Die Stimmung auf einem Deutschen Fleischer-Verbandstag war schon mal besser als auf dem 135. Treffen der Fleischer, das in diesem Jahr am 19. und 20. Oktober in Nürnberg stattfand. Das lag sicher vor allem an der derzeitigen wirtschaftlichen Lage der fleischerhandwerklichen Betriebe, die sich in den letzten Monaten offenbar spürbar verschlechtert hat. Das hatte eine aktuelle Mitgliederbefragung des DFV ergeben, auf die Präsident Herbert Dohrmann in seiner Eröffnungsrede Bezug nahm.

„Die Stimmung in unseren Unternehmen ist mehr als angespannt“, berichtete der DFV-Präsident von dem Ergebnis der Umfrage zur Lage der Branche. Es zeige sich, „dass der Kostendruck noch weiter zugenommen hat, aber immer häufiger auch die Umsätze schwächeln.“ Hinzu kommen die „extrem angespannte Personalsituation“ sowie der absehbar steigende Mindestlohn und die Folgen. Höhere Kosten und damit zwangsläufig höhere Verkaufspreise treffen zudem auf eine weiter sinkende Kaufkraft der Verbraucher. Diese fragen schon jetzt zum Beispiel weniger Rindfleisch nach, dessen Beschaffungskosten sich in den letzten Monaten deutlich nach oben entwickelt und Rindfleischartikel erheblich verteuert haben.
Warten auf Reformen
Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in den Betrieben ist aber nur ein Grund für die gedrückte Stimmung auf dem Verbandstag. Hinzu kommt die zunehmende Verärgerung darüber, dass die von der Bundesregierung angekündigten Reformen noch immer auf sich warten lassen. Es sollte ja eigentlich der „Herbst der Reformen“ werden. Davon kann aber leider keine Rede sein, denn abgesehen von einigen kleinen Weichenstellungen ist es bei der Formulierung von Zielsetzungen und Absichtserklärungen geblieben.
Statt grundlegende Reformen des Rentensystems, des Gesundheitswesens und im Bereich der Sozialleistungen zumindest auf den Weg zu bringen, begnügt man sich mit kleineren Anpassungen wie Aktivrente, Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze oder Umbenennung des Bürgergelds in Grundsicherung. Notwendige Infrastrukturmaßnahmen harren ihrer Umsetzung, weil die Verteilung der zu diesem Zweck aufgenommenen Milliardenschulden noch nicht geklärt ist. Und auch von dem versprochenen Bürokratieabbau ist gerade in den Handwerksbetrieben bisher nicht viel angekommen.
Positiv stellte DFV-Präsident Herbert Dohrmann in seiner Rede heraus, dass „die Chemie zwischen Politik und Fleischerhandwerk wieder stimmt.“ Das Fleischerhandwerk werde wieder gehört, vor allem auch weil DFV-Vizepräsidentin Nora Seitz in den Bundestag gewählt und mit Alois Rainer ein Metzgermeister Bundeslandwirtschaftsminister geworden ist.
Im Ergebnis seiner Ausführungen forderte Dohrmann, dass die Politik jetzt endlich dafür sorgen muss, dass die Betriebe wirtschaftlich erfolgreich sein können. Das setzt in erster Linie weniger Bürokratie und somit mehr unternehmerische Handlungsfreiheit voraus.
Schaltung nach Berlin
Auf der Mitgliederversammlung des Verbandstags wurde Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), zugeschaltet, der über die aktuelle politische Lage in Berlin informierte und seine Einschätzung gab, wo die neue Bundesregierung steht. Der ZDH-Generalsekretär berichtete von einem hohen Handlungsdruck, unter dem die Regierung angesichts der aktuellen gesamtwirtschaftlichen und weltpolitischen Situation steht. Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit seien die Voraussetzung für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Zu diesem Kernthema habe es kürzlich einen direkten Austausch zwischen Wirtschaftsbossen und der Bundesregierung gegeben. Die Wirtschaft erwartet demnach spürbare Entlastungen und bemängelt die Regulierungsflut, die Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Arbeitgebern sei und Missbrauch von Handlungsspielräumen unterstelle.
Holger Schwannecke rief dennoch zu Besonnenheit und einem Weg „zwischen Härte und Stablität“ auf. Bei allem Frust und enttäuschten Erwartungen solle nicht nur gejammert sondern mit Zuversicht in die Zukunft geschaut werden.

Eröffnungsrede von Herbert Dohrmann
Nachfolgend wird die Rede von DFV-Präsident Herbert Dohrmann zur Eröffnung des 135. Deutschen Fleischer-Verbandstag am 19. Oktober 2025 in Nürnberg in Auszügen wiedergegeben:
„Das Jahr 2025 ist für den Deutschen Fleischer-Verband und für das Fleischerhandwerk insgesamt ein ganz besonderes Jahr – und das aus beeindruckend vielen Gründen. Diese Besonderheiten strahlen natürlich auch auf diesen Verbandstag aus.
Eines der für uns wichtigsten Ereignisse dieses Jahres ist ganz zweifellos, dass der Deutsche Fleischer-Verband in 2025 150 Jahre alt geworden ist. Wir haben dieses stolze Jubiläum Anfang Juli in einem Festakt in Berlin gebührend gefeiert. Wer mit dabei sein konnte, wird sicher bestätigen, dass es eine sehr würdige und stilvolle, aber keineswegs steife und trockene Veranstaltung war. Wir konnten dort ein selbstbewusstes politisches Statement setzen, das eben nicht nur die Tradition gefeiert, sondern viel mehr noch den Anspruch für die Zukunft formuliert hat.
Wir konnten dabei zahlreiche hochkarätige Gäste begrüßen: Abgeordnete, Spitzenbeamte, Kollegen aus anderen Wirtschaftsverbänden und natürlich den Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, unseren Kollegen Alois Rainer. Er hat die Feierstunde mit einer Festrede bereichert, die sehr dicht an unserem Handwerk dran war.
Man muss es auch im Rahmen dieses Verbandstags noch einmal würdigen, was unsere Vorväter in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zustande gebracht haben. Rund um die Entstehung des Deutschen Reichs reifte die Einsicht, dass man nur dann Gehör bei der neuen Reichsregierung finden kann, wenn das Fleischerhandwerk mit einer Stimme spricht. Einfluss kann man eben nur nehmen, wenn es Sprecher gibt, die durch eine demokratische Wahl legitimiert sind und deshalb die Gesamtheit repräsentieren. Diese Erkenntnis ist heute eine Selbstverständlichkeit der berufsständischen Vertretung. Damals aber, im Deutschland der kleinen Fürstentümer und großen Königreiche war dieser Gedanke ein Meilenstein. Das Ganze mündete dann 1875 in Gotha in der Gründung des Deutschen Fleischer-Verbands.
Dass wir zum Festakt so viele politische Gäste hatten, wirkt heute ein bisschen nach. Natürlich hätten wir uns gern auch hier beim Verbandstag wie üblich mit Politikern ausgetauscht, fanden es aber dann doch wichtiger, dass wir unseren Kongress dazu nutzen, etwas intensiver zu beraten, wie wir uns den besonderen Herausforderungen, der Zeit stellen können.
Dazu dient natürlich auch die Mitgliederversammlung, die wir morgen hier durchführen werden. Aber auch heute schon wollen wir dieses breite Aufgabenfeld aufrufen. Wir haben Kolleginnen und Kollegen eingeladen, die in ihren Unternehmen ganz unterschiedliche Herausforderungen meistern müssen. Dabei hat jeder seine Lösungen gefunden, die vielleicht auch anderen in der Branche Richtung geben können. Alle sind gestandene Unternehmerinnen und Unternehmer, aber Sie werden es sehen, dass wir auch jüngere Kolleginnen und Kollegen dabeihaben, die auch noch einen längeren Horizont im Blick haben wollen und müssen. Das führt vielleicht auch zu anderen Ideen. Außerdem finden die jüngeren Leute vielleicht alternative Lösungsansätze, die es heute womöglich braucht. All das wollen wir im Anschluss an meine Ausführungen in einer Podiumsdiskussion beleuchten.
Ich habe es eingangs erwähnt, dass das Jahr 2025 nicht nur wegen unseres Jubiläums ein besonderes Jahr ist, sondern auch aus anderen Gründen. Wir hatten zum Beispiel im Mai in Frankfurt die IFFA, die Weltleitmesse unserer Branche, die alle drei Jahre stattfindet. Es war eine rundum gute und erfolgreiche Messe mit vielen Gesprächen, Kontakten und natürlich auch mit guten Geschäften. Auch für uns als Verband war die IFFA außerordentlich erfolgreich, das werden wir morgen in unseren Rechenschaftsberichten etwas ausführlicher zum Thema machen.
Schon kurz davor, im März, haben wir unser Hauptstadtbüro in Berlin eröffnet, auch das ein Highlight dieses Jahres. Wir sind jetzt noch dichter am Politikbetrieb dran und können schneller und intensiver auf unser Handwerk aufmerksam machen. Die Eröffnung im März kam zum richtigen Zeitpunkt, denn etwa zeitgleich ging es nach der Bundestagswahl in Berlin so richtig los.
Regierungsbildung und Stimmungswechsel
Die Wahl und die anschließende Regierungsbildung, natürlich auch alles in 2025, brachte durchaus Erfreuliches mit sich. Unsere Vizepräsidentin Nora Seitz wurde erstmals in den Bundestag gewählt. Man darf in diesem Zusammenhang einmal erwähnen, dass es trotz des deutlich verkleinerten Bundestags jetzt gleich zwei Fleischermeister im Bundestag gibt, damit sind wir fast schon mit den Rechtsanwälten und Lehrern gleich auf. Und der andere Fleischermeister ist schließlich noch zum Bundesminister ernannt worden. Man darf tatsächlich ernsthaft sagen, dass das Fleischerhandwerk derzeit im politischen Berlin aufgestellt ist, wie selten zuvor.
Es ist wirklich erstaunlich, was sich in den letzten Monaten verändert hat. Die starke mediale Begleitung des Bundestagseinzugs der jungen Unternehmerin im Fleischerhandwerk Nora Seitz, die es nicht nur in der regionalen Presse, sondern auch im Fernsehen und im SPIEGEL gegeben hat, und natürlich das Ministeramt von Alois Rainer haben ein völlig anderes Licht auf das Fleischerhandwerk geworfen.
Natürlich gab es auch reflexartige Ablehnung gegen den schwarzen Metzger, aber als Ganzes betrachtet haben wir gewaltig an Hoffähigkeit gewonnen. Wir sind nicht mehr die mit dem ungesunden Fleisch, die Tiere töten und das Klima zerstören, sondern es gibt wieder deutlich mehr Anerkennung und Respekt für das, was wir tun.
Ich mache das auch an atmosphärischen Dingen fest, zum Beispiel am Auftritt des Bundeskanzlers beim Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Wir haben dieses Fest mit einem Bewirtungsstand gesponsort und unsere Nationalmannschaft hat dabei einen fantastischen Eindruck hinterlassen, nicht nur am Stand, sondern auch in vielen Gesprächen mit Spitzenpolitikern. Das Beeindruckendste war aber noch nicht einmal, dass der Kanzler unseren Stand als einen von nur zwei ausführlicher besuchte und wir uns dabei mit ihm austauschen konnten. Fast noch besser war, dass er später in seiner Grußrede auf der Bühne diesen Besuch bei den Fleischern ausdrücklich erwähnte. Er drückte dabei seine Freude aus, dass er nicht nur einen Fleischer in seiner Ministerriege hat, sondern dass gutes Fleisch und beste Wurst wieder eine positive Rolle spielen.
Ich bin mir nicht sicher, wann es das zuletzt in der 150-jährigen Geschichte unseres Verbandes gegeben hat, dass sich der mächtigste Politiker Deutschlands vor rund 2.500 Gästen aus Politik und Wirtschaft ausgerechnet das Fleischerhandwerk aussucht, um es lobend zu erwähnen. Das hat uns schon gut gefallen. Die Chemie stimmt also wieder zwischen Politik und Fleischerhandwerk, anders als wir es vor allem zuletzt bei der Ampel-Regierung hatten. Die Frage ist allerdings: „Was hilft uns das?“
Das Fleischerhandwerk wird wieder gehört
Was man in jedem Fall feststellen kann, ist eine enorm verbesserte Gesprächskultur. Allein, dass wir mit einem Minister sprechen, der Ahnung von dem hat, was er zu tun hat, ist ein Genuss. Diese verbesserte Gesprächskultur zeigt sich auch an anderen Stellen. Wir werden gehört, nicht nur im Ministerium, sondern auch in den Fraktionen. Wir hatten mehrere Treffen mit dem Landwirtschaftsminister zu ganz unterschiedlichen Themen und wir stehen im Austausch mit Abgeordneten, die für uns relevante Themen federführend bearbeiten.
Darüber hinaus habe ich noch am letzten Montag in Berlin an einer Bundestagsanhörung zum Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz als Sachverständiger teilgenommen. Da ging es vor allem darum, dass wir den Kabinettbeschluss verteidigen müssen, der uns aus dem Geltungsbereich des Gesetzes ausnimmt, was immerhin eine gewisse Entlastung mit sich brächte. Wir werden also auf verschiedenen Ebenen gehört, was uns in vielen Sachfragen enorm hilft, unsere Positionen einzubringen und auch durchzusetzen.
Also, es sei noch einmal festgestellt, dass das Jahr 2025 viel Gutes und Erfreuliches gebracht hat. So schön das ist, man darf aber nicht übersehen, was dieses Jahr noch nicht gebracht hat. Da fehlt noch sehr viel von dem, was man uns versprochen hat und was wir dringend einfordern müssen
Viele Defizite in der Politik
Man muss sich gar nicht so besonders anstrengen, das Fehlende zu identifizieren. Das hat die Bundesregierung in der Klausurtagung in der Villa Borsig in Berlin vor gut zwei Wochen alles selbst aufgelistet. Ich habe die Pressemitteilung der Bundesregierung zu den Ergebnissen dieser Ministertagung gelesen. Ich bin ehrlich, ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll.
In dieser Presseerklärung werden die wichtigen Leute aus der Regierung zitiert. Der Kanzler lobt zum Beispiel die gute, vertrauensvolle, offene, kollegiale und partnerschaftliche Zusammenarbeit in dieser Koalition. Gut, dass er das sagt, von außen betrachtet war davon noch nicht viel zu sehen. Mich hat das bislang doch alles eher an die Zerstrittenheit der Ampel erinnert. Aber jetzt ist alles besser, „und deswegen bin ich sehr zuversichtlich“, sagt Friedrich Merz. Es wäre jedenfalls prima, wenn es ab sofort so wäre.
Vizekanzler Klingbeil sagt, dass man weit davon entfernt sei, sich zurückzulehnen. Das finde ich schon aus Prinzip gut für einen Minister. Und er sagt auch, man müsse nun aufs Tempo drücken. Auch da bin ich ganz einverstanden. Innenminister Dobrint, der CSU-Statthalter in der Regierung, wird wörtlich zitiert mit den Worten „Wir wollen, wir können und wir werden Deutschland voranbringen“.
Und dann werden in dieser Erklärung noch einige beschlossene Aktionen vorgestellt. Es gibt jetzt eine „Hightech Agenda“, die für Sicherheit, Wachstum und Wohlstand sorgt, dazu einen Aktionsplan für Fusionsenergie und ein – ACHTUNG – „Wasserstoffbeschleunigungsgesetz“ sowie eine „Modernisierungsagenda“ für Staat und Verwaltung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte das hier nicht veralbern. Ich will der Regierung sehr gern unterstellen, dass sie die richtigen Weichen stellen will. Aber bis hierhin klingt das alles für mich wie die bekannten Ankündigungen und Worthülsen, denen einfach zu wenig Konkretes folgt.
Was jetzt kommen muss
Ich will gerne noch einmal sehr kurz und kompakt sagen, wie wir die Sache sehen und was wir im Verbund mit nahezu allen anderen Wirtschaftsverbänden immer wieder vortragen:
1. Es braucht die vollständige Einsicht, dass wir praktisch alle Probleme nur dann lösen können, wenn wir wirtschaftlichen Erfolg haben. Umwelt, Klima, Sozialleistungen, Verteidigung, Infrastruktur, Gesundheitssystem, Rente und so weiter. Für alles brauchen wir Geld, das wir vorher erwirtschaften müssen.
2. Lasst die Unternehmen machen. Das Vertrauen in die Unternehmer muss wieder her, dann können wir viel Bürokratie abbauen, die auf Misstrauen und Missgunst basiert und die tatsächlich der Mühlstein am Hals des Mittelstandes ist.
3. Schafft Waffengleichheit im Wettbewerb. Wir haben die höchsten Steuern, die höchsten Sozialabgaben, die höchsten Energiekosten im internationalen Vergleich. Wir haben aber auch unterschiedliche Gebühren für große und kleine Unternehmen innerhalb Deutschlands. Das muss sich endlich ändern.
Das war es schon fürs erste. Drei Punkte, an die man ranmuss. Dann kommt man automatisch an den richtigen Stellen vorbei.
Notwendige Reformschritte
Zum Beispiel endlich das Anpacken einer grundlegenden Reform der sozialen Sicherungssysteme. Verschlanken, vereinfachen, ausdünnen. Das hat nichts mit sozialem Kahlschlag zu tun. Wer Hilfe wirklich braucht, der muss ordentlich unterstützt werden, wer selbst kann, bekommt nichts. Punkt. Das ist nicht nur gerecht, das schont auch die Staatskasse und den Steuerzahler.
Oder endlich mal ehrlich werden im Rentensystem. Jeder weiß es: Es gibt nur drei Faktoren, die für die Rentenkasse eine Rolle spielen: Beitragshöhe, Rentenhöhe und Renteneintrittsalter. Die Renten sind für viele sowieso nicht üppig und Beiträge schon jetzt zu hoch. Was bleibt? Genau. Jeder weiß es, aber die Reflexe sind immer dieselben. Es werden Ablenkungsdebatten geführt. Beamte und Selbständige sollen auch einzahlen. Klingt nett, löst aber kein Problem. Denn wer einzahlt, erwirbt auch Ansprüche. Das Problem wird nur in die Zukunft verlagert, die folgenden Generationen trifft es dann umso härter.
Erkläre mir doch bitte mal einer, warum diejenigen, die es können, nicht länger arbeiten sollen. Für diejenigen, die es nicht können, muss es Lösungen geben, damit die Rente nicht schrumpft. Aber es ist doch Wahnsinn, dass die Menschen heute im Durchschnitt 20 Jahre Rente beziehen, während es in den 60ern und 70ern nur 10 Jahre waren. Und das bei immer weniger Beitragszahlern.
Oder die Krankenversicherung: Warum sind denn bitte Karenztage des Teufels? Warum ist die Praxisgebühr, die wir ja schon mal hatten, unzumutbar? Oder die Pflegeversicherung: Die Pflegestufe 1 gab es bis vor kurzem gar nicht. Alle bestätigen, dass es hier gewaltige Mitnahmeeffekte gibt. Aber der empörte Aufschrei gegen solche vernünftigen und im Grunde zumutbaren Korrekturen kommt zuverlässig.
All diese Segnungen, das wird erstaunlicherweise in vielen Debatten ausgeblendet, werden von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezahlt. Die Unternehmen werden kostenseitig an die Wand gedrückt, die Arbeitnehmer haben immer weniger Netto. Mir ist absolut schleierhaft, warum sich die Sozialdemokraten grundlegenden Reformen verweigern, während ihre Stammwählerschaft, die Malocher auf Schicht, immer höhere Beiträge zahlen. So kann das nicht weitergehen.
Nochmal zurück zur Presseerklärung der Bundesregierung. Es stehen Ziele in diesem Papier. Und es ist wichtig, Ziele zu definieren. Aber entscheidend ist doch, ob sie auch erreicht werden. Und da wird es jetzt langsam mal Zeit.
Entlastung bei der Bürokratie
Werden wir konkret: Das altbekannte, aber nun in der Villa Borsig erneuerte Versprechen, für jede neue bürokratische Last zwei bestehende Auflagen abzuschaffen, habe ich gelesen. Ich bin sehr gespannt, welche zwei Auflagen wir für die zusätzliche Haltungsstufenkennzeichnung gestrichen bekommen. Und wir werden in der Diskussion darüber auch daran erinnern, dass wir noch zwei gestrichene Bürokratielasten für die Herkunftskennzeichnung guthaben. Und nochmal zwei für die Verpackungssteuer. Und nochmal zwei für die Aufzeichnungssysteme in unseren Ladenkassen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Juli habe ich im Rahmen meiner kurzen Ansprache in unserer Jubiläumsveranstaltung gesagt, dass es beim Deutschen Fleischer-Verband eine große, gute und im übrigen auch sehr erfolgreiche Tradition gibt. Diese Tradition besagt, dass wir in unserer Kritik und bei unseren Forderungen jederzeit fair und konstruktiv bleiben. Das wollen und das werden wir auch unbedingt so weiter handhaben. Wir belassen es nicht bei der Kritik, sondern machen Vorschläge, wie es besser geht. Wir haben alles schon vielfach vorgelegt und werden es auch gerne noch einmal bereitstellen: Wir haben konkrete Vorschläge, wie man bürokratisch entlasten kann, wie Kostendruck genommen wird, wie man zu einer Politik kommt, die Unternehmertum wertschätzt und fördert.
Es ist jetzt in vielerlei Hinsicht ganz kurz vor Zwölf. Wir wollen jetzt keine Versprechen mehr lesen, die das Recyclingpapier nicht wert sind, auf die sie gedruckt werden. Wir wollen, dass jetzt endlich gehandelt wird. Noch in diesem Herbst, noch vor Weihnachten. Mal los jetzt!
Stimmung und Lage haben sich verschlechtert
Auch bezogen auf unser Handwerk ist eine solche grundlegend veränderte Politik zwingend. Die Stimmung in unseren Unternehmen ist mehr als angespannt. Das wissen wir aus vielen Gesprächen und aus der Befragung, die wir kurz vor diesem Verbandstag in unserer Mitgliederschaft durchgeführt haben. Anders als in unseren früheren Befragungen zeigt sich erheblich mehr Besorgnis, was die aktuellen Entwicklungen angeht. Lange hatten wir die Situation, dass wir in der Mehrzahl der Unternehmen stabile Umsätze hatten, wobei allerdings die Erträge durch hohen Kostendruck eher schwächer ausgefallen sind.
Heute zeigt sich, dass der Kostendruck noch weiter zugenommen hat, aber immer häufiger auch die Umsätze schwächeln. Es ist für viele Kollegen greifbar, dass die Kunden zurückhaltender werden, eher mal zu preiswerteren Teilstücken oder Produkten greifen. Dort wo es noch Umsatzsteigerungen gibt, sind die oft nur nominal und lassen sich auf deutlich höhere Verkaufspreise zurückführen.
Es kommen derzeit einfach viele Dinge zusammen. Wenn wir uns die Kostenseite betrachten, dann sehen wir extrem hohe Einkaufspreise, ohne dass es eine realistische Aussicht gibt, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Das trifft auf die nach wie vor extrem angespannte Personalsituation. Trotz aller punktueller Erfolge, zum Beispiel beim Anwerben von jungen Ausbildungs- oder Arbeitskräften aus dem Ausland, dürfen wir auch hier nicht mit schneller Entlastung rechnen.
Verschärft wird das noch durch die Entwicklungen beim Mindestlohn. Der wird steigen, was dazu führen wird, dass auch die besser Verdienenden einen Aufschlag erwarten, damit der Abstand nach unten gleichbleibt. Es kann sich jeder ausrechnen, was es kosten wird, wenn jede Arbeitsstunde im Betrieb einen Euro mehr kostet.
Es wäre schön, wenn Politiker, die hier ständig Steigerungen fordern, verstehen würden, dass ein höherer Mindestlohn eben kein Mehr an Kaufkraft für die Beschäftigten bedeuten, weil die Preise für Waren und Dienstleistungen dadurch nach oben getrieben werden.
Wir müssen also mit den Verkaufspreisen rauf und das hat Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten. Marktbeobachter stellen jetzt schon fest, dass Rindfleischartikel deutlich weniger nachgefragt werden.
Rückblick auf Sinsheim
Zu dieser drückenden Preissituation kommt eine Versorgungslage, die deutlich angespannt ist. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an unseren Verbandstag in Sinsheim. Das war vor vier Jahren. Wir haben seinerzeit zum Thema gemacht, was auf uns zukommen wird.
Es ging damals um Tierwohl, Haltungsformen, Kennzeichnungssysteme. Damals war die ganz überwiegende Mehrheit der Delegierten der Auffassung, dass kein besonderer Handlungsbedarf besteht sich damit zu befassen.
In diesem Zusammenhang haben wir auch über den Strukturwandel gesprochen, den wir in der Landwirtschaft erleben. Auch hier war die Gelassenheit in der Tagung von Sinsheim groß. Und jetzt ist es da. Extrem knappes Angebot, vor allem bei Rindern und Kälbern, aber auch beim Geflügel. Das treibt nicht nur die Preise, sondern führt inzwischen auch zu Versorgungsengpässen. Wer nicht frühzeitig ans Weihnachtsgeschäft gedacht hat, hat Probleme. Und bei der gelieferten Qualität darf man auch nicht so wählerisch sein wie früher. Wenn man frech wird, wird die Ware eben wieder mitgenommen, andere Abnehmer warten schon.
Solche Probleme treten vielleicht noch nicht überall in gleichem Maß auf, aber es soll sich keiner etwas vormachen, der Druck lastet auf dem gesamten Markt. Das sind alles Entwicklungen, die wirklich Sorgen machen.
Ursachen des Strukturwandels
Wir erleben tatsächlich ein ungebremstes Erodieren der regionalen Strukturen. Das hat ganz verschiedene Ursachen. Eine Rolle spielen sicher diejenigen Verbraucher, die beim Einkauf vorwiegend auf den Preis achten, angestachelt durch Preiskämpfe der Discounter. Dem kann man nur gerecht werden, in dem die Land- und Ernährungswirtschaft mehr und mehr industrialisiert und zentralisiert wird. „Wachse oder weiche!“, diese Losung hat der Bauernverband selbst herausgegeben.
Die Politik hat das nur zu gerne aufgenommen und Größe belohnt, vor allem durch eine verfehlte Förderpolitik und durch mangelnden Schutz für die Kleinen in der Vermarktungskette. Das alles zeigt jetzt Wirkung.
Jetzt umsteuern und krisenfest werden
Noch ist es nicht zu spät umzusteuern und mit einer anderen Schwerpunktsetzung zu besseren Entwicklungen zu kommen. Dieses Umsteuern ist aus aktuellem Anlass absolut alternativlos, das muss ganz dringend verstanden werden.
Durch Corona, Ukraine-Krieg und Donald Trumps Zölle haben wir schmerzhaft gelernt, dass wir in der Lage sein müssen, uns so gut wie es geht selbst zu versorgen – bei Energie, bei Medikamenten und natürlich auch bei Lebensmitteln. Das gilt in schweren Krisen und mehr noch, falls dann doch einmal der Verteidigungsfall eintritt. Wir brauchen nicht drumherum reden, Sie alle wissen es, es geht inzwischen auch darum, kriegstüchtig zu werden – und zwar nicht nur militärisch, sondern auch im Hinblick auf den Zivilschutz. Das ist kein schönes Thema, aber wir müssen uns dem stellen.
Wir erleben in den letzten Wochen eine ständig wachsende Provokation durch gezielte Grenzüberschreitungen. Wir reden eben nicht mehr über eine abstrakte Bedrohung, sondern davon, dass eine bewaffnete Auseinandersetzung konkret möglich ist. Wir sind heute schon in Gespräche eingebunden, in denen solche Szenarien besprochen werden. Eines steht dabei fest: Wenn in den schlimmsten Fällen die flächendeckende Versorgung der Menschen im Land mit Wasser, Energie und Infrastruktur gesichert werden soll, dann wird es ohne das Handwerk nicht gehen. Und wenn die Menschen mit Lebensmitteln versorgt sein sollen, dann ist das Lebensmittelhandwerk absolut unverzichtbar. Allein mit großen, industriellen und konzentrierten Strukturen wird das nicht gelingen, denn die lassen sich schnell ausschalten. Dezentrale Strukturen aber können die Versorgung gewährleisten.
Es ist sehr unangenehm, sich mit solchen bedrückenden Szenarien zu beschäftigen, aber es muss verstanden werden, dass zu den vielen guten Gründen, regionale Strukturen zu erhalten, ein sehr dringender und existenziell wichtiger dazugekommen ist. Auch hier haben wir Vorschläge, auch hier werden wir konstruktiv mitarbeiten. Aber es muss grundsätzlich verstanden werden, dass man künftig etwas mehr als bisher tun muss, um Zentralisierung und Konzentration entgegenzuwirken.
Wir packen selbst an
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir haben vorhin den kurzen Film gesehen, der wichtige Stationen unserer Verbandsgeschichte aufgezeigt hat. Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, da war ganz viel drin, bei dem die Fleischer in ihrer Zeit nicht darauf gewartet haben, dass ihnen irgendwer irgendetwas ermöglicht. Da wurden die Dinge ganz oft selbst in die Hand genommen.
Das fing mit der Gründung des DFV an, ging über in die Schaffung einer Fachausstellung und die Etablierung einer eigenen Berufsgenossenschaft, das galt für den Neuanfang nach dem Krieg und die Gründung einer Zentralgenossenschaft. Natürlich war auch der Rahmen, den sich das Fleischerhandwerk mit dem frühen f-Zeichen und der späteren f-Marke gegeben hat, so ein selbstgemachter Meilenstein.
Wir sind wie alle darauf angewiesen, dass uns durch die gesetzlichen Regelungen Rahmenbedingungen vorgegeben werden, die ein erfolgreiches Wirtschaften ermöglichen und nicht verhindern. Das müssen wir natürlich fordern. Aber wir sind auch bereit, unseren Anteil am Erfolg des Landes und am gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten. Wir sind bereit, mit anzupacken und gute Lösungen zu präsentieren.
Das ist der Anlass für die jetzt anschließende Podiumsdiskussion. Wir wollen zusammentragen, was wir zu bieten haben, um es ständig weiterzuentwickeln. Deshalb wird es auch ganz sicher keine abschließende Liste von Möglichkeiten geben. Vielmehr wollen wir einen sinnvollen Zwischenschritt gehen, so wie es in 150 Jahren viele gegeben hat und so wie hoffentlich noch viele folgen werden.
Vielen Dank.“ www.fleischerhandwerk.de