klassischen traditionellen Metzger in der Region, in den Mittelzentren sowie in den kleineren Kommunen.
Da gibt es aber auch den Hightech-Metzger, der mittlerweile sehr stark nicht nur im Catering ist, sondern aktuell vielleicht auch partizipiert an digitalen Vertriebsformen, Stichwort E Commerce, und auch ganz viele, die sich in Richtung Gastronomie gewandelt haben, wie etwa die Metzgerei Willy Meyer. Das ist ein traditionsreicher Metzger in der Schweizer Straße in Frankfurt, der nicht nur als Caterer, sondern auch als Gastronom zum Beispiel im Städel in Frankfurt sehr, sehr erfolgreich ist. Ich finde es immer toll, wenn auch solche Topunternehmen und Gastronomen ihre Wurzeln wahren und nicht vergessen, wo sie herkommen und damit auch hohe qualitative Ansprüche verbinden.
Die Fleischerei: In Zeiten von Corona sind die Umsätze im klassischen Thekenverkauf von Fleischereien gestiegen. Profitieren die Betriebe des Fleischerhandwerks demnach also von der Pandemie?
Michael Boddenberg: Der klassische Thekenverkauf, der bei vielen ja 100 Prozent des Umsatzes ausmacht, ist im vergangenen Jahr tatsächlich um 15 bis 20 Prozent gestiegen. Das sagen mir jedenfalls Kollegen, mit denen ich darüber rede und die dieses auch sehr offen kommunizieren. Der vielseitig aufgestellte Unternehmer hat diesen Thekenumsatz auch, erwirtschaftet unter normalen Umständen aber vielleicht 50 Prozent seines Umsatzes im Catering. Und da sind die Umsätze ja in den vergangenen Monaten teilweise auf null gesunken oder haben nur sporadisch stattgefunden. Also gibt es auch Unternehmen, die sehr unter der aktuellen Situation leiden. Doch der klassische Metzger mit Produktion und Ladentheke, der hat eher profitiert.
Die Fleischerei: Also hat die Pandemie in gewisser Weise auch Chancen geboten?
Michael Boddenberg: Ja, wie alles im Leben meist zwei Seiten hat. Ausdrücklich will ich an dieser Stelle aber sagen, dass sich diese Pandemie nicht nur niemand gewünscht hat, sondern dass sie auch sehr viel Elend in die Welt getragen hat. Nicht zuletzt aufgrund der vielen Toten, die wir zu beklagen haben. Aber gerade bei einer so gravierenden Krise fangen vielleicht auch viele Menschen, Unternehmen und die Politik an nachzudenken: Wir in der Politik darüber, wie wir zukünftig im Falle von solchen Krisen schneller werden können, die Unternehmen, wie sie dann weniger anfällig sind, etwa was den Gesundheitsschutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anbelangt, und die Gesellschaft vielleicht über ihr Konsumverhalten. Uns allen wurde in der Anfangsphase der Pandemie ja sehr schnell bewusst, dass beispielsweise die pharmazeutische Industrie mittlerweile derart global aufgestellt ist, dass selbst die Beschaffung von banalen Produkten – Sie erinnern sich an die Schutzmasken und den Versuch, damals in China und sonstwo auf der Welt an diese Masken zu kommen – zum Problem wurde. Ich hoffe, es bleibt ein bisschen von der damaligen Idee, nicht alles global handeln und vermarkten zu müssen. Vielmehr sollten bestimmte Grundausstattungen, wozu natürlich vor allen Dingen auch Lebensmittel gehören, zumindest national, von mir aus auch europäisch, am besten aber regional produziert werden. Also da haben wir alle dazuzulernen. Insofern bietet auch diese Krise die Chance, wie Sie sagen oder in Ihrer Frage andeuten, dass man Lehren daraus zieht.
Die Fleischerei: Regionalität, steigendes Qualitätsbewusstsein und gesunde Ernährung bestimmen zunehmend das Konsumverhalten. Wie können Fleischer-Fachgeschäfte diese Trends nutzen?
Michael Boddenberg: Zum einen glaube ich tatsächlich, dass viele nicht nur pro Kunde mehr umgesetzt haben, sondern auch neue Kunden gewonnen haben. Und diese werden sie vielleicht ja auch behalten, wenn sie es geschafft haben, die neuen Kunden nicht nur in der Krise zu überzeugen, sondern sie über Qualität und Ansprache im Fachgeschäft auch dauerhaft zu binden.
Zum zweiten haben wir im Fleischerhandwerk – ganz pauschal betrachtet – weniger ein Umsatz- oder Absatzproblem als vielmehr ein Personalproblem. Betriebe schließen leider, weil sie keine jungen Leute finden, die sie übernehmen, oder weil Kinder etwas anderes vorhaben, als das Fachgeschäft ihrer Eltern weiterzuführen.
Vielleicht haben wir durch dieses Jahr aber auch eine Chance, dass sich da wieder was bewegt. Wenn nämlich die Betriebe wirtschaftlich durchaus erfolgreich sind, könnte es ja sein, dass der Junior oder die Tochter doch nochmal nachdenken. Es gibt da sehr positive Fälle. Ich verurteile natürlich überhaupt nicht, wenn sich Kinder anders entscheiden als für den Beruf der Eltern. Aber ich glaube, dass in vielen Familien auch über Gegenwart und Zukunft mehr gesprochen worden ist als vor der Krise.
Die Fleischerei: Die Zahl der Fleischereien nimmt Jahr für Jahr stetig ab. Welche Gründe hat das aus Ihrer Sicht? Wird diese Entwicklung an einem bestimmten Punkt enden oder stirbt die Branche aus?
Michael Boddenberg: Ich würde nicht so fatalistisch nach vorne schauen. Das klassische Fachgeschäft ist in Zahlen zwar weniger geworden. Aber auch innerhalb des Handwerks haben durchaus viele Kolleginnen und Kollegen filialisiert, und daraus sind mittelständische, große Unternehmen mit 20, 30, 50 und mehr Filialen geworden. Das ist ja keine Seltenheit.
Zweitens will ich mal ausdrücklich sagen: Früher, vor 30, 40 Jahren waren die Handwerker und die Fachgeschäfte die Guten und der Discount war mit seiner Qualität eher zweite Klasse. Da hat sich natürlich auch viel getan. Wenn ich heute zum Lebensmitteleinzelhandel gehe, sehe ich viele Kollegen, die bei uns eine Meisterprüfung gemacht haben, hinter dem Tresen stehen, die sehr verantwortlich dort auch eine gute Qualität produzieren. Die Vertriebsformen haben sich halt gewandelt.
Hinzu kommt, dass die Selbstständigkeit in unserer Gesellschaft schon seit einigen Jahren als nicht mehr so erstrebenswert angesehen wird, jedenfalls wenn sie auch noch mit körperlicher Arbeit zu tun hat. In Befragungen an Hochschulen, wohin es beruflich gehen soll, sagen deutlich mehr als die Hälfte: in den öffentlichen Dienst. Das ist auch legitim. Aber es zeigt ja doch, dass die volle unternehmerische Verantwortung für viele junge Menschen von vornherein überhaupt nicht auf dem Zettel steht.
Die Fleischerei: Der Berufsnachwuchs fehlt und der Fachkräftemangel im Fleischerhandwerk nimmt zu. Hat die Branche ein Imageproblem oder welche Gründe sehen Sie? Welche Strategien halten Sie, auch als ehemaliger Schulleiter, für lohnend?
Michael Boddenberg: Zunächst einmal lohnt es sich, glaube ich, noch mehr und intensiver an Vorbildern zu arbeiten. Vorbilder heißt, dass es Menschen gibt, die für eine Branche, in dem Fall für unser Handwerk stehen, also für Verantwortlichkeit gegenüber den Produkten, den Kunden, aber auch den Mit-Geschöpfen. Gerade auch viele junge Kolleginnen und Kollegen denken über die Grenzen ihres eigenen Betriebs hinaus, beispielsweise in Richtung Landwirtschaft und Umweltschutz, üben ihren Beruf sehr bewusst und verantwortungsvoll aus.
Dennoch leiden wir in unserer Branche unter dem einen oder anderen Klischee. Unser Berufsstand wurde und wird zum Teil noch immer mit blutrünstig und kalt, frühem Aufstehen und harter körperlicher Arbeit verbunden. Doch in den vergangenen Jahren hat sich dieser Beruf dramatisch verwandelt, wie zum Beispiel die Qualifikation in Richtung Sommelier zeigt. Sehr erfreulich ist auch, wie sich gerade jüngere Menschen den Rohstoffen in unseren Produkten in einer Detailtiefe und Breite zuwenden, nicht nur handwerklich, sondern auch intellektuell, wenn Sie so wollen. Und sie sind auch bereit, das zu zeigen, wie zum Beispiel die Nationalmannschaft – übrigens eine tolle Idee des Verbandes. Wenn man solche Leute stärker herausstellt, kann eine ganze Menge bewegt werden.
Wenn man von Imageproblemen spricht, ist das häufig der Versuch einer einfachen Erklärung für vielschichtige Ursachen. Es kommt vieles zusammen, was sich negativ auswirken kann. Da spielen manchmal auch die schlimmen Fernsehbilder und Tierschutzfragen eine Rolle. Nicht zuletzt die riesige Auswahl an beruflichen Möglichkeiten oder Studiengängen mit vielen hundert Berufsbildern führen zu einer großen Konkurrenz um die Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger. Trotzdem: Generell ist das Image der Branche ja durchaus sehr gut. Vor allem bei den Konsumenten, die ein bisschen genauer hinschauen, steht das Fachgeschäft hoch im Kurs.
Wir sollten unser Licht also nicht unter den Scheffel stellen, aber gerade bei jungen Leuten müssen wir jede Gelegenheit der Kommunikation suchen, um sie von dem Beruf zu überzeugen. Das ist Aufgabe der Verbände, aber auch der Betriebe und vor allem der jungen Leute, die im Beruf sind und mit Selbstbewusstsein über ihren Beruf und ihre Ausbildung reden können und sollten.
Die Fleischerei: Schädlich fürs Klima, Ursache für Tierleid und schlecht für die Gesundheit – ist die Kritik am Fleischverzehr berechtigt? Wie kann oder muss man ihr begegnen?
Michael Boddenberg: Wie immer ist nicht das Eine wahr und das Andere ganz falsch. Natürlich haben wir ein gehöriges Umweltproblem, zu dem natürlich auch die Landwirtschaft, nachgelagert also auch die Fleischwirtschaft, beitragen. Darüber wird man zukünftig sicher noch häufiger diskutieren und fragen, ob es nicht etwas weniger intensiv geht, auch was die Tierhaltung anbelangt. Beim Verbraucher werden Regionalität, Dezentralität, also eine Entwicklung eher hin zu kleineren Strukturen durchaus positiv gesehen, während große Industriebetriebe weltweit unterwegs sind und exportieren.
Niemand wird in Abrede stellen, dass Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Fleischproduktion weltweit Probleme bereiten, von der Verunreinigung des Grundwassers durch Gülle bis hin zu Klimafragen. Aber statt Verbote zu erlassen, sollte man eher auf das Verantwortungsbewusstsein der Menschen und deren Zugänglichkeit für Argumente vertrauen. Wir in Deutschland haben die Chance, mit gutem Beispiel voranzugehen und auch die Branche selbst muss ein unmittelbares, fundamentales Interesse daran haben, sich weiterzuentwickeln, in Bezug auf Haltungsfragen, die Qualität und einen angemessenen Preis für unsere Produkte. Da gefällt mir vieles nicht, was ich nach wie vor in der Werbung beim Discounter sehe. Doch hier sollte man ebenfalls nicht mit Verboten arbeiten – und das gilt auch für den Fleischkonsum.
Die Fleischerei: Apropos: Der Fleischverzehr in Deutschland sinkt. Werden sich die Deutschen zukünftig vor allem pflanzenbasiert und eher fleischlos ernähren?
Michael Boddenberg: Ich glaube, dass Fleisch zu einer gesunden Ernährung dazu gehört. Es ist wichtig für den Stoffwechsel und Energielieferant. Dieser Meinung sind rund 90 Prozent der Menschen in unserem Land. Und dann stellt sich die Frage nach der Menge und nach Toleranz: Ich würde niemanden schräg anschauen, weil er sagt, er esse kein Fleisch. Wenn mir aber jemand erklärt, er tue dies, weil er keine Mit-Geschöpfe aufesse, dann kann es sein, dass ich ihn frage, ob sein Konsum nur bei der Nahrung kein Fleisch vorsieht oder ob sein Verzicht auch andere Lebensbereiche betrifft, bis hin zum Schuhwerk. Wenn jemand seinen Verzicht ernährungsphysiologisch begründet, akzeptiere ich das. Ich sehe das anders, wie die meisten, auch in der Wissenschaft, das anders sehen, nämlich dass Fleisch unabdingbar ist, gerade bei kleinen Kindern, und Bestandteil einer gesunden Ernährung, auch im Erwachsenenalter, ist. In der Branche sollten wir aber zeigen, dass wir nachdenklich sind und offen für Debatten, uns jedoch nicht generell in Frage stellen.
Nein, wir werden kein Volk von Vegetariern werden, das halte ich für ausgeschlossen und auch für Unsinn. Und was Klimafragen anbelangt, wird man schnell auch bei pflanzlichen Nahrungsmitteln feststellen, dass es wie etwa beim Anbau von Reis, der ja in Asien einen hohen Stellenwert hat, ähnliche Probleme gibt wie mit den Methan-Gasen. Solche Klimaargumente sind häufig politisch oder ideologisch motiviert, haben mit seriöser Betrachtung und objektiver Beurteilung aber nichts zu tun.
Die Fleischerei: Was halten Sie von einer Tierwohlabgabe, um den notwendigen Umbau der Nutztierhaltung zu finanzieren?
Michael Boddenberg: Grundsätzlich halte ich sehr viel von allem, was Verbesserungen im Tierschutz anbelangt, also auch von Tierwohl. Die Initiative Tierwohl ist eine freiwillige Angelegenheit und insofern entscheiden die Verbraucherinnen und Verbraucher, ob sie Produkte mit diesem Label kaufen oder nicht. Ob die Mittel ausreichen, müssen andere beurteilen, ich bezweifele das. Doch man hat hierbei wirklich eine Zweckbindung. Mit einer Steuer hätte man das nicht. Es wäre schlichtweg nicht möglich, die Umsatzsteuer zu erhöhen, um zu sagen, das Geld nehmen wir jetzt für einen verbesserten Tierschutz. Ich halte sehr viel davon, dass der Markt die Dinge regelt, nicht unbedingt alleine, aber zumindest weitestgehend.
Und wenn man den Verbraucherinnen und Verbrauchern oft genug sagt, dass weniger Fleisch zu essen, dafür aber ein bisschen mehr zu zahlen, allen zugutekommt, dann ist doch allen gedient. Wenn die Produkte 10 Prozent teurer werden und unsere Wertschöpfung damit besser bezahlt wird, auch die vom Landwirt, dann kann der Fleischverzehr ruhig von 60 auf beispielsweise 57 kg pro Kopf und Jahr sinken.
Darüber hinaus hat die Politik natürlich auch die Möglichkeit, die Anforderungen beispielsweise an Haltungs- oder Transportbedingungen zu verändern. Da ist schon einiges passiert und aus meiner Sicht wird sich das weiterentwickeln, aber die Betriebe müssen das auch bewältigen können und Planungssicherheit haben.
Die Fleischerei: Die zunehmende Bürokratie und viele politische Entscheidungen (Dokumentation, Eigenkontrolle, Bon-Pflicht, neue Kassensysteme) belasten die Handwerker. Wie können sich Metzger und Mittelstand besser Gehör verschaffen?
Michael Boddenberg: Ja, es gibt natürlich das eine oder andere Stück Papier zu viel. Auf der anderen Seite sind wir auch eine Gesellschaft inklusive meines Handwerks, die auch Sicherheitsaspekte und -erwartungen sehr hochhalten, und wer Sicherheit will, muss schon auch den Staat mit im Boot haben. Das wiederum bedeutet, dass es Regeln geben muss, die eingehalten werden müssen, weshalb es dann am Ende so viele Formulare auszufüllen gilt. Trotzdem fordere ich jeden in der Wirtschaft und auch in meinem Handwerk immer wieder auf: Wenn Ihr etwas habt, was Euch wirklich gegen den Strich geht, dann sagt es uns, dann sagt uns, was wir konkret abbauen sollen – Stichwort Bürokratie. Ich muss aber auch sagen, dass da keine Wäschekörbe voll mit Vorschlägen kommen.
Natürlich kann man sich über die eine oder andere Statistik, wie zum Beispiel monatliche Mengenmeldungen, ärgern, und man fragt sich hin und wieder „Wozu das Ganze?“. Auf der anderen Seite sind wir aber froh, dass wir am Ende daraus Entwicklungen absehen, einschätzen und politisch reagieren können. Eine Zahl von 60 kg Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch muss ja irgendwoher kommen, und da steht ganz viel Empirie und Bürokratie dahinter. Diese Informationen ermöglichen erst, dass man über Veränderungen diskutieren oder deren Ursachen feststellen kann.
Trotz aller Kritik an Bürokratie: Die Verwaltung in Deutschland ist relativ perfekt, was uns gerade in Corona-Zeiten allerdings Probleme bereitet. Denn perfekt ist im Moment nicht alles, sondern schnell wäre besser. Wenn wir aber in zwei, drei Jahren auf diese Pandemie zurückblicken, werden wir feststellen, dass es in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen Ländern vielleicht doch nicht ganz so schlecht gelaufen ist. Das sage ich übrigens auch heute schon: Wir haben eine ganz gut funktionierende Bürokratie.
Wir sind eine Gesellschaft, die gerne fast alles geregelt haben will. Beim Steuerrecht zum Beispiel erwarten alle, dass wir jedem einzelnen, seinen ganz besonderen individuellen Umständen, seiner privaten oder seiner unternehmerischen Situation gerecht werden. Das führt dann zwangsläufig zu ziemlich vielen Steuergesetzen, Richtlinien, Verordnungen und Verfügungen aus den Ministerien sowie aus den Finanzverwaltungen. Deshalb warne ich auch vor der Vorstellung, Politik würde besser funktionieren durch weniger Bürokratie.
Unabhängig davon stellen wir uns bei Gesetzgebungsverfahren natürlich immer auch die Frage, welcher bürokratische Aufwand mit der Anwendung der entsprechenden Rechtsnorm verbunden ist, auch für die Wirtschaft.
Die Fleischerei: Welches Fleischgericht essen Sie am liebsten?
Michael Boddenberg: Meine Frau würde jetzt spontan für mich antworten: Leberkäse! Das stimmt auch, Leberkäse mit Spiegelei und Bratkartoffeln. Ansonsten aber auch wirklich ein herzhaft gut gebratenes Kotelett oder Schnitzel von einem Schwein, wo ich das Gefühl habe, dass man schon am Geschmack erkennt, dass es etwas anders aufgewachsen ist als viele seiner Artgenossen.
Und bei Wurstwaren ist es Leberwurst. Meine Mutter meinte, ich hätte als Kind so viel Leberwurst gegessen, dass ich eigentlich zu 80 oder mindestens 70 Prozent aus Leberwurst bestünde.