Azubis im Verkauf

Nie wieder treten Jugendliche so offen und hoffnungsvoll eine Stelle an, wie ihre Ausbildung. Werden sie gefordert, gefördert, gelobt und konstruktiv kritisiert, dann entwickeln sie sich von unsicheren Laien zu kompetenten, selbstbewussten Fachkräften.

Auszubildende, die mit Freude arbeiten, sind motiviert und wollen Verantwortung übernehmen. JackF – stock.adobe.com - © JackF – stock.adobe.com

Wir finden keine Auszubildenden. Niemand will den Fleischerberuf erlernen und im Verkauf sieht es nicht besser aus, klagen Unternehmer. Der Fleischbranche mangelt es an Nachwuchs – und damit steht sie nicht allein da. Influencer oder Content-Creator heißen die heutigen Traumjobs. Sie klingen faszinierender als Fleischereifachverkäufer, bieten vermeintlich viel Freizeit, ein hohes Einkommen sowie öffentliche Aufmerksamkeit.

Dennoch kann nicht jeder erfolgreich für virtuelle Freunde Content kreieren. Der Markt sowie die eigenen Fähigkeiten setzen Grenzen. Und so beginnt ein Teil der Jugendlichen ihre Ausbildung in einer Fleischerei, weil sie gerade nichts anderes gefunden haben.

Von der Notlösung zum Lieblingsberuf

Stellen Unternehmen keine Azubis ein, die signalisieren, dass der Beruf für sie eine Notlösung darstellt, kann das ein Fehler sein. Viele lassen sich trotz anfänglicher Skepsis begeistern. Persönliche Gespräche zeigen, dass nicht diejenigen sich im Laufe der Zeit besonders engagieren, die ihren Wunschberuf lernen, sondern die anfänglich skeptischen Azubis. Arbeiten sie in guten Verkaufsteams innovativer Unternehmen, steigen Wohlbefinden und Interesse am Beruf. Das nach außen zu tragen fällt schwer, wenn Freunde ablehnend reagieren und Fleischereifachverkaufskräfte in der Gesellschaft belächelt werden.

Die jungen Leute brauchen selbstbewusste Vorbilder und Führungskräfte, um eigene Wertschätzung dem Beruf gegenüber zu entwickeln, der unter anderem Fachwissen, Kreativität, psychologische, kommunikative, wirtschaftliche und küchentechnische Fähigkeiten erfordert.

Arbeitszeiten regeln

Während viele Verkaufsazubis im Handwerk beklagen, keinen Samstag frei zu bekommen, argumentieren Unternehmer, dass der Samstag der Hauptverkaufstag sei. Ein Azubi müsse sich damit arrangieren, wenn er den Beruf ausüben wolle. Doch wenn es im Handwerk den freien Samstag nicht gibt, wechselt der Nachwuchs spätestens nach der Ausbildung den Arbeitgeber – und der heißt nicht selten LEH. Für Jugendliche zählt nicht allein die Arbeit. Sie haben ein Privatleben, das primär am Wochenende stattfindet. Wer nie dabei sein kann, wird seine Freunde verlieren. Viele sind durchaus bereit und einsichtig, samstags zu arbeiten, doch jeden zweiten reicht ihnen. „Bei uns war es nicht anders. Wir mussten auch da durch“, verteidigte sich kürzlich eine Unternehmerin, deren Ausbildung mehr als drei Jahrzehnte zurücklag. Aber lässt sich das mit den heutigen Bedingungen vergleichen?

Feste Ansprechpartner

In der Ausbildung erhalten Jugendliche das Rüstzeug für die Ausübung ihres Berufes. Neben Fachwissen gehören dazu Fähigkeiten, die unbewusst durch Kollegen vermittelt werden wie Teamarbeit, Auftreten, Umgangston, Verantwortungsbewusstsein. Eine eigene Umfrage unter Azubis in Handwerksberufen im Jahr 2011 ergab, dass weder Gehalt noch Arbeitszeit die wesentlichen Gründe für Motivationsverluste während der Ausbildung waren. Der teils raue Umgangston, fehlende Ansprechpartner, kein eigenverantwortliches Arbeiten und, vor allem im dritten Jahr, unzureichende Unterstützung bei der Vorbereitung auf die Prüfung bereiteten den zukünftigen Verkaufskräften die größten Probleme. Auch wenn die Ergebnisse nicht repräsentativ sind, zeigen sie doch, wo so mancher Schuh drückt. Nachwuchs auszubilden, braucht Zeit, Geduld und Konsequenz. Sich diese zu nehmen, zahlt sich aus, denn eigenverantwortlich arbeitende Azubis sind motivierter als Marionetten. Die Chancen steigen, sie als ausgelernte Fachkräfte zu behalten.

Das habe ich geschafft

Mit welchen Aufgaben werden Auszubildende betraut? Wer viele Stunden täglich spült und Kühlhäuser putzt, verliert die Freude an der Arbeit. Kommt dazu noch Kritik, wirft so mancher das Handtuch. Die heutige Generation der Auszubildenden ist technisch interessiert und darin den Älteren oft weit voraus. Eines jedoch verbindet sie mit erfahrenen Fachverkäuferinnen: Sie wollen Verantwortung übernehmen. Noch vor einigen Jahrzehnten war es üblich, Azubis in die normale Tätigkeit einzubinden, ihnen nach vorheriger Anleitung Aufgaben zu übertragen, die sie allein erledigen. So wächst das Gefühl, etwas zu können. Azubis wollen Teil eines Teams sein, nicht Handlanger der Ausgelernten. Wer es schafft, ihnen auf Augenhöhe Fähigkeiten zu vermitteln, darf sich über treue, zufriedene Mitarbeiter freuen, die sich gerne engagieren und ohne Druck Maximales leisten.

Fundament fürs Berufsleben

Die Erfahrungen der Ausbildung brennen sich für immer ins Gedächtnis ein und legen den Grundstein für das gesamte Berufsleben. Egal, wo sie jemals arbeiten werden, diese drei Jahre werden die Verkaufskräfte immer begleiten. Wer nach einer sozial unverträglichen Ausbildung eine Stelle in einem funktionierenden Team antritt, braucht lange, bis er Kollegen vertrauen kann. Groß ist die Gefahr, sich mit den erlernten Verhaltensweisen selbst in kollegiale Aus zu katapultieren. Und noch etwas lernen manche Azubis: Auf Vorgesetzte können sie nicht zählen. Sie werden Probleme immer auf ihre Art lösen, statt sie mit Chefin oder Chef zu besprechen. Führungskräfte müssen auf ihre Schützlinge ein besonderes Auge werfen, um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Sind sie ins Verkaufsteam integriert? Wie entwickeln sie sich fachlich? Sind sie angemessen gefordert oder unterfordert? Wie lassen sich Schwächen reduzieren und Stärken ausbauen? Dabei als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und ihnen in kritischen Situationen den Rücken stärken.

Schutz in kritischen Situationen

Letzteres vermisst die Azubine Laura. Seit einigen Tagen arbeitet sie in einer Filiale der Fleischerei. Nur ungern hat sie das Hauptgeschäft mit den hilfsbereiten Kolleginnen verlassen. Die Filiale habe ein größeres Imbissangebot und von dem eingespielten Team könne sie viel lernen, hatte die Chefin gemeint. Seitdem sucht Laura nach Halt und Struktur. Jeden Morgen gerät sie zwischen die Fronten. Ob Kaffee gekocht, die Theke eingeräumt oder Snacks vorbereitet werden, die Kolleginnen streiten. Laura wünscht sich jemanden, der ihr Aufgaben gibt, ihr die Speisen erklärt und sie anleitet, Gäste zu beraten. Doch alle sind mit sich beschäftigt und damit, den Kolleginnen das Leben zu erschweren. Jede versucht, Laura auf ihre Seite zu ziehen. Sie bittet die Chefin um Rückkehr ins Hauptgeschäft und begründet ihren Wunsch. „Ihr werdet euch schon noch aneinander gewöhnen. Hab Geduld. Du kannst nicht alles innerhalb weniger Tage lernen.“ Laura ist ratlos, fühlt sich unverstanden, denkt an Kündigung. Die Eltern raten ab. Arbeiten sei nun einmal etwas anderes als Schule. Schon morgens freut sie sich auf den Feierabend. Erneut spricht sie mit der Chefin, lässt sich vertrösten, wird krank. Bitten Azubis um Versetzung oder Hilfe, nicht abwehren, sondern ernst nehmen. Ein kritischer Blick und Menschenkenntnis helfen, Konflikte in Teams zu erkennen.

Vorsicht Freundschaft

Machtspiele und Konkurrenzkämpfe finden auch unter Auszubildenden statt. So entsteht Neid, wenn neue Azubis etwas lernen, das die Älteren nicht wissen. Um Krach zu vermeiden, stellen manche Betriebe Freunde der Auszubildenden ein. Kein geschickter Schachzug, denn Freundschaften stellen private Aspekte vor den beruflichen. Kommt es zum privaten Krach, leidet die Arbeit. Bilden zwei oder drei Verkaufskräfte eine Gruppe, erschwert das die Teamarbeit. Freundschaften können das gesamte Arbeitsklima verderben. Das gilt auch für solche, die sich am Arbeitsplatz entwickeln. Selbstverständlich sollte keine Fleischerei Verkaufskräfte entlassen, weil die sich angefreundet haben. Überlagert die Freundschaft jedoch die Kollegialität, ist die Versetzung in eine andere Filiale ratsam.

Selbstbewusstsein im Kundenkontakt

Treffen Azubis gleich in den ersten Arbeitstagen auf einen dominanten Kunden, der sie vorführt oder zurechtweist, wirft sie das in ihrem beruflichen Auftreten Wochen bis Monate zurück. Auch Ablehnung verunsichert. „Ich lasse mich nur von jemanden bedienen, der sich auskennt.“ Solche Äußerungen treffen den Nachwuchs, weil er es persönlich nimmt. Andere Kunden treiben an. „Mach schneller, ich hab nicht ewig Zeit.“ Gehören solche Personen zur Klientel, brauchen die jungen Leute den Schutz der Führungs- und Verkaufskräfte. In der Anfangszeit den Azubi diese Kunden gar nicht bedienen lassen. Hilfreich kann es sein, der Kundschaft den neuen Auszubildenden vorzustellen. „Laura ist unsere neue Auszubildende. Wir sind froh, sie im Team zu haben.“ Viele reagieren verständnis- und rücksichtsvoll, aber auch das Gegenteil ist möglich, wenn Kunden zeigen wollen, wer Boss ist. Verkaufs- und Führungskräfte müssen den Nachwuchs schützen, bis genug Basiswissen und Sicherheit für die Beratung aufgebaut sind. Azubis brauchen immer wieder Lob und konstruktive Kritik, um an ihren Stärken zu wachsen. An der Theke sammeln sie Erfolgserlebnisse durch Bedienen freundlicher, geduldiger Kunden. Regelmäßig die positiven Aspekte der Verkaufsgespräche loben und die negativen korrigieren.

Mit Fingerspitzengefühl kritisieren

Kritisieren ist eine heikle Aufgabe, weil der heutige Nachwuchs sensibel darauf reagiert. „Die Fragetechnik war nicht gut.“ Folgen darauf belehrende Verbesserungsvorschläge, schaltet so mancher Azubi komplett auf stur. Erfolgreicher funktionieren Rückfragen: „Wie bist du selbst mit deinen Fragen zufrieden?“ Oder: „Was denkst du, wie dem Kunden deine Fragen gefallen haben?“ Antwortet der Azubi darauf nicht, beobachtet er die Kollegin beim nächsten Kunden und zieht sein Fazit im Vergleich. Manchmal hilft konstruktive Kritik: „Wenn du den Kunden anschaust, wird die Verabschiedung noch freundlicher. Was denkst du?“ Aufgaben zeitnah korrigieren und loben. Keine allgemeinen Formulierungen: „Deine Verabschiedungen gelingen dir immer sehr gut.“ Oder: „Deine Verabschiedungen gefallen mir nicht.“ Konkret wirkt es besser: „Heute hast du die Kundin beim Abschied angeschaut. Das hat mir sehr gut gefallen.“ So weiß der Azubi genau, was stimmte oder verbesserungsbedürftig ist.

Aufgaben eigenständig erledigen

„Ab morgen räumt Laura die Wursttheke allein ein.“ Eine Aufgabe nur für die Azubine, nachdem sie viele Tage mitgeholfen hat und die wesentlichen Kriterien kennt. Dem kann eine Vorbereitung vorausgehen. „Willst du die Theke wie heute einräumen oder hast du andere Ideen?“ Laura bekommt einen Gestaltungsspielraum, den sie vorher erklärt und begründet. Funktioniert ihre Variante, wächst sie an dem Lob. Auch wenn sie den Thekenbelegungsplan beibehält und ihre Aufgabe sorgfältig erledigt, wird sie gelobt. Sie sieht unmittelbar ihr Werk, stellt sich dem Urteil des Teams und der Chefin. Gelingt ihr das Einräumen nicht, nach Gründen fragen und Sicherheit vermitteln. So viel Zeit haben wir nicht, mögen nun einige denken. Auch wenn’s schwerfällt: Geduldig bleiben und auf selbstständiges Arbeiten bestehen.

Merkmale unzufriedener Azubis

  • Unpünktlichkeit,
  • viele kaschierte Pausen,
  • zeigen keine Eigeninitiative,
  • Aufgaben werden widerwillig erledigt,
  • wenig oder keine Fragen,
  • Azubi integriert sich nicht ins Team und zieht sich zurück.
  • Gleichgültigkeit gegenüber Kunden.

Eigenständiges Arbeiten fördern, z.B. Theke einräumen

  • Gemeinsam mit dem Azubi die Theke einräumen,
  • dabei Details und Hintergründe erklären.
  • Wirkt der Azubi nach einiger Zeit sicher, Aufgabe komplett delegieren.
  • Das Ergebnis besprechen.
  • Gute Aspekte loben, für weniger gute Optimierungsbedarf erarbeiten.
  • Aufgabe wiederholen lassen.