Wird eine Chemikalie in einem Lebensmittel entdeckt, ist die Aufregung für gewöhnlich groß. Noch größer werden die Sorgen, wenn Mehrfachrückstände auftauchen. Insbesondere Kombinationseffekte, die durch einen solchen Chemikaliencocktail entstehen können, stellen ein hohes Risiko für die menschliche Gesundheit dar. Die EU legt deshalb besonderes Augenmerk auf die Entwicklung einer kumulativen Risikobewertung, die es möglich machen soll, Kombinationseffekte zu erkennen bzw. vorherzusagen. Wie weit die Bemühungen fortgeschritten sind, zeigte die 12. Internationalen Fresenius-Konferenz „Food Safety and Dietary Risk Assessment“ in Mainz.

Die letzten Meilensteine bei der Implementierung der kumulativen Risikobewertung (cumulative risk assessment, CRA) auf EU-Ebene bestanden 2013 in der Veröffentlichung zweier neuer wissenschaftlicher Berichte zur Thematik: Zum einen wurden Informationen zur Gruppierung von Chemikalien, zum anderen zur Bedeutung unterschiedlicher Wirkungsmechanismen herausgegeben. Pestizide, die am selben Organ bzw. im selben System ähnliche toxikologische Effekte hervorrufen, sollen demnach in Gruppen, den so genannten CAGs (cumulative assessment groups) zusammengefasst werden. Für die Bewertung der Kombinationseffekte ist nach Meinung der EU-Experten dabei das Konzept der Dosis- bzw. Konzentrationsaddition am besten geeignet. Susanne Hougaard Bennekou (Umweltschutzbehörde/EPA,Dänemark) bemerkte dazu, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit bestehe, dass in einer großen CAG die Mehrheit der in ihr gruppierten Chemikalien nicht signifikant zum beobachteten Kombinationseffekt beitrage, sondern nur einige wenige Substanzen der Gruppe diesen antrieben. Hinsichtlich der Wirkungsweise von Chemikalien erklärte die Expertin, dass es Hinweise darauf gebe, dass Kombinationseffekte auch dann entstehen könnten, wenn die beteiligten Chemikalien verschiedene Mechanismen bzw. Wirkungsweisen besäßen. Aus diesem Grund habe sich das PPR Panel darauf geeinigt, dass sowohl Chemikalien gleicher als auch verschiedener Wirkungsweise in die kumulative Risikobewertung mit einbezogen werden müssten. Zu eng gefasste Definitionen hinsichtlich der Wirkungsweise oder der chemischen Struktur von Substanzen könnten dazu führen, dass einzelne relevante Chemikalien, die zu einem Kombinationseffekt beitragen, möglicherweise übersehen werden, ergänzte Hougaard Bennekou.
Erste CAGs bereits etabliert
Als Vertreterin der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) war Hermine Reich nach Mainz gekommen. In ihrem Vortrag zeigte sie unter anderem auf, was sich in Sachen CAGs bereits getan hat: Sie berichtete, dass die ersten CAGs, welche Verbindungen mit ähnlichen Effekten in Bezug auf das Nerven- bzw. Schilddrüsensystem zusammenfassen, bereits etabliert und insgesamt 287 aktive Substanzen auf ihre Gruppierbarkeit unter diese untersucht worden seien. 142 seien als nicht relevant für die definierten CAGs eingestuft worden, dagegen habe man 145 von ihnen in eine oder sogar beide Gruppen einordnen können. Mit der Etablierung weiterer CAGs habe man bereits begonnen, so Reich. Auch unerlaubte sowie sich im Zulassungsverfahren befindende Substanzen sollen dieses Mal bei der Gruppierung berücksichtigt werden. Darüber hinaus habe die EFSA Anstrengungen unternommen, um ein Format zu entwickeln, mit dem die Ergebnisse der Pestizidüberwachung vermeldet werden können. Die Datenüberwachung sei das Rückgrat der kumulativen Risikobewertung, erklärte Reich. Obwohl ein hoher Anteil der Überwachungsergebnisse von kompetenten Behörden erbracht werde, offenbare die Datenanalyse einige Defizite und Einschränkungen für die Durchführung kumulativer Bewertungen. Reich unterstrich, dass insbesondere die korrekte Kalkulation verschiedener Szenarien bei dieser eine wichtige Rolle spiele. Es sei entscheidend, dass transparent gemacht werde, wie die entsprechenden Kalkulationen durchzuführen seien, welche Unsicherheiten es gebe und wo die Grenzen der Kalkulationen lägen. Ein Ziel der EFSA für die Zukunft sei es, die kumulative Risikobewertung routinemäßig in die Bestimmung der maximalen Rückstandslevel (MRLs) einfließen zu lassen.
Mängel in EU-Überwachungsprogramm erschweren CRA
Frank Laporte (Bayer CropScience, Frankreich) präsentierte in Mainz die Sicht der Industrie auf die kumulative Risikobewertung. Der Ansatz der EFSA, CAGs zu definieren, resultiere in einer hohen Anzahl an Gruppen, von denen einige sehr groß seien, bemerkte Laporte. Zudem müsse voraussichtlich jede aktive Substanz mehreren CAGs zugeordnet werden. Aus diesen Gründen erwartet Laporte, dass die Durchführung kumulativer Risikobewertungen extrem komplex und zeitaufwändig ausfallen und sowohl für die Behörden als auch die Industrie ressourcenintensiv sein wird. Um den potenziellen Einfluss von CRAs auf das Festsetzen von MRLs und den Zulassungsprozess von aktiven Substanzen evaluieren zu können, hat die Industrie eine vorläufige deterministische Risikobewertung für die bislang definierten CAGs durchgeführt, die mit chronischen Effekten in Verbindung gebracht werden. Zu diesen gehören zwei CAGs bezüglich chronischer Effekte am System der Schilddrüse sowie fünf CAGS bezüglich chronischer Effekte am Nervensystem.
Die Kalkulationen wurden mithilfe des EFSA PRIMo 2-Modells und basierend auf den mittleren Rückstandsgehalten durchgeführt, die im EFSA-Bericht über das EU-Monitoring von 2010 publiziert wurden. Angepasste Werte für erlaubte Tagesdosen wurden von den NO(A)ELS für beobachtete Effekte abgeleitet. Alles in allem lege die vorläufige Bewertung nah, dass die tatsächliche kumulative Exposition der europäischen Verbraucher gegenüber den sieben untersuchten CAGs keinen Anlass zur Sorge bedeute, so Laporte. Allerdings sei eine definitive Schlussfolgerung momentan aufgrund der vorhandenen Einschränkungen durch das derzeitige EU-Überwachungsprogramm nicht möglich, betonte der Experte. Das Überwachungsprogramm der EU decke nur einen Teil der in der EU konsumierten Lebensmittel ab und berücksichtige ebenso nur einen Teil der in den CAGs gebündelten aktiven Substanzen, erklärte Laporte. Weiterhin unterscheide sich die Rückstandsdefinition für die Überwachung oftmals von der für Risikobewertungen. Laporte betonte, dass angemessene Anstrengungen unternommen werden sollten, um diese Mängel zu beheben. Man rechne darüber hinaus damit, dass ein simpler deterministischer Ansatz in dem Moment nicht mehr ausreichen werde, brauchbare Rückschlüsse zu ziehen, in dem die CRAs als Routinemaßnahmen für regulatorische Zwecke implementiert werden müssten. Anspruchsvolle probabilistische Methoden müssten dann Anwendung finden, so Laporte.
ACROPOLIS IT-Tool zur Bestimmung von Expositionsrisiken vorgestellt
Das ACROPOLIS-Projekt der EU wurde bereits vor mehreren Jahren zu dem Zweck ins Leben gerufen, die kumulative Expositions- und Gefahrenbewertung zu verbessern. Eine der vorgesehenen Maßnahmen wurde nun in die Tat umgesetzt: Die ACROPOLIS-Arbeitsgruppe hat ein webbasiertes Tool entwickelt, mit dem es gelingen soll, die gesamte mögliche Exposition einer Population zu ermitteln. Jacob van Klaveren (National Institute for Public Health and the Environment - RVIM, Niederlande) erklärte das Prinzip des neuen Tools: Zunächst müsse aus einer Datenbank über den Lebensmittelverzehr, die von den EU-Mitgliedstaaten betrieben wird, ein Verzehrtag ausgewählt werden, begann der Experte. Dann werde in einem nächsten Schritt ein zufälliger Konzentrationswert für alle relevanten Lebensmittel dieses einen Tages ausgewählt und mit der verzehrten Menge kombiniert. Das Ergebnis sei ein Expositionslevel pro Lebensmittel, so van Klaveren. Die Gesamtexposition für den betreffenden Tag erhalte man, wenn man die Exposition der einzelnen Lebensmittel zusammenzähle. Dieser Vorgang werde dann für viele weitere Tage wiederholt, um die vollständige mögliche Exposition der beobachteten Population angeben zu können. Auf diese Weise könne die gesamte Variation der Exposition inklusive bestehender Verzehrunterschiede zwischen einzelnen Individuen oder Unterschieden im Kontaminationslevel zwischen verschiedenen Lebensmitteln beschrieben werden, erklärte van Klaveren. Er betonte, dass es möglich sei, sowohl einen optimistischen als auch pessimistischen Verlauf zu berechnen sowie Unsicherheiten in die Bewertung einzubeziehen. Im Test habe sich jedoch herausgestellt, dass ein optimistischer Modellverlauf häufig dazu führe, dass die tatsächliche Exposition unterschätzt werde, gab van Klaveren zu bedenken. Der pessimistische Verlauf führe dagegen immer zu einer Überbewertung. Van Klaveren ergänzte, dass Aufsichtsbeamte der EU im Gebrauch des ACROPOLIS IT-Tools geschult würden. Nachdem sie Erfahrungen mit dem optimistischen und pessimistischen Ansatz gesammelt hätten, könnten sie sich auf einen praktikablen, optimalen Ansatz verständigen, so der Experte. Nur so könne die tatsächliche Exposition ermittelt werden. Darüber hinaus sprach sich van Klaveren für ein klares Statement seitens der EU aus, welches Risiko noch als akzeptabel gelte und welches nicht. Das ACROPOLIS-Tool könne dabei helfen, die Frage nach dem Schutzlevel zu diskutieren. Verantwortlich für dessen Festsetzung sei jedoch die Europäische Kommission, unterstrich er.
Die Tagungsunterlagen mit den Skripten aller Vorträge der Fresenius-Konferenz können zum Preis von 295,- EUR zzgl. MwSt. bei der Akademie Fresenius bezogen werden.