Zellkultiviertes Fleisch kommt voran: Eine Markteinführung scheint näher zu rücken. Trotzdem sind die Hindernisse für Laborfleisch noch groß, vor allem mit Blick auf die Produktionskosten und die rechtlichen Zulassungsverfahren. Die Fleischerei hat mit Praktikern und Wissenschaftlern über den Stand der Dinge, über Potenziale und Herausforderungen gesprochen.
In der aktuellen Situation, in der Deutschlands Wirtschaft kriselt und zum Teil den internationalen Anschluss verliert, ist das eine gute Nachricht: „Die Bundesrepublik ist eines der am besten positionierten Länder der Europäischen Union, um einen hoch wettbewerbsfähigen Sektor für kultiviertes Fleisch zu entwickeln.“ So steht es in der Studie „The Cultivated Meat Opportunities in the European Union“ des Beratungsunternehmens Systemiq und des gemeinnützigen Think Tanks Good Food Institute Europe aus dem Oktober 2024. Begründet wird diese Einschätzung damit, dass Deutschland nach den USA die führende Biotechnologie-Nation bei Forschung und Innovation sei.
Allerdings gilt zugleich, was Katleen Haefele, Director Corporate & Institutional Engagement bei der Ernährungsorganisation ProVeg, zu Protokoll gibt: „Unter den innovationsstärksten Ländern Europas steht Deutschland nur an fünfter Stelle bei den öffentlichen Investitionen in alternative Proteinlösungen. Im Vergleich investieren weit kleinere Länder wie Dänemark und die Niederlande deutlich mehr.“
Außerdem verweist die Studie von Systemiq und Good Food Institute Europe auf etablierte Pharmahersteller wie Merck und Eppendorf, die sich bereits als führende B2B-Lieferanten für die Wertschöpfungskette von kultiviertem Fleisch positionieren. In einem ambitionierten Szenario mit breiter Unterstützung und hohen Investitionen könnte der Markt für kultiviertes Fleisch in Deutschland bis zum Jahr 2050 bei bis zu 17 Milliarden Euro liegen. Das würde in etwa dem entsprechen, was die Backwarenbranche gegenwärtig zur Wirtschaftsleistung in Deutschland beiträgt.
Produktionsverfahren noch nicht ausgreift
Noch sind die goldenen Zeiten bei Laborfleisch jedoch nicht angebrochen. Vorher sind Fortschritte bei der Skalierung, sprich der Produktion im industriellen Maßstab bei gesunkenen Kosten, unumgänglich. Das ist mit der Frage verbunden, wann diese Produkte endlich nach dem Vorbild von Singapur und den USA in Deutschland verkauft werden: In Singapur wird zellkultiviertes Hähnchenfleisch bereits seit Dezember 2020 in ausgewählten Restaurants aufgetischt. Und im Juni 2023 haben die US-Behörden den Verkauf von kultivierten Fleischprodukten zweier Unternehmen genehmigt.
Dr. habil. Monika Röntgen vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf koordinierte das erste deutsche Forschungskonsortium für Laborfleisch und spricht von einer Zeit zwischen 2035 bis 2040, in der mit eigenständigen Produkten gerechnet werden dürfe. Hybridprodukte auf pflanzlicher Basis mit zellbasierten tierischen Proteinen oder Fetten als weiteren Zutaten, die bereits heute in geringer Menge verkauft würden, könnten jedoch schon ab ungefähr 2030 eine größere Rolle einnehmen.
Erfolgreiche Forschung
Monika Röntgen leitete das vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekt „Cellzero Meat“. Die beteiligten Wissenschaftler arbeiteten drei Jahre an einem Gesamtprozess für die effektive Herstellung von Laborfleisch in großem Maßstab – von der Zelle bis zum Produkt. Im September 2024 konnten sie einen großen Durchbruch vermelden: Erstmals war kultiviertes Fleisch aus Stammzellen hergestellt worden, die schmerzfrei aus dem Nabelschnurgewebe von Ferkeln gewonnen wurden – eine Alternative zur Entnahme von Stammzellen aus den Muskeln von Tieren.
Die Stammzellen aus dem Nabelschnurgewebe bilden in einem Nährmedium Muskel-, Fett- und Bindegewebszellen. Monika Röntgen erläutert: „Aus ihnen lässt sich zum Beispiel über ein 3D-Druck-Verfahren fleischtypisches Gewebe herstellen – für Produkte vom Burger-Patty bis zum Schnitzel.“ Noch seien erst wenige Gramm Laborfleisch im Bioreaktor auf diese Weise produziert worden, erläutert die Wissenschaftlerin. Aber als nächster Schritt solle die nachhaltige Methode weiterentwickelt werden. Ziel: Das Fleisch soll bald auch im industriellen Maßstab hergestellt werden.
Produktionskosten noch zu hoch
Eine große Bremse bei der schnelleren Markteinführung von zellkultiviertem Fleisch sind die relativ hohen Produktionskosten. Seit der Entwicklung des ersten zellkulturbasierten Burgerpattys 2013 durch die Firma Mosa Meats sind die Herstellungskosten von seinerzeit 300.000 US-Dollar zwar deutlich gesunken, aber betragen nach einem Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag vom Februar 2023 noch immer rund neun US-Dollar. Ein wichtiger Kostentreiber ist dabei die energieintensive Produktion im Bioreaktor. Nach Darstellung von Monika Röntgen schlagen darüber hinaus die Kosten für Nährmedien zu Buche, die zwischen 50 und 90 Prozent der Gesamtkosten ausmachen können. Aber diese Preishürde wird nach Überzeugung zum Beispiel von Godo Röben bald abgetragen werden, „alles nur eine Frage der Zeit“. Denn: „Mit größeren Produktionsmengen werden die Preise sinken, genauso wie wir es bei pflanzenbasierten Produkten erlebt haben.“
Kompliziertes und langes Zulassungsverfahren
Als damaliger Top-Manager hatte Röben bei der Rügenwalder Mühle die Transformation hin zu einem hohen Anteil vegetarischer Artikel vorangebracht und den Grundstein dafür gelegt, dass dieses Unternehmen inzwischen seinen Umsatz nur noch mit Fleischersatzprodukten erzielt. Heute arbeitet Röben als Berater, Beirat und Aufsichtsrat in zahlreichen Firmen. Ferner ist er einer der drei Vorstände des Bundesverbandes Alternative Proteinquellen (balpro). Röben schließt sogar – zuversichtlicher als Monika Röntgen – eine Markteinführung in Europa in den kommenden drei bis fünf Jahren nicht aus. Voraussetzung: Die regulatorischen Hindernisse würden schnell abgebaut. Denn verzögert wird die schnellere Markteinführung von zellkultiviertem Fleisch aus Expertensicht nicht zuletzt durch die langwierigen Zulassungsverfahren in Europa auf der Basis der Novel-Food-Verordnung, die auf mindestens 18 Monate angelegt sind. Während in Singapur oder den USA komplette Produkte bewertet werden, müssen in der Europäischen Union die kultivierten Zutaten einzeln zur Genehmigung eingereicht werden. Dafür ist die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zuständig.
Nach neun Monaten legt die EFSA der Europäischen Kommission ihre wissenschaftliche Stellungnahme zur Produktsicherheit vor. Fällt diese positiv aus, startet das Risikomanagement. Hierfür muss die Europäische Kommission einen Durchführungsrechtsakt erstellen. Den prüft der Ständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel. Das komplizierte Zulassungsverfahren endet damit, dass ein so genannter Rechtsakt verabschiedet werden muss. Als weltweit erstes Unternehmen hatte The Cultivated B aus Heidelberg im September 2023 bei der EFSA einen Antrag auf Zulassung eines zellbasierten Wurstproduktes gestellt.
Kritische Einschätzungen
Weniger zuversichtlich als Professorin Röntgen und Godo Röben äußert sich der Ernährungswissenschaftler und Autor Dr. Malte Rubach zur Zukunft von Laborfleisch. Nach Auffassung des Referenten im bayrischen Ernährungsministerium und Gastforschers an der Technischen Universität München ist es das „wahrscheinlichste Szenario“, dass die Entwicklung von Fleisch aus dem Labor letztlich fehlschlagen werde. Der Experte wörtlich: „Die teils großspurigen Ankündigungen von Anlagen zur Großproduktion wurden bisher mehrheitlich nicht realisiert oder weiter finanziert.“
Kritisch fällt auch der bereits erwähnte Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag vom Februar 2023 aus. Dort heißt es unter anderem: „Aus ernährungsphysiologischer Sicht ist zellkulturbasiertes Fleisch, abgesehen von der reineren Herstellungsmöglichkeit, nicht unbedingt gesünder als herkömmliches Fleisch. Gesundheitsrisiken, die mit dem Verzehr insbesondere von rotem Fleisch einher gehen, blieben bestehen. Der Einfluss artifiziell gezüchteter Zellen auf den menschlichen Organismus ist unter gesundheitlichen Aspekten zudem bisher schlecht erforscht.“
Akzeptanz der Verbraucher ist notwendig
Damit sich zellkultiviertes Fleisch und andere alternative Proteine letztlich durchsetzen, muss die Akzeptanz bei den Verbrauchern erreicht werden. Studien und Umfragen haben in den vergangenen Jahren immer wieder bestätigt, dass ein größerer Teil der Bevölkerung durchaus für kultiviertes Fleisch aufgeschlossen ist. Zuletzt befragte das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Februar 2024 im Auftrag des Think Tanks Good Food Institute Europe repräsentativ 2.105 Menschen in der Bundesrepublik. Demnach würden 47 Prozent der Befragten Laborfleisch zumindest einmal probieren. Und 65 Prozent sprachen sich dafür aus, dass kultiviertes Fleisch in Deutschland zugelassen wird, wenn die Behörden für Lebensmittelsicherheit Grünes Licht geben.
„Die positive Haltung bei den Verbrauchern wird durch das Konsumenten-Wissen über die Vorteile für das Tierwohl und die Umwelt sowie Vorwissen über die Herstellungsweise gesteigert“, betont Professorin Dr. Ramona Weinrich vom Institut für Agrarpolitik und Landwirtschaftliche Marktlehre der Universität Hohenheim. Die Forschung wisse, dass Konsumenten in Deutschland „vor allem durch ethische Vorteile motiviert“ würden. Hingegen bremsten „emotionale Vorbehalte“ wie zum Beispiel die „wahrgenommene Unnatürlichkeit“ oder ein befürchteter schlechter Geschmack aus, so die Wissenschaftlerin. Auf jeden Fall seien neue Lebensmittel in der Regel „erklärungsbedürftig“. Ramona Weinrich ist überzeugt: „Kultiviertes Fleisch bietet für umweltbewusste Esserinnen und Esser eine spannende Alternative. Weiterhin ist es von der Kostenkalkulation her natürlich interessant, wenn der Preis für kultiviertes Fleisch unter dem von konventionell hergestelltem Fleisch liegen wird.“ Dann könne damit auch eine preissensible Kundengruppe adressiert werden. Thomas Klaus
Zellkultivierung von Fleisch
Die Methode der Zellkultivierung von Fleisch führt zur Herstellung von Fleischprodukten, ohne dass Tiere geschlachtet werden müssen. Zuerst wird einem Tier eine kleine Zellprobe entnommen, in der Regel Stammzellen oder Muskelzellen. Die auf diese Weise gewonnenen Zellen werden in einem Nährmedium kultiviert.
Dieses Nährmedium enthält elementare Nährstoffe wie Proteine, Kohlenhydrate, Fette, Vitamine und Mineralien. Vergleichbar mit den Geschehnissen im tierischen Körper, wachsen die Zellen und differenzieren sich zu Muskelgewebe. Dieser Prozess erfolgt in einem Bioreaktor oder Fermenter. Letztlich wird das kultivierte Fleisch „geerntet“ und zu Lebensmittelprodukten weiterverarbeitet.