Firmenwagen, sicherer Bürojob, gutes Gehalt: Michael Geyer hatte vieles, wovon andere träumen. Trotzdem kehrte er ins Metzgerhandwerk zurück und machte kürzlich seinen Meister. Was ihn antrieb, wie er mit 49 das Lernen neu entdeckte und warum er jedem Gesellen zur Weiterbildung rät.

Herr Geyer, Sie arbeiten in einer Metzgerei im östlichen Baden-Württemberg. Wie kommt es, dass Sie sich für Landshut als Meisterschule entschieden haben?
Michael Geyer: Aus Familientradition. Mein Vater ist in Landshut geboren und hat seine Meisterausbildung an der 1. BFS gemacht. Auf seinen Meisterbrief, gerahmt und aufgehängt, war ich immer ein bisschen neidisch. Nach dem Umzug meiner Familie in die Nähe von Nagold habe ich meine Lehre bei einem kleinen Metzgerbetrieb in der Umgebung begonnen. Nach einem halben Jahr als Geselle musste ich zur Bundeswehr. Als ich zurückkam, gab es in der Metzgerei leider keine freie Stelle mehr für mich. Der damalige Plan B, den Meister zu machen, scheiterte an meiner Gesundheit. Ich musste einen anderen Weg einschlagen und absolvierte eine Umschulung zum Industriekaufmann. Am Ende landete ich im Personalwesen eines Unternehmens, mit sicherem Job und Firmenwagen. Aber tief drin war immer klar: Das war nicht das, wofür mein Herz wirklich schlug.
Gut bezahlter Job, Firmenwagen, halbwegs geregelte Arbeitszeiten: Wie sind Sie dann wieder in einer Metzgerei gelandet?
Mein eigentlicher Beruf hat mich nie losgelassen. Die Liebe zum Handwerk war immer da. Als wir 2016 nach Ellwangen gezogen sind, ergab sich plötzlich wieder die Möglichkeit, in einer Metzgerei zu arbeiten. Ich habe keine Sekunde gezögert, auch wenn der Verdienst geringer war. Die Freude, wieder in meinem alten Beruf zu stehen, war einfach größer.
Der Meister war dann das i-Tüpfelchen?
Absolut. Der Meisterbrief an der Wand war für mich das große Ziel. Entsprechend konsequent führte mein Weg schließlich zur Weiterbildung nach Landshut.
Was war für Sie die größte Herausforderung während der Weiterbildung?
Ich musste erst wieder lernen, wie man lernt. Die Frage war: Welche Strategien helfen mir wirklich, mir den Stoff nachhaltig zu verinnerlichen? Mit 49 Jahren fällt das natürlich nicht mehr ganz so leicht wie früher. Als Schlagzeuger in einer Band bleibe ich zwar mental beweglich, aber diese geballte Wissensflut in kurzer Zeit war schon eine echte Herausforderung.
Haben Sie die Inhalte der Meisterausbildung überrascht.
Nein, eigentlich nicht. Auf den betriebswirtschaftlichen Teil war ich durch meine Ausbildung gut vorbereitet, und auch die Praxis bereitete mir keine größeren Schwierigkeiten. Überrascht hat mich jedoch der Ausbildereignungsschein. Schritt für Schritt eine Arbeitsanweisung auf Papier zu bringen, war eine echte Herausforderung.
Ellwangen-Landshut ist ja keine Strecke, die man täglich fährt. Wo waren sie denn untergebracht?
Während der drei Monate habe ich bei einer Familie im Dachgeschoss gewohnt, etwa zehn Kilometer von der Schule entfernt. Die Organisation lief über die Fleischerschule, und sowohl die Schule als auch meine Gastfamilie haben mich hervorragend unterstützt. An freien Wochenenden, wenn kein Übungsseminar stattfand, bin ich aber nach Hause gefahren.
Name: Michael Geyer
Meisterschule: 1. Bayerische Fleischerschule Landshut
Alter: 49 Jahre
Können Sie sich an einen besonderen Moment während der Prüfung erinnern?
Ja, das war in meiner ersten schriftlichen Prüfung. Wir mussten einige Multiple-Choice-Aufgaben bearbeiten. In der Vorbereitung wurde uns geraten, immer auf die Punktzahl der Aufgabe zu achten – zum Beispiel: Zwei Punkte = zwei richtige Antworten. So bin ich in die Prüfung gestartet. Nach einer kurzen Pause folgte die nächste schriftliche Prüfung. Beim Austeilen der Blätter wurde noch einmal ausdrücklich betont: „Bei den Multiple-Choice-Aufgaben ist nur eine Antwort richtig, genau wie in der vorherigen Prüfung.“ Da wurde mir sofort klar: Meine erste Prüfung hatte ich versemmelt. Ich bin zwar nicht durchgefallen, aber diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen – und mir fest vorgenommen: Erst zuhören, dann den Stift zücken.
Welche Aufgaben mussten Sie in der praktischen Prüfung bewältigen?
In der praktischen Prüfung mussten wir unter anderem eine sogenannte Rinderpistole fachgerecht zuschneiden, den Schlachttierkörper benennen und die Qualität beurteilen. Auch gesetzliche Vorgaben wurden dabei abgefragt. In der Wurstprüfung habe ich einen Rinderstreifen-Bierschinken und original bayerische Weißwürste hergestellt. Drei Fertiggerichte gehörten ebenfalls zum Prüfungsprogramm. Ich habe mich für eine gefüllte Kalbsbrust, ein Schweinefilet mit Frischkäsefüllung und eine Rinderroulade entschieden. Bei der Rinderroulade habe ich auf süßen Senf und eine besondere Inszenierung der Essiggurke gesetzt, beim Anschneiden ergab sich ein sehr schönes Schnittbild. Besonders Respekt hatte ich vor dem Plattenlegen. Das Übungsseminar an einem Wochenende in Landshut war dafür aber eine hervorragende Vorbereitung.
Was steht als Nächstes an, jetzt wo Sie den Meisterbrief erhalten haben?
Zunächst werde ich wohl in meinem Betrieb bleiben. In Kürze stehen Gespräche an, welche zusätzlichen Aufgaben ich übernehmen kann. An eine Selbstständigkeit denke ich vorerst nicht – allein der Aufwand, die Bürokratie und die gesetzlichen Vorgaben würden enorme Investitionen erfordern, die ich mir momentan keinesfalls leisten möchte.
Den Meisterbrief können Sie aber durchaus weiterempfehlen?
Auf jeden Fall. Weiterbildung schadet nie. Der älteste Kursteilnehmer in Landshut war 57 Jahre alt. Unser Handwerk ist ein Erlebnis und unglaublich vielseitig. Sich hier auf unterschiedlichen Wegen weiterzubilden, lohnt sich also immer.
Was ist ihr Lieblingswerkzeug, ihre hilfreichste Maschine?
Besonders faszinierend finde ich den Kutter und seine Leistungsfähigkeit und natürlich die Rauchanlagen in der Metzgerei Bühler. Es ist beeindruckend, welche unterschiedlichen Geschmacksnoten sich mit verschiedenen Rauchzusätzen erzeugen lassen. Vor technischen Neuerungen darf man keine Angst haben. Zwar ist man mit zunehmendem Alter vielleicht etwas langsamer als die medienaffine Jugend, aber man schafft es trotzdem.
Wie sehen sie das Handwerk in zehn Jahren.
Wenn die Politik nicht gegensteuert, sehe ich eher schwarz. Während meiner Weiterbildung habe ich viele motivierte Nachwuchsmetzger kennengelernt, die spannende Ideen für die Zukunft haben, zum Beispiel die Ausbildung mit dem Erwerb eines Führerscheins zu verbinden. Viele sind zudem sehr aktiv in den sozialen Medien. Diesen Arbeitseifer gilt es zu nutzen, statt ihn durch immer neue Vorgaben zu bremsen.
Wenn man sie nicht in der Wurstküche antrifft, wie verbringen sie ihre Freizeit?
Ich spiele Schlagzeug in einer Band, man findet mich also entweder im Probenraum oder auf Konzerten. Ab und zu campen wir auf einem nahegelegenen Campingplatz. Spätestens am Grill zeigt sich aber wieder meine Leidenschaft für das Metzgerhandwerk.
Was essen Sie am liebsten?
Am liebsten Kutteln, schön sauer, mit Semmelknödeln. Dieses Gericht habe ich von meiner Oma väterlicherseits gelernt. Grundsätzlich bin ich aber offen für alles. Im Urlaub habe ich sogar schon Schlange und Insekten probiert.
Metzgerei Bühler
Die Fleischerei Bühler in Ellwangen ist ein familiengeführter Betrieb, der auf frische Ware ebenso setzt wie auf Dosenwurst und Convenience-Produkte. Im Sortiment finden sich Klassiker wie Fleischkäse, Lyoner oder Bratwurstbrät, aber auch fertig zubereitete Gerichte wie Sauerbraten, Rindsrouladen oder Currywurst. Über eine App können Kunden ihre Lieblingsprodukte vorbestellen und in der Filiale abholen, zudem steht ein Online-Shop bereit. Außerdem gibt es täglich ein frisches Mittagessen. Im Sommer 2023 eröffnete Inhaber und Metzgermeister Christian Bühler im Industriegebiet Neunheim/Neunstadt eine neue Metzgerei mit Verkaufs- und Gastrobereich. Trotz der personalarmen Ausrichtung ist Bühler ständig auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften, um die Qualität und Vielfalt seines Angebots zu sichern.