Mehr Verpackungsmüll durch die neue LMIV?

Seit einiger Zeit machen sogenannte „unverpackt“-Läden von sich Reden: Läden, die Lebensmittel durchweg lose anbieten und damit nicht nur Verpackungsmüll vermeiden, sondern auch die endlosen Diskussionen darüber, was eigentlich wie auf der Packung stehen muss. Das wiederum regelt ab Dezember 2014 die europäische Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV). Sie löst das bislang geltende nationale Kennzeichnungsrecht ab, ändert dabei auf den ersten Blick wenig, aber doch immerhin so viel, dass sich manch ein Hersteller die Haare rauft, wie er die neuen Pflichtangaben auf die Packung bringen soll.

Mehr Verpackungsmüll durch die neue LMIV
Beim Verkauf von loser Ware stellt sich die Frage nach den Pflichtangaben auf dem Etikett nicht und Verpackungsmüll wird vermieden. - © Röhr

Das wiederum könnte auch zu mehr Verpackungsmüll führen, so jedenfalls die Überlegungen von Dr. Petra Unland, Abteilungsleiterin Lebensmittelrecht der Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG auf einem Presse-Seminar des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) Mitte September 2014. Denn europaweit agierende Unternehmen müssten künftig zwei bis drei Mal mehr Verpackungen unterschiedlich bedrucken, um den Anforderungen der LMIV gerecht zu werden. Eine kalkulatorische Herausforderung, bei der eine gewisse Überproduktion an Verpackung und damit mehr Müll kaum vermeidbar erscheint.

So ist künftig neben der Nährwerttabelle für viele Convenience-Produkte wie Pizza oder tiefgekühlte (TK) Pfannengerichte beispielsweise auch die Angabe einer Gebrauchsanleitung Pflicht. Sie allerdings darf nicht wie bisher allein in Bildern erfolgen, sondern muss mit Worten erläutert werden. Über den Sinn dieser Vorgabe lässt sich streiten. Fakt ist, dass mehr Platz für die Pflichtkennzeichnung nötig ist, zumal diese künftig eine Mindestschriftgröße erfüllen muss. Da haben insbesondere Hersteller, die für den Markt mehrerer oder gar aller 28 EU-Mitgliedstaaten produzieren und bislang ihre Produkte in bis zu 24 Sprachen etikettierten ein echtes Platzproblem. Auf die gewohnt plakativen, appetitanregenden Produktabbildungen auf der Packung zu verzichten, wäre eine Lösung, die aber am Veto der Marketing-Abteilungen scheitern dürfte.

So bleibt letztlich nur eins: Hersteller müssen ihre Packungsvordrucke in der Weise aufsplitten, dass eben nicht mehr jede Packung auch jede EU-Amtssprache trägt. Und das wiederum hat Folgen für die gesamte Unternehmenslogistik. Mehr Packungen bedeutet mehr Lagerraum, für TK-Ware kommen zusätzliche Energieaufwendungen wegen der erforderlichen Kühlung dazu. Die bis dato gekannte Flexibilität, dass letztlich jede Packung in jedem Mitgliedstaat vermarktet werden könne, ginge mit Geltungsbeginn der LMIV verloren, so Unland.

Produkte, die beispielsweise allein in romanischen Sprachen gekennzeichnet seien, können schließlich nicht in Nordeuropa vertrieben werden. „Ladenhüter“ werden somit zum Problemfall für den Hersteller, wenn dieser die Waren nicht mehr alternativ vermarkten kann. Wie dieses Dilemma gelöst wird, ist fraglich. Umetikettierungen sind kostspielig. Mehr Müll scheint unvermeidbar. Nicht unwahrscheinlich, dass Lebensmittel wegen ihrer nicht rechtskonformen Kennzeichnung gleich ganz entsorgt werden. In diesem Kontext mag die finanzielle Mehrbelastung - für Unternehmer und letztlich auch für jeden einzelnen Verbraucher - kaum eine Erwähnung wert sein.

Dr. Christina Rempe, www.aid.de