Handwerkliche Fleischerkunst

Weit muss man fahren, bis zum äußersten Zipfel Brandenburgs. Wenige Kilometer vor der Grenze nach Polen liegt im hügeligen Randowbruch das 170-Seelen-Dorf Schönfeld. In der einsamen Landschaft wirken die weit verstreuten Dörfer wie Inseln. Tief verwurzelt mit den Menschen und in alter Handwerkstradition betreibt Wolfgang Retzlaff mit seiner Familie hier seine Landfleischerei, die in diesem Jahr ihr 60. Firmenjubiläum feiert.

Die Rotwurst im Schweinemagen, eine Eigenmarke der Landfleischerei Retzlaff, muss in den Rauch. - © Dieckmann

Handwerkliche Fleischerkunst

EIn zweiter Generation übernahm Wolfgang Retzlaff 1984 die Landfleischerei, die damals außer in Schönfeld auch in Tantow ihr Gewerbe betrieb. Vier Jahre später konzentrierte er die gesamte Produktion in Schönfeld und begann, seinen Bauernhof mit mehreren Nebengebäuden zum Hauptsitz des Unternehmens umzubauen. Zusätzliche Maschinen waren zu DDR-Zeiten allerdings nur im Tausch gegen Waren zu erhalten. Manche Maschinen, mit denen die Landfleischerei arbeitete, waren längst museumsreif, wie ein Kutter von 1936. Aber alles wurde sorgsam gewartet und gepflegt.

Ursprünglich stammt die Familie aus der Stettiner Region. Bei der Vertreibung 1945 landete sie in Schönfeld. Was eigentlich nur als Provisorium gedacht war, wurde schließlich zur neuen Heimat.Alsder Vater, Fritz Retzlaff, 1946 aus derKriegsgefangenschaft kam, stürzte er sich sofortinseinenBeruf und die Gründung der Landfleischerei.

Mit großem Geschick hat er sie an allen Klippen vorbeimanövriert, mit denen die DDR-Politik privatenGeschäftsleuten den Weg verstellte. Fritz Retzlaff,einumtriebiger Geist, aktiver Boxer und ein Kerlwie ein Baum, konnte so leicht nichts aus derBahn werfen. Was er anfasste, das gelang. Und erwar Begründer einer Familie, die all ihre Ideen undTatkraft in das Unternehmen einbringt. Es versteht sich, dass die Söhne Wolfgang und Dietmarauch Fleischer wurden. Aber Wolfgang war es, derin des Vaters Fußstapfen trat. Mit viel Engagementführt er Regie undhat alle Familienmitglieder mit seinem Elan angesteckt.

Den Geschmack der Kunden treffen

Das aufwühlende Jahr 1990 verlangte von der Landfleischerei Bedachtsamkeit und Standfestigkeit. Die Kunden lockte alles Neue in den Supermärkten. Doch Wolfgang Retzlaff ließ sich davon nicht schockieren. Kurzentschlossen kaufte er ein Schweißgerät. Schinken im Stück und Wurst in Scheiben wurden eingeschweißt. Seine Frau Martina packte den Trabant-Kombi voll und fuhr mit der Ware auf die Wochenmärkte.

„So hielten wir uns über Wasser undsignalisierten den Kunden, dass wir nach wie vorfür sei da sein wollten“, erinnert sich WolfgangRetzlaff an jene abenteurliche Zeit. „Im Spätsommer 1990 erwarben wir unseren ersten Verkaufswagen. Früher kamen die Kunden zu uns. Seither fahren wir zu den Kunden hinaus auf die Märkte und in die Dörfer zwischen den Städten Schwedt und Prenzlau.

Bereits ein halbes Jahr nach dem wissbegierigen Probieren kamen die Kunden nach und nach zurück und zogen unsere frische Ware vor. 1995 mussten wir uns einen zweiten Verkaufswagen zulegen.“ Im gleichen Jahr wurde die alte Scheune zum Schlachthaus umgebaut und es entstanden modern ausgerüstete Produktionsräume. Jeden Gewinn steckt Wolfgang Retzlaff bis heute konsequent in das Unternehmen. Denn der Familienbetrieb ist auf Zukunft ausgerichtet. Tochter Monica machte 1999 ihren Fleischermeister und wird die Landfleischerei später fortführen. Auch ihr Ehemann stieg ins Unternehmen ein, hängte seinen Beruf als Drucker an den Nagel und hat inzwischen solide Erfahrungen bei der Produktion erworben. Die handwerkliche Fleischerkunst, die Beständigkeit in Qualität, Geschmack und Sicherheit – darin liegt das Geheimnis, mit dem die Landfleischerei ihre Kunden überzeugt und hält. Jede Woche werden 25Schweine und zwei bis drei Rinder geschlachtet und verarbeitet. Montag und Mittwoch sind die Schlachttage. Die Kunden erhalten also immer frische Ware, was sie durch ihre Treue honorieren. „Die Herkunft unserer Produkte ist von der Weide bis zur Theke für die Kunden nachvollziehbar“, erklärt Monica Retzlaff. „Die Rinder beziehen wir von Züchtern, die wir kennen und deren Herden gesund sind. All die Jahre kommen die Schweine nur von einem bestimmten Mäster. Das Fleisch der Tiere ist kernig und gut durchwachsen. Was wir anbieten, das basiert grundsätzlich auf eigener Schlachtung und eigener Produktion. Wir stehen für Produktsicherheit und Qualität. Auch die Gewürzmischungen und Rezepturen sind unsere eigenen Familiengeheimnisse. Unser Vorteil als Landfleischerei liegt ja gerade darin, dass die Kunden nirgendwo sonst kaufen können, was wir erzeugen. Wir verwenden fast nur Naturdärme. Die Schweinedärme werden selbst gewonnen und verarbeitet. Ob Bierschinken in der Schweinsblase oder Sülz- und Zungenwurst im Schweinemagen, vielen Kunden schmecken die angeräucherten Wurstwaren. Wir verwenden keine chemischen Konservierungsstoffe. Die Kunden wissen, dass die Produkte ganz frisch sind und natürlich auch entsprechend rascher verzehrt werden müssen.“ Gute Handwerkstraditionen pflegt die Landfleischerei. Da wird der Nussschinken noch von Hand gewickelt und nicht in ein Netz eingezogen. Schinkenspeck produziert man, wie die Bauern es früher selbst machten – drei bis vier Wochen liegt er in Salz und wird dann über offenem Buchenholzfeuer langsam geräuchert. „Wir gelten vielleicht als Exoten. Aber darin liegt unser Erfolg“, meint Wolfgang Retzlaff.

Krautwürste sind die Renner

Den gesamten Verkauf hat Ehefrau Martina Retzlaff in der Hand, unterstützt durch ihre Schwester und eine Verkäuferin. Tochter Anke leitet mit ihrem Mann den Laden und das Bistro im Nachbarort Tantow. Täglich ist das Bistro geöffnet und richtet auch Familienfeste für bis zu 35 Personen aus. Mit den schweren Verkaufswagen fahren die Frauen bei Wind und Wetter, Schnee und Eis über die Dörfer und auf die Märkte. Die Kunden wissen jeweils Tag und Stunde, wann die Landfleischerei in ihrem Ort Station macht. Pünktlichkeit ist Ehrensache für die Geschäftsfrauen, die ein reichhaltiges Sortiment anbieten: die ganze Koch- und Brühwurstpalette, vier Sorten Räucherwurst in unterschiedlichen Varianten und natürlich Schinken in jeder Form. Pro Woche setzen sie zirka drei Tonnen Ware um. Renner sind die unikaten Krautwurst-Kreationen der Landfleischerei, von denen in der Woche rund 600 Kilo herstellt werden. Als besonderen Service ordert sie auch auf Wunsch der Kunden Enten und Gänse bei regionalen Geflügelmästern. „Die Nachfrage nach unseren Erzeugnissen ist sehr gut. Wir müssen uns Mühe geben, den Bedarf abzusichern. Die Nachfrage steigt, wenn wieder ein Skandal wegen ungenießbarem Fleisch bekannt wird, das haltlose Geschäftemacher in Umlauf bringen“, resümiert Wolfgang Retzlaff. „Dann haben wir erheblichen Zulauf neuer Kunden, die sich auf die regionalen Anbieter besinnen. Sie wissen, dass diese Erzeugnisse einwandfrei sind, was sie jederzeit selbst überprüfen können.“

Viele Ideen und Aktivitäten

Dem Familienunternehmen, das viele Aktivitäten verfolgt, mangelt es nicht an Ideen. Seit Gründung ist die Hausschlachtung nach wie vor auch ein unternehmerisches Standbein. Die Leute bringen ihr gemästetes Schwein nach Schönfeld, wo es geschlachtet, zerlegt und auch zu Wurst und Schinken weiterverarbeitet wird. Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung wächst. Im Herbst herrscht Hochkonjunktur. Alleine im November 2005 standen 171 Schweine zum Schlachten an.

Natürlich gehört auch der Partyservice zu den Angeboten. Die Buffets mit Erzeugnissen aus eigener Produktion von Wurst und Schinken über Salate, Braten und Suppen bis zu selbst gebackenem Brot und Kuchen beeindrucken jede Partygesellschaft. „Aber leider läuft dieser Service bei uns in der Gegend noch nicht so gut“, gesteht die Fleischermeisterin. „Das Geld ist knapp. Die Leute machen das lieber selbst. Wir haben hier 25 Prozent Arbeitslosigkeit.“ Ihr besonderes Metier sind Konserven im Glas. Die schmackhaften Kreationen wie Leberwurst, Blutwurst, Jagdwurst oder Frühstücksfleisch, Gulasch, Sauerfleisch, Lungenhaschee oder Kartoffelsuppe finden guten Absatz. Jetzt will sie die Palette noch mit Rouladen und Königsberger Klopsen bereichern. Auch Vollkonserven in Büchsen möchte sie irgendwann produzieren. Der alte Pferdestall wurde dazu bereits aufwendig um- und ausgebaut. Darüber hinaus trägt sie sich noch mit einer originellen Idee. Die Familie besitzt in Schönfeld einen kleinen Gasthof, der genau am Europa-Fernradwanderweg liegt. Sie möchte ihn herrichten und hungrige Wanderer mit kulinarischen Köstlichkeiten der Landfleischerei stärken. Im Unternehmen sind 14 Mitarbeiter beschäftigt, davon sind sieben Familienmitglieder. Vielleicht wächst auch schon die vierte Generation heran? Wieman hört, scheint sich eine der beiden Töchter von Monica lebhaft dafür zu interessieren, was sich soalles in der Fleischerei tut. Aber noch ist der Wegvom Kindergarten bis zur Unternehmerin weit. Wer weiß, was sich da noch alles ergibt. Unverrückbarist jedoch, dass das Familienunternehmen entschlossen mit immer wieder neuen Ideen an seiner Zukunft baut.