Gebirgsrinder in Mecklenburg

Im mecklenburgischen Kaarz züchtet das Unternehmen Kuhpon Salers-Rinder. Die holländische Unter neh merin Fanja Pon, die das Unternehmen gründete, bevorzugt diese robuste Rasse aus dem fran zö si schen Massif Central.

  • Bild 1 von 3
    © Dieckmann
    Das ganze Jahr leben die Rinder artgerecht und frei auf den Weiden des mecklenburgischen Naturparks.
  • Bild 2 von 3
    © Dieckmann
    Herden- Manager Ulrich Sültmann betreut und überwacht die 130 Salers-Rinder rund um die Uhr.
  • Bild 3 von 3
    © Dieckmann
    Vehement verteidigen die Salers-Kühe ihre Kälber gegen jeden sich annähernden Fremden.

Gebirgsrinder in Mecklenburg

EDie „Sternberger Seenlandschaft“ wurde 2005 zu Deutschlands jüngstem Naturpark gekürt. Ausgedehnte Wälder, stille Seen, Sölle und Moore sind ein El Dorado für die artenreiche Flora und Fauna, die teilweise auf der Roten Liste stehen. Die urwüchsige, bewegte Hügellandschaft im Mittleren Warnowtal überrascht in Mecklenburg, das man eigentlich nur mit Flachland assoziiert. Die prächtigen Salers-Rinder mit ihrem dunkelrot-mahagonifarbenem Fell und den typischen Hörnern in Form einer Leier, die hier ganzjährig auf den Weiden leben, sind willkommene Landschaftspfleger. Auf natürliche Weise halten sie die Wiesen mit ihren seltenen Gräsern und Kräutern kurz und bewahren dadurch deren Bestand. Die Flächen bleiben naturbelassen. Dünge- oder Pflanzenschutzmittel dürfen nicht verwendet werden.

Die Wurzeln des Unternehmens Kuhpon liegen in Holland. „Die Familie Pon betreibt in Garnwerd bei Groningen seit altersher einen landwirtschaftlichen Betrieb“, berichtet Antje Maibach, Assistentin der Geschäftsführung. „Nach der politischen Wende in Ostdeutschland und der Einheit Deutschlands sah die Familie eine lang gehegte Chance, Landwirtschaft in größerem Umfang mit mehr Flächen zu betreiben. Tochter Fanja Pon machte sich auf den Weg, einen geeigneten Standort zu suchen. Die schöne Landschaft im Umkreis des kleinen Dorfes Kaarz wuchs ihr auf Anhieb ans Herz, wo natürlich auch die notwendigen Voraussetzungen für die Firmengründung stimmten. Es gelang, Flächen zu kaufen oder zu pachten. Auf insgesamt rund 180 Hektar Weideland entwickelte Kuhpon Schritt für Schritt die Salers-Herde.“

Das Salers-Rind von den Hochebenen des Massif Central zählt zu den ältesten französischen Rassen. Namensgeberin ist die im Herzen dieses Vulkangebiets gelegene mittelalterliche Kleinstadt Salers.

Freies Leben in der Natur

Über Jahrhunderte wurden hier in der rauen Berglandschaft, die bis zu 2000 Meter hoch in den Himmel ragt, auf den kargen Almen Rinder gezüchtet. Die Tiere trotzen starkem Temperaturwechsel von Hitze und Kälte. Unbeschadet können sie mit ihren festen, großen Klauen auf steinigem und feuchtem Boden laufen. Bei Wind und Wetter, bei Schnee und Frost sowie minimalem Aufwand leben sie ganzjährig im Freien. Rund um das mecklenburgische Kaarz, wo die Bodenfruchtbarkeit zum Teil sehr gering ist und sich nicht einmal Futteranbau lohnt, eignen sich die genügsamen Rinder für die Zucht ausgezeichnet.

Aber das waren nicht die einzigen Auswahlkriterien für Kuhpon. Besondere Merkmale der Salers-Rinder sind zudem Leichtkalbigkeit und ausgeprägte gute Muttereigenschaften. Mit Argusaugen passen die Kühe auf ihre Kälber auf, führen sie lange, mitunter sogar bis über die nachfolgende Mutterschaft hinaus. Das ist ein wichtiger Sicherheitsfaktor, denn die Herde zieht fast wild in freier Natur umher. Fremde duldet sie nicht in ihrer Nähe.

Der Bulle läuft das ganze Jahr mit. Die Besamung erfolgt durch Natursprung. Die Zuchttiere haben sichdem Rhythmus der Jahreszeiten angepasst. Im Frühjahr kalben sie vermehrt. So können sich die Kälber in den warmen Jahreszeiten bis zum Winter gutentwickeln. Die Produktion von einem Kalb pro Kuh und pro Jahr ist die Regel. Bemerkenswert ist diefrühe Geschlechtsreife und Langlebigkeit einer Salers-Kuh, die erst mit ca. fünf Jahren als voll ausgewachsen gilt.

Alle Möglichkeiten nutzen

Die Herde zählt 130 Rinder. Eine kleine, aber feine Zucht. Genau genommen handelt es sich um ökologische Tierhaltung. Denn die Rinder ernähren sich vom Frühjahr bis zum Herbst ausschließlich von dem, was auf den weitläufigen, saftigen Weiden wächst. Auch das Heu, das im Winter zugefüttert wird, ist von den eigenen Wiesen geerntet. Die Tiere wachsen gesund auf. Davon kann sich jeder gerne überzeugen, der das Salers-Fleisch kauft. Diese extensive Bewirtschaftung der Flächen wird von der EU gestützt. Strikt sind natürlich alle vertraglich festgelegten Regelungen einzuhalten.

Die Salers-Herde betreuen drei Mitarbeiter – vielseitige Allrounder. Sie erledigen alles, was an Arbeit anfällt: Von der unmittelbaren Betreuung der Tiere über den Bau der Weidezäune, das Mähen der Wiesen und entästen der Bäume bis zum Fällen von Bäumen und dem Zuschnitt von Brettern oder Kanthölzern. Das kleine schlagkräftige Team hat vieles im Blick und alles im Griff.

„Der Tag beginnt bei uns in aller Frühe, um mit Tankwagen Wasser aus dem nahen Fluss, der Warnow, für die Tiere zu holen“, erklärt Herden-Manager Ulrich Sültmann. „Jeder Tag endet mit einer letzten Kontrolle, ob die Herde auf der Weide unbehelligt und ruhig ist. Auf Veränderungen reagieren die Tiere sehr empfindlich. Dann können sie wild werden. Einigen Stress gibt es für uns, wenn wir ein Neugeborenes mit der vorgeschriebenen Ohrmarke versehen müssen. Vehement verteidigt die Mutter ihr Kalb. Dann wird es gefährlich. Wir setzen deshalb einen Traktor ein, an dessen Hubarm eine Käfig hängt, den wir über das Kalb stülpen. Der Mitarbeiter klettert in den Käfig und kann so, geschützt gegen Attacken der draußen stehenden Mutter, mit dem Kalb arbeiten. Auch das Kastrieren von Bullenkälbern ist ohne diese Vorsichtsmaßnahme nicht möglich. Die Salers sind ideal für die Extensivhaltung hier im Landschaftsschutzgebiet. Die Rasse, die in Frankreich in einer schwierigen Umwelt über Jahrhunderte selektiert wurde, ist sehr robust. Die gute Milchleistung der Kühe bietet ein hervorragendes Potenzial für ein Wachstum der Kälber mit hohem Absetzgewicht. Es versteht sich, dass wir unsere Färsen selbst züchten. Wenn Bedarf von anderen Salers-Haltern vorliegt, werden auch Färsen für deren Zucht verkauft. Wir kaufen lediglich von Zeit zu Zeit einen neuen Bullen, damit sich die Zucht gesund entwickelt.“

Genuss für Gourmets

Die Salers-Rinder werden nicht ganz so schwer und die Fleischausbeute ist etwas geringer als bei anderen Rassen. Aber die erstklassige Qualität des Fleisches macht dies allemal wett. Im Alter von knapp zwei Jahren haben die Jungtiere das erwünschte Schlachtgewicht von rund 600 Kilogramm erreicht. Kuhpon transportiert die schlachtreifen Rinder selbst zum Schlachten nach Teterow, um ihnen jeglichen Stress zu ersparen. Mit dem Schlachthof ist extra vereinbart, dass die Tierkörper zum Reifen mindestens 12 Tage im Kühlraum hängen. Denn je länger das Fleisch reift, desto mürber und zarter wird es. Dann werden die Rinderhälften zum Abholen grob zerlegt. Kuhpon hat einen festen Kundenkreis, der auf Bestellung beliefert wird. Die Schlachtung richtet sich nicht zuletzt nach der bestellten Menge. Derzeit werden im Jahr rund 20 Tiere geschlachtet.

Salers-Fleisch ist in Frankreich, wo bekanntlich die Feinschmecker zu Hause sind, wegen seines delikaten Geschmacks sehr begehrt. Das Fleisch der Rinder, die in aller Ruhe langsam auf den Weiden heranwachsen, ist kurzfaserig, von feiner Struktur und wunderbar marmoriert. Das zarte Fleisch hat einen aromatischen, leicht wildähnlichen Geschmack. Bei der Vermarktung des Fleisches spielt das Golfhaus in Vorbeck eine gewichtige Rolle. Die WINSTONgolf-Anlage bei Schwerin gründeten Fanja Pon und der Kanadier Bruce Johnston. Spezialität des Restaurants ist Kulinarisches vom Salers-Rind, das nicht nur Golfer in das behagliche Golfhaus lockt. Jeder Gast, der es einmal gekostet hat, möchte es auch für den heimischen Sonntagsbraten erwerben. Bestellen kann man das Salers-Fleisch direkt im Restaurant oder per Internet (www.winstongolf.de), individuell nach den Wünschen der Kunden.

Neue Ideen und neue Wege

„Wir planen, die Direktvermarktung des Salers-Fleisches, das mehr und mehr zum Insider-Tipp avanciert, auszubauen“, erklärt Antje Maibach. „Verschiedene Aktivitäten sollen das Feinschmeckerfleisch in der Region noch mehr publik machen, um den vorhandenen Kundenstamm zu erweitern. Unter anderem wollen wir informative Führungen zu unseren Weiden anbieten, wo Einheimische und Touristen erleben können, wie die Rinder ganz natürlich und artgerecht aufwachsen. Ich bin sicher, dass die Leute begeistert sein werden und gerne das Fleisch kaufen möchten. Diese Direktvermarktung in größerem Stil ist im Aufbau. Dazu müssen wir allerdings auch einen Schlachthof in der Nähe finden, der uns die Tierkörper entsprechend den Kundenbestellungen komplett zerlegt, portioniert und vakuumiert.“

Kuhpon kann seine Salers-Herde nur geringfügig erweitern, weil einfach nicht genug Flächen vorhanden sind. In Naturschutzgebieten sind für eine Großvieh-einheit 1,3 Hektar vorgeschrieben, andernfalls würden die Auflagen der Landschaftspflege nicht erfüllt. „Aber wir tragen uns noch mit einer anderen Idee“, berichtet Antje Maibach. „In absehbarer Zeit wollen wir auch Lammfleisch anbieten. Eine kleine Schafherde halten wir schon heute. Vielleicht vergrößern wir die Herde, denn die könnte an den Hanglagen am Warnow-Ufer wunderbar weiden.“Marlies Dieckmann