Am 13. Und 14. Oktober 2019 traf sich das Deutsche Fleischerhandwerk auf seinem 129. Verbandstag in der bayerischen Landeshauptstadt– perfekt organisiert von der Fleischer-Innung München mit ihrem Obermeister Andy Gaßner. Zur Diskussion und Entscheidung stand in diesem Jahr insbesondere auch die zukünftige Ausrichtung des DFV, deren Tätigkeits- und Arbeitsschwerpunkte maßgeblich abhängen von den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln aus den Beiträgen der Mitgliedsbetriebe.
Nach einer „typisch bayerischen“ Begrüßung durch Obermeister Gaßner, der mit seinen kritischen Anmerkungen in Richtung Politik viel Zustimmung fand und durch die humoristische Art seines Vortrags auch viele Lacher auf seiner Seite hatte, erläuterte Ernährungswissenschaftler Uwe Knop seine ganz eigene Sicht der Dinge zum Fleischkonsum.
In seinem Vortrag machte der Ernährungsexperte deutlich, dass viele Studien auf Korrelationen zwischen Fleischverzehr und Krankheiten beruhen, die keinen wissenschaftlichen Aussagewert haben, weil die Kausalität von Ursache und Wirkung fehlt. Sein Fazit lautete daher: Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für „gesunde“ Ernährung – und auch nicht für eine „krankmachende“. Seine Empfehlung: „Essen Sie nur dann, wenn Sie echten, körperlichen Hunger verspüren und zwar nur das, worauf Sie Lust haben, was Ihnen schmeckt und was Sie gut vertragen!“
Finanzplanung und Ausrichtung des DFV
Absehbar ist: Die Zahl der Innungsbetriebe wird auch in den kommenden Jahren, vorsichtig geschätzt, um durchschnittlich rund 300/Jahr zurückgehen, und damit sinken unvermeidlich auch die Beiträge, mit denen der DFV seine Arbeit und seine Leistungen für die Mitgliedsbetriebe finanziert. DFV-Hauptgeschäftsführer Martin Fuchs stellte die mittelfristig zu erwartende Einnahmen- und Ausgabensituation des Verbands detailliert dar und verschiedene Varianten zum Umgang mit den Fakten zur Diskussion. Im Kern ging es dabei um die Beantwortung der Frage, ob der DFV sein bisheriges breites Leistungsspektrum für seine Mitglieder erhalten oder bis auf ein Minimum, nämlich die politische Interessenvertretung, zurückfahren soll. Die erste Alternative setzt voraus, dass die Mitgliedsbeiträge in den kommenden Jahren in einem Umfang steigen müssen, dass die sinkenden Einnahmen kompensiert werden können. Die zweite Alternative bedeutet dagegen weitreichende Einschnitte in fast allen Tätigkeitsbereichen des DFV. Viele Leistungen, von denen die Mitgliedsbetriebe bei ihrer täglichen Arbeit bisher profitiert haben, könnten dann einfach nicht mehr erbracht werden.
Am 14. Oktober, dem zweiten Tag des Verbandstreffens, haben sich die Mitglieder vollumfänglich mit nur einer Enthaltung für die erste Alternative entschieden. Das heißt konkret, dass die Mitgliedsbeiträge pro Betrieb in den nächsten Jahren jeweils um 20 Euro steigen werden und so die Finanzierung der Leistungen auf dem bisherigen Niveau gesichert ist. Damit wurde auch dem ausdrücklichen Wunsch des DFV-Präsidenten Herbert Dohrmann entsprochen, dass die permanenten Diskussionen über höhere Beiträge endlich ein Ende haben und der DFV und seine Mitglieder sich nun verstärkt auf die viel wichtigeren Sachfragen konzentrieren können, die die Zukunft des Fleischerhandwerks betreffen.
Rede von DFV-Präsident Herbert Dohrmann zur Eröffnung des 129. Fleischer-Verbandstag 2019 in München
„Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich, dass ich heute den 129. Deutschen Fleischer-Verbandstag eröffnen kann. Nachdem wir im letzten Jahr im schönen Hamburg zu Gast waren, sind wir nun am südlichen Ende unseres Landes in München. Dass diese Stadt vieles zu bieten hat, wissen wir alle schon lange. Kollege Andy Gaßner hat uns gestern Abend schon großartig bewirtet und hat in seiner heutigen Begrüßung Appetit auf mehr gemacht. Lieber Andy, vielen Dank für Eure Unterstützung und Gastfreundschaft. Leider müssen wir heute und morgen auch ein bisschen arbeiten, eigentlich viel zu schade in dieser Stadt. Aber wir schauen, dass noch Zeit fürs Genießen bleibt.
Genießen ist das richtige Stichwort, wenn ich mich jetzt an unseren Referenten wende. Sehr geehrter Herr Knop, nicht nur, dass wir Ihren Vortrag genossen haben, viel wichtiger war noch die Nachricht, dass man Fleisch noch guten Gewissens essen kann. Wenn man tagtäglich in der Zeitung liest, dass neueste Studien darauf schließen lassen, dass Fleisch krank macht, konnten fast schon bei uns selbst Zweifel aufkommen. Vielen Dank dafür, dass Sie uns aufgezeigt haben, wie die vermeintlichen Erkenntnisse in vielen Fällen zustande kommen. Ist ja klar: Man stelle sich vor, die These zur gesunden Ernährung, die der Deutsche Fleischer-Verband seit langem vertritt, wird zum Allgemeingut. Wir sagen: Iss ausgewogen von allem, aber von nichts zu viel und du bleibst gesund. Das wussten schon unsere Großeltern und daran ändert sich auch künftig nichts. Was machen dann aber die vielen Ernährungswissenschaftler, die ständig neue Erkenntnisse verkaufen?
Ihr Vortrag, Herr Knop, hat uns nicht nur gezeigt, wie Ernährungsforschung heute funktioniert. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die uns große Sorgen machen muss. Ganz viele Debatten, die wir heute verfolgen können, werden nicht mehr von gesundem Menschenverstand und gesicherter Erkenntnis geleitet, sondern von ideologischen, populistischen oder geschäftlichen Interessen. Die Bedenken gegen den Fleischkonsum werden ja nicht nur von einer fragwürdigen Forschung formuliert. Nur zu gerne werden solche Dinge auch von denjenigen aufgegriffen, die Fleischverzehr aus ideologischen Gründen grundsätzlich ablehnen. Bedauerlicherweise sitzen solche Leute auch in maßgeblichen Positionen, zum Beispiel dort, wo über Forschungsgelder entschieden wird. Und so schließt sich der Kreis: Bestimmte Ergebnisse sind gewollt und führen damit zu neuen Forschungen, die genau diese Sichtweise bestätigen sollen.
Solche Entwicklungen sehen wir auch in anderen Bereichen. Schauen Sie sich die Klimadebatte an. Jüngstes Beispiel: Die Regenwälder werden auf großen Flächen niedergebrannt. Das ist durchaus besorgniserregend. Aber was wurde von sogenannten Experten als wichtigster Punkt genannt, um dem Regenwald zu helfen? Esst weniger Fleisch. Ganz ausdrücklich wurde dabei betont, dass nicht nur die Importe aus Südamerika gemeint sind, sondern vor allem auch das hier erzeugte Fleisch. Das Futtersoja, das hier eingesetzt wird, wird auf den niedergebrannten Waldflächen angebaut. Im Umkehrschluss heißt das nach dieser Lesart: Esst kein Fleisch, dann gibt es auch keinen Grund zu roden. Verkürztes Denken ist oft leider die Regel. Dass die Rodungen eine Folge der wirtschaftlichen Not der Menschen dort sind, bleibt meist unerwähnt. Würde man dort kein Soja anbauen, wäre es wäre es Kaffee, Kakao oder Koka. Hier müsste dringend angesetzt werden.
Und was die Fleischproduktion angeht: Es wird schon gar nicht mehr gefragt, wo und wie Tiere gehalten werden. Dass es auch Fleischerzeugung gibt, die sehr wohl den berechtigten Interessen des Klimaschutzes gerecht wird, bleibt völlig außen vor. Es zählt die einfache und populistische Antwort. Und die lautet: Fleisch zerstört Umwelt und Klima. Fakt ist, dass der Fleischkonsum derzeit aus ganz unterschiedlichen Richtungen in die Zange genommen wird. Tierschutz, Klima, Gesundheit, die angebliche enorme Zunahme vegetarischer Ernährung, all das sind Angriffe, die durchaus auch gezielt gefahren werden.
Es ist ein schwacher Trost, dass es anderen auch nicht besser geht. Wir wissen aus unserer engen Zusammenarbeit in unserem internationalen Verband, dass es in anderen europäischen Staaten ähnliche Debatten gibt. Heute können wir wieder unsere Freunde aus den Nachbarländern begrüßen, die das sicher bestätigen werden. Frau Jacqueline Balzer aus Frankreich, Herrn Rudolf Menzel aus Österreich und Dr. Ruedi Hadorn aus der Schweiz gilt mein besonderer Willkommensgruß.
Aber auch andere Wirtschaftsbereiche sind betroffen. Man schaue sich nur an, was man derzeit mit der Automobil- Branche macht. Systematisch wird hier eine Schlüsselindustrie unseres Landes zerlegt. Auch hier regieren die einfachen Antworten: Diesel schlecht, Elektro gut. Natürlich, die Automobilkonzerne haben schwere Fehler gemacht, aber das darf den Blick darauf nicht verstellen, dass wir aus vielen Gründen eine funktionierende Autoindustrie brauchen. Hier geht es zum einen um Wirtschaftskraft, denn ohne einen gewissen Wohlstand werden wir es uns nicht leisten können, die berechtigten Forderungen nach mehr Umweltschutz zu erfüllen. Die Fortschritte, die wir in den letzten Jahren erreicht haben – und die heute kaum noch einer wahrnimmt – waren nur möglich, weil wir wirtschaftlich dazu in der Lage waren. Und wer, außer einer leistungsfähigen Autoindustrie, soll die Entwicklung von neuen, besseren Mobilitätskonzepten voranbringen? Ich vermute, dass die Entwicklungszentren der Konzerne, die viele Millionen verschlingen, so schnell nicht anderswo ersetzt werden können. Ja, hier wurde Zeit vergeudet und Entwicklungen wurden verschlafen, aber trotzdem wird es ohne diese Ingenieursleistungen nicht gehen. Ich habe den Eindruck, dass an vielen Stellen in der öffentlichen und politischen Debatte Maß und Ziel verlorengegangen ist. Die Folgen konnte man kürzlich bei der IAA sehen, bislang eine der bedeutendsten Auto-Messen der Welt. Die Besucherrückgänge waren mehr als beachtlich. Das ist durchaus besorgniserregend.
Gut, dass es in Frankfurt kurz zuvor eine außerordentlich erfolgreiche Messe gegeben hat, die eine ganze Reihe neuer Rekorde aufgestellt hat. Die IFFA, die Weltleitmesse der Fleischwirtschaft, war eine beeindruckende Leistungsschau der Branche und vor allem auch der Aussteller. Wir haben ja eingangs schon einen kleinen Eindruck gewonnen. Wir sind sehr froh, dass wir hier mit der Messe Frankfurt zusammenarbeiten können. Heute sind Frau Jeglitza-Moshage, Frau Horaczek und Herr Schmidt-Wiedersheim hier, um mit uns gemeinsam zufrieden auf eine tolle Veranstaltung zurückzublicken. Vielen Dank für Ihr Kommen. Wir werden uns gemeinsam anstrengen, dass die IFFA nicht genauso in die Mangel kommt wie die IAA. Im Jahr 2022 werden wir wieder bereit sein.
Die Schnelligkeit, mit der Themen kommen und gehen, ist beeindruckend und die Oberflächlichkeit, mit der diese Themen häufig abgehandelt werden, ist erschreckend. Die schnelle Twitter-Nachricht ist manchen wichtiger als durchdachte und verlässliche politische Arbeit. Wir machen es uns natürlich nicht so einfach und schimpfen auf „die Politik“. Es gibt natürlich auch viele Politiker, denen das Ergebnis ihrer Arbeit wichtiger ist als eine flotte Selbstdarstellung. Einen davon haben wir ja heute hier, den Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion in Hessen, unseren Kollegen Michael Boddenberg. Lieber Michael, herzlich willkommen. Auch du wirst beklagen, dass diejenigen, die ganz einfache Lösungen anbieten, häufig mehr Aufmerksamkeit bekommen, als es gut ist.
Die jeweiligen Themen, die im Fokus stehen, sind kurzlebig. Eben noch waren es die Flüchtlinge, dann der Tierschutz und jetzt ist es das Klima. Und je nachdem, bei welcher Partei das aktuelle Thema am überzeugendsten gespielt wird, verteilen sich die Prozente bei den Wahlprognosen. Jedenfalls ist es kaum noch vorhersehbar, welche Parteien demnächst die Regierung stellen. Das gilt nicht nur für den Bund, sondern auch für die Länder, selbst für solche, bei denen man dachte, dass Wechsel für immer ausgeschlossen sind. Entscheidend ist immer mehr, welches Thema am Wahltag gerade die Schlagzeilen bestimmt. Entsprechend geht es rauf und runter. Wer also weiß, wer nach der nächsten Wahl ins Kanzleramt einzieht? Und wer mag das für uns wichtige Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft künftig leiten? Vielleicht müssen wir uns als Verband schon bald mit politischen Vorhaben auseinandersetzen, die weit über das hinausgehen, was uns heute beschäftigt.
Auf der Erfolgswelle schwimmen ja derzeit die Grünen. Keiner weiß, wann die nächste Bundestagswahl sein wird, aber es ist offensichtlich nicht ganz ausgeschlossen, dass die Grünen danach in die Regierung einziehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Gespräche, die wir schon geführt haben, weiter intensivieren. Sehr gerne hätten wir heute den frisch wiederwählten Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Dr. Anton Hofreiter, hier bei uns gehabt. Er ist Münchner, weswegen wir ihn eingeladen haben, um uns mit ihm über Gemeinsames und Trennendes auseinanderzusetzen. Das wäre bestimmt ganz unterhaltsam geworden. Leider hat er heute keine Zeit, weswegen er uns abgesagt hat.
Nichts desto trotz werden wir das Gespräch weiter suchen. Es ist wichtig, dass wir schon am Ball sind, bevor irgendwann die nächsten Koalitionsverhandlungen laufen. Denn die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass die dabei ausgehandelten Koalitionsverträge immer mehr zum verbindlichen Handbuch der Regierungsarbeit in der jeweiligen Legislaturperiode geworden sind. Vereinbarungen sind sicher die Voraussetzung für eine geregelte Regierungsarbeit, sie können aber auch zur Fessel werden. In nächtlichen Arbeitsrunden werden Festlegungen getroffen, die später nicht mehr in Frage gestellt werden. Eine Diskussion und Beratung, welche Vorhaben sinnvoll und machbar sind, findet oft nicht mehr statt, um den Koalitionsfrieden nicht zu gefährden. Dafür gibt es viele Beispiele: Mütterrente, Mietpreisbremse oder PKW-Maut.
Auch in unserem Bereich gibt es ein gutes Beispiel: Die Reduktionsstrategie für Fett, Salz und Zucker, die Ministerin Klöckner vorantreibt. Sie tut das, weil es im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist. Worum geht es? Damit es nicht so viele dicke Kinder gibt, sollen verarbeitete Lebensmittel in ihrer Zusammensetzung so geändert werden, dass sich die Menschen automatisch vernünftiger ernähren.
Nun es ist höchst fragwürdig, ob es der Gesundheit der Menschen tatsächlich dient, wenn man bei Produkten Salz und Fett reduziert. Sogar das Bundeszentrum für Ernährung, das dem Klöckner-Ministerium untersteht, räumt ein, dass Salzreduktion auch das Gegenteil dessen bewirken kann, was es soll. All das wird aber kaum noch wahrgenommen. Der Koalitionsvertrag steht und er wird umgesetzt!
Gerade in der Reduktionsfrage wird massiv Druck aufgebaut, auch gegen das Lebensmittelhandwerk. Es wird erwartet, dass der DFV konkrete Zahlen nennt, wie viel Salz und Fett die Betriebe des Fleischerhandwerks in den Erzeugnissen reduzieren. Zwar steht im Koalitionsvertrag auch, dass die besonderen Belange des Handwerks zu berücksichtigen sind, aber konkrete Vereinbarungen werden trotzdem verlangt. Die Drohung ist eindeutig: Wenn keine verbindliche freiwillige Vereinbarung möglich ist, dann kommt eine gesetzliche Pflicht. Wir sind ernsthaft bestrebt, mit den politischen Entscheidungsträgern konstruktiv zusammenzuarbeiten. Wie ich schon angedeutet habe, könnte es sein, dass wir uns schon bald ganz anderen Forderungen ausgesetzt sehen. Wir können aber nichts versprechen, was nicht einzuhalten ist. Auch wenn es im Koalitionsvertrag steht. Wir sind zuversichtlich, dass wir hier noch deutlich machen können, dass wir gute Vorschläge gemacht haben, welchen Beitrag das Fleischerhandwerk leisten kann. Wir arbeiten in dieser Frage eng mit dem Max-Rubner-Institut, der früheren Bundesanstalt für Fleischforschung, zusammen. Gemeinsam wollen wir Grundlagen schaffen, die unseren Unternehmen gute Entscheidungen über ihr betriebsindividuelles Handeln ermöglichen. Dass heute wiederum Frau Dr. Dagmar Brüggemann und Dr. Fredi Schwägele aus Kulmbach zu uns gekommen sind, ist Ausdruck dieser konstruktiven Zusammenarbeit. Herzlich willkommen.
Was uns durchaus positiv stimmt, ist, dass es natürlich auch viele Beispiele einer guten Zusammenarbeit mit Politikern und Ministerien gibt. Überall dort, wo man willens ist, das Gewünschte und das Machbare vernünftig zusammenzubringen, kann man erfreuliche Ergebnisse erzielen. Ein Beispiel dafür ist die Aufrüstung der Kassensysteme in unseren Läden. Im Grunde ist es eine Zumutung, was uns da abverlangt wird. Wir müssen schon zum wiederholten Mal unsere Kassen nachrüsten, diesmal mit Sicherheitsspeichern, die ein nachträgliches verändern der Zahlungsaufzeichnungen verhindern. Ich komme gleich noch einmal auf dieses Thema zurück.
Das Gute am Schlechten ist – und darauf will ich an dieser Stelle hinaus –, dass wir im Bundestag Abgeordnete gefunden haben, die mit uns gemeinsam nach Lösungen gesucht haben, um die schlimmsten Auswirkungen dieser Vorschriften zu vermeiden. Ohne dieses Zusammenwirken wäre schon bald das Durchbedienen in unseren Läden unmöglich geworden. Die Fachleute hier im Saal wissen, wovon ich rede. Wir können unsere Kunden an mehreren Stationen bedienen und am Ende den Verkaufsvorgang abschließen. An diese Praxis haben aber die Autoren der Vorschrift nicht gedacht, oder sie kannten sie gar nicht, weil sie nur SB-Ware im Supermarkt kaufen. Jedenfalls haben wir mit Abgeordneten in einer Fleischerei ganz praktisch angeschaut, wie das funktioniert. Die Politiker, die aus beiden Regierungsfraktionen kommen, haben dann dafür gesorgt, dass die Regelung entschärft wird.
Das Beispiel zeigt zweierlei: Einerseits ist das der Beweis dafür, dass es nach wie vor viele Politiker gibt, die offen sind für vernünftige Sacharbeit. Andererseits zeigt das aber auch, dass es eine leistungsfähige Interessenvertretung geben muss, die diese Besonderheiten unserer Branche vermittelt. Wer, wenn nicht der Deutsche Fleischer-Verband, hätte dieses Problem erkennen und auf eine Lösung drängen sollen? Wenn wir nicht für uns selbst sprechen und streiten, wird es auch kein anderer tun. Das ist banal, aber richtig. Dieser positive Schlusspunkt ändert aber nichts daran, dass die Sache an sich weit mehr als ein Ärgernis ist. Leider kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die unserem Land auf Sicht nicht gut tun wird. Im Gegenteil: Hier wird an dem Ast gesägt, auf dem wir sitzen.
Ich will Ihnen sagen, was ich damit meine. Immer wieder wird betont, dass Handwerk und Mittelstand die Säulen unseres Wohlstandes sind. Das ist unbestreitbar richtig. Gleichzeitig aber wird immer öfter ein ganz anderes Bild von Unternehmern gezeichnet. Bedauerlicherweise lässt sich auch die Politik von dieser Sichtweise einfangen. Schaut man sich nämlich die konkrete Rechtssetzung an, dann werden handwerkliche Unternehmer eben nicht wie unverzichtbare Säulen unserer Gesellschaft behandelt. Sie werden oft genug kriminalisiert.
Davon sind wir im Fleischerhandwerk in besonderer Weise betroffen. Immer wieder wird der Eindruck erweckt, selbständige Fleischer machen sich allerlei schlimme Sachen zu Eigen. Nach dieser Lesart sind sie Ausbeuter ihres Personals, Steuerhinterzieher, Menschenvergifter, Umweltzerstörer, Tierquäler und Schmutzfinken. Und sie sind aus „Profitgier“ zu allem bereit. Skandalöserweise beeinflusst genau diese Grundhaltung viele gesetzliche Vorschriften. Im Ergebnis werden damit alle rechtschaffenden Handwerksmeister und Unternehmer belastet:
– Weil einige Steuern hinterziehen, müssen alle in ihre Kassensysteme investieren.
– Weil einige den geltenden Tierschutz missachten, sollen alle den Schlachtprozess mit Überwachungskameras aufzeichnen.
– Weil einige Hygieneregeln ignorieren, müssen alle befürchten, mit Bagatellen an den Pranger gestellt zu werden.
– Weil einige Schwarzarbeit nutzen, müssen alle aufwändige Aufzeichnungen führen.
Es ist keine Frage, dass diejenigen, die sich nicht an die Spielregeln halten, erkannt und belangt werden müssen. Das ist auch im Sinne der großen Mehrheit, die ordentlich arbeitet. Die Frage ist nur, wie man das macht. Wir fordern seit vielen Jahren risikoorientierte Kontrollen, das heißt, dass die Überwachungsbehörden dort hinschauen, wo Missstände erwartet werden können. Dazu braucht es keine neuen Gesetze. Anstatt aber die Behörden in die Lage zu versetzen, dieser Aufgabe nachzukommen, überzieht man lieber alle Unternehmen mit immer neuen Auflagen. Getroffen werden dabei vor allem die Rechtschaffenden, die anderen werden sich durch diese Maßnahmen nicht aufgehalten lassen.
Der Gesetzgeber muss erkennen, dass das mehr ist als ein Ärgernis für die betroffenen Betriebe. Die ständig neuen Vorschriften haben das Potenzial zur Existenzbedrohung.
Dabei geht es natürlich um immer neue finanzielle Belastungen. Genauso bedeutend ist aber, dass sich viele von uns nicht immer wieder die Anfeindungen von selbsternannten Verbraucher-, Tier- oder Umweltschützern gefallen lassen wollen. Und am Schlimmsten ist es, wenn sich diese Denke dann auch noch in Gesetzen wiederfindet.
Das alles ist weniger ein Problem der einzelnen gesetzlichen Vorschriften. Es ist Folge einer völlig verfehlten Grundeinstellung zum Unternehmertum. Hier ist vielerorts der Respekt verloren gegangen. Wir zahlen Steuern, die unseren Staat tragen. Wir schaffen Arbeitsplätze und versorgen die Menschen mit hochwertigen Lebensmitteln. Wir bilden junge Menschen in einer Weise aus, um die uns die ganze Welt beneidet. Wir tragen das unternehmerische Risiko, das Beamte und Angestellte scheuen. Wir finden, dafür verdienen wir Respekt und keine Anfeindungen.
Wir sehen es als Aufgabe unseres Verbandes an, diesen Respekt für unsere Mitglieder einzufordern. Dazu gehört für mich dann aber auch, dass wir uns als weltoffenes Fleischerhandwerk verstehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle der Meinung sind, dass wir uns als Unternehmer, als Fleischermeisterinnen und Fleischermeister, dass wir unser Handeln, unsere Betriebe, unsere Produkte vor nichts auf der Welt verstecken brauchen. Und wenn wir für uns als Handwerker zu Recht in Anspruch nehmen, die Besten zu sein, dann dürfen wir uns nicht scheuen den Beweis anzutreten. Dann müssen wir offen sein. Dann haben wir beste Chancen in allen Gesprächen. Ob es gefällt oder nicht!
Ich hatte zu Beginn gesagt, dass heute viele Themen in der Diskussion gerne auf die moralische Ebene gehoben werden. Der Tierschutz beim Schlachten ist ein solches. Sie dürfen mich gerne beim Sammeln der Argumente im Austausch gegenüber tierschutzgeprägten Politikern unterstützen. Ja, und dann sagt man auch mal Ja zu einer freiwilligen Kamerabeobachtung bei der handwerklichen Schlachtung. Sie dürfen mir gerne glauben, dass sich keiner unserer selbstschlachtenden Betriebe in den betroffenen Bundesländern über solche Einrichtungen freut, weil sie wieder eingreifen in das betriebliche Handeln, ja auch in die persönliche Freiheit. Nur argumentativ stehen wir in ganz schlechten Schuhen, wenn wir behaupten alles richtig zu machen, den wirklichen Beweis dafür aber nicht bereit sind anzutreten. Und wenn mir die Politik ganz deutlich erklärt, dass dieser Beweis kommen wird, sitze ich lieber konstruktiv am Tisch des Geschehens, als das ich von Politik und auch von Schlachtindustrie die zukünftigen Anforderungen an handwerkliche Schlachtung bestimmen lasse. Wer dieses als ein Einknicken vor der Politik sehen möchte, soll das gerne tun. Ich stelle mich da jeder Auseinandersetzung. Nur solche Diskussionen würde ich mir dann eher in unseren Gremien wünschen, als sie der Presse zu entnehmen.
Das verzerrte Unternehmerbild müssen natürlich auch andere beklagen, die im Handwerk arbeiten. Es ist gut, dass wir in der Arbeitsgemeinschaft der Lebensmittelhandwerke eng zusammenarbeiten. …. Mein Gruß gilt an dieser Stelle natürlich auch dem Ehrenpräsidenten der Handwerkskammer Rhein-Main, Kollege Jürgen Heyne.
Ich habe davon gesprochen, dass wir einen gewissen Respekt für unser Tun wünschen. Was uns in dieser Erwartung bestärkt, ist das Ansehen, das wir bei unseren Kunden genießen. Da ist rein gar nichts zu spüren von Distanz, im Gegenteil. Die Umsätze unserer Unternehmen entwickeln sich gut. Obwohl wieder einige Fleischereien geschlossen haben, ist der Umsatz des Fleischerhandwerks insgesamt leicht gestiegen. Wir merken noch nichts davon, dass der Vegetarismus rasend schnell um sich greift. Ich frage mich manchmal, woraus sich die Schlagzeilen ableiten, dass vegetarisch und vegan nicht nur ein vorübergehender Trend ist, sondern dass sich diese Entwicklung ständig beschleunigt. Fakt ist doch eher, dass die Regalflächen in den Supermärkten, die mit Fleischimitaten bestückt sind, nicht größer, sondern kleiner werden. Und die wuchtigen Pressemitteilungen, dass eine Fleischwarenfabrik nun die Produktion von Fleischerzeugnissen reduzieren muss, weil die Kapazitäten für Vegetarisches gebraucht werden, ist wohl eher das Pfeifen im Walde.
Unsere Kunden wollen gern Fleisch essen und sie wollen Qualität. Beides können sie bei uns finden. Und wie wir dank Ihnen, Herr Knop, wissen, tun sie sich damit auch nichts Schlechtes. Natürlich: Grundsätzlich sind die Kunden kritischer geworden, auch wenn das große Vertrauen, das wir genießen, das noch mehr als ausgleicht. Wir wissen nicht, wie sich das weiter entwickeln wird. Womöglich hinterlässt die ständige Kritik am Fleischkonsum auch bei unseren treuen Kunden irgendwann Spuren. Dann sollten wir vorbereitet sein. Das ist eine große Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Wir erleben gerade, dass sich viele Dinge verändern und zwar mit einer gehörigen Geschwindigkeit. Das betrifft gleichermaßen Themen, die von allgemeiner Bedeutung sind, wie Bereiche, die uns ganz unmittelbar betreffen. Neben einer ganz grundsätzlichen Verschiebung von gesellschaftlichen Konventionen erleben wir durch die Digitalisierung Veränderungen ganzer Lebensbereiche.
Dieser allgemeine Wandel trifft auf ganz spezifische Entwicklungen unseres beruflichen Umfelds. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft, die fortschreitende Konzentration in Fleischindustrie und Handel und natürlich auch lauernde Gefahren wie die Afrikanische Schweinepest. Da sind eine Menge Ungewissheiten unterwegs, die unser Wirtschaften gewaltig beeinflussen können.
Bei vielen dieser Punkte ist es wichtig, dass wir uns mit kompetenten Partnern austauschen können. Im großen Themenkomplex des Tierschutzes, aber auch des gesundheitlichen Verbraucherschutzes ist das die Tierärzteschaft, die an ganz unterschiedlicher Stelle wirkt. Ich begrüße heute die Vize-Präsidentin der Bundestierärztekammer, Frau Dr. Iris Fuchs und den Präsidenten des Bundesverbandes der praktizierenden Tierärzte, Dr. Siegfried Moder. Wir sind dankbar für die zielführende Zusammenarbeit. Herzlich Willkommen.
Die großen Veränderungen, die wir beobachten, bedeuten für uns, dass wir uns sehr schnell einen besonderen Bereich noch intensiver vornehmen müssen als bisher. Dieser Themenblock trägt die Überschrift: Nachhaltigkeit. Wie stellen wir unsere Rohstoffversorgung sicher? Welche Position nehmen wir zur Frage einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung ein? Welche Antworten finden wir auf die Klimadebatte? Wie sichern wir unseren Fachkräftenachwuchs? Wie erhalten wir bei zunehmender Belastung die wirtschaftliche Basis für unsere Unternehmen? In einer Frage zusammengefasst: Wie sieht das Fleischerhandwerk in 10 oder 15 Jahren aus?
Das alles sind keine neuen Fragen, sie müssen aber immer wieder vor verändertem Hintergrund gestellt werden. Und wir dürfen diesen Fragen nicht ausweichen, auch nicht diejenigen von uns, die nach diesem Zeitraum nicht mehr aktiv sein werden.
Nachhaltigkeit heißt eben auch, dass wir uns so aufstellen, dass nachfolgende Generationen noch gute Arbeitsgrundlagen vorfinden. Das gehört definitiv zu den vornehmsten Aufgaben, denen sich unser Verband stellen muss. Wir arbeiten nicht nur für uns, sondern auch für unsere Nachfolger, egal ob im eigenen Betrieb oder im Fleischerhandwerk allgemein. Diese Nachfolger haben ein Anrecht darauf, dass sie von unserer Arbeit profitieren können, so wie wir heute Nutzen aus der Arbeit unserer Vorgänger ziehen.
Mit großer Freude begrüßen wir heute unseren Ehrenpräsidenten Manfred Rycken und die früheren Vize-Präsidenten Hardy Remagen, Kurt Härtel und Georg Kleeblatt. Liebe Kollegen, schön dass ihr zu uns gekommen seid. Wir wollen das fortführen, was ihr als Basis gelegt habt und wir wollen es für die Zukunft bewahren. Wir werden diesen Punkt der Zukunftssicherung bei den Beratungen des Verbandstags im Auge behalten, sowohl bei den Fachfragen unseres Handwerks als auch bei der Aufstellung unseres Verbandes für die nächsten Jahre. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das nicht nur unsere Pflicht ist, sondern dass sich der Einsatz auch lohnt. Wir haben sie nämlich, die vielen jungen Leute, die sich mit großer Begeisterung für unser Handwerk entschieden haben. Es können gern noch ein paar mehr werden, aber die, die wir schon haben, dürfen wir nicht enttäuschen.
Schauen Sie sich an, was der Verein „Wir sind anders“, der Juniorenverband oder unsere Nationalmannschaft Fleischerhandwerks auf die Beine stellen. Das sind großartige junge Leute, unsere fleischgewordene Zukunft sozusagen. Beispielhaft ist dabei eine Aktion, die die Nationalmannschaft vor kurzer Zeit angestoßen hat. Im Juni stand in der Zeitung, dass eine Mutter ihrer Tochter vor der Fleischtheke erklärt hat, dass sie in der Schule sehr fleißig sein soll. Sonst müsste sie auch irgendwann hinter der Theke arbeiten und Fleisch und Wurst verkaufen. Das war der Auslöser für eine beeindruckende Aktion. Hunderte aus unserer Branche bekannten sich in den sozialen Medien zum großen Stolz auf diesen Beruf. Die Wucht dieser Aktion zog auch Kreise in der klassischen Presse. Es ist einfach klasse, wenn man mit solchen engagierten Leuten zusammenarbeiten darf, die in dieser Weise ein Bekenntnis zu unserem Handwerk, zu unserem Selbstverständnis und zu unserer Zukunft ablegen.
So ist das manchmal: Während manch ein Erfahrener sorgenvoll in die Zukunft schaut, kleinmütig wird und zögerlich, zeigen die Jungen auf, wie man mit Begeisterung und Zuversicht gemeinsam und sehr geschlossen etwas bewegen kann. Da haben wir eine anspruchsvolle Richtschnur für diesen Kongress.
In diesem Sinne eröffne ich den 129. Deutschen Fleischer-Verbandstag.“