Die diversen Krisen der vergangenen Jahre und der Preisdruck schlagen auch auf Fleisch verarbeitende Unternehmen durch. Höhere Kosten und weniger Umsatz belasten das Ergebnis und die Kreditwürdigkeit. Zeit, etwas Druck vom Eigenkapital zu nehmen.

Die Kosten laufen aus dem Ruder – für Material, Energie, bis vor kurzem vor allem auch für Schlachtschweine. Und die Deutschen essen immer weniger Fleisch, auch im vergangenen Jahr wieder. „2022 aßen die Deutschen noch 52 kg pro Jahr und damit vier Kilo weniger als 2021 noch“, sagt Michael Karrenberg, Regional Director Risk Services Germany, Central and East Europe bei Atradius. Immerhin ist die wirtschaftliche Lage im Fleischerhandwerk etwas besser als die Stimmung, wie eine Umfrage des Deutschen Fleischer-Verbands (DFV) unter 223 Innungsmitglieder des Fleischerhandwerks im Februar ergab.
Doch die Krise schlägt auch auf die Fleischereiunternehmen durch, stellt Atradius fest. „Von den Unternehmen der Fleischbranche geht derzeit das höchste Zahlungsrisiko innerhalb der Lebensmittelbranche aus“, sagt Karrenberg. So nahmen die Nichtzahlungsmeldungen nach Lieferungen an deutsche Unternehmen der Fleischbranche 2023 gegenüber 2022 um 28,8 Prozent zu.
Zahlreiche Unternehmen müssen auch demnächst Corona-Hilfen zurückzahlen oder vergünstigte Corona-Kredite ablösen. Die Frage ist: Wovon? Auch die Finanzierungskosten sind hoch.
Wie in jeder Krise und branchenunabhängig trifft der Druck Unternehmen stärker, je weniger Eigenkapital sie besitzen. Vom Eigenkapital hängt neben der Handlungsfähigkeit eines Unternehmens auch seine Bonität ab. Ein Problem mit schwacher Eigenkapitalausstattung neigt so dazu, von selbst zu wachsen.
Fleischereiunternehmer tun daher auch und gerade jetzt gut daran, ihre Eigenkapitalquote gezielt zu erhöhen – mit operativen Anpassungen oder Finanzierungsmethoden wie Factoring oder Leasing.
Eigenkapitalquote verbessern
Die Ausstattung mit Eigenkapital wirkt sich unmittelbar auf den Anlagendeckungsgrad aus, eine wichtige Bilanzkennziffer, die die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens beeinflusst. Sie ergibt sich aus dem Verhältnis des Eigenkapitals allein oder in Kombination mit langfristigem Fremdkapital zum Anlagevermögen.
Ist kein Geld da, schränkt das den Handlungsspielraum deutlich ein. Nicht nur die meisten Mittelständler achten deshalb von Haus aus auf eine gesunde Finanzdecke. Finanzinstitute und Investoren befinden mehr als 50 Prozent Eigenkapital vom Anlagevermögen oder mit Langfristfinanzierungen zusammen 100 Prozent oder mehr für gut. Bilanztechnisch ist Eigenkapital die Differenz von Vermögen (= Aktiva) und Schulden (Fremdkapital). Die Eigenkapitalquote errechnet sich aus Eigenkapital geteilt durch Bilanzsumme – eine Quote von 30 Prozent oder mehr gilt als grundsolide, je nach Bereich 20 Prozent als ausreichend.
Insgesamt hat sich die Eigenkapitalausstattung der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) über Jahre hinweg leicht verbessert – von wenigen Ausreißern wie dem Coronajahr 2020 abgesehen. Seither öffnet sich die Schere. Fast jedes fünfte Unternehmen sagte bei der Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) im Sommer, die eigene finanzielle Lage sei von einem Eigenkapitalrückgang geprägt. Der Anteil der eigenkapitalschwachen Firmen mit einer Eigenkapitalquote unter zehn Prozent lag im Frühling 2024 bei 29,5 Prozent (Vorjahr: 30,7 Prozent), berichtet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Zugleich haben mehr Unternehmen – ein Rekordwert von 35,5 Prozent (Vorjahr: 34,2 Prozent) – eine hohe Eigenkapitalquote von über 30 Prozent.
Wachstumspotenzial nutzen
Fleischereiunternehmer sollten auf Wachstum aus sein, rät Munich Strategy-Partner Matthias Riemann. „Nur Unternehmen, die wachsen, können die schmelzenden Margen kompensieren, laufende Produktinnovationen generieren, Skaleneffekte in ihrer Kostenstruktur nutzen und Mitarbeiter binden“, sagt er. Natürlich dürfe Wachstum nicht zum Selbstzweck werden, sondern müsse strategisch fokussiert werden.
„Die Konsumenten kaufen weniger, aber dafür qualitativ höherwertiges Fleisch“, analysiert Karrenberg. Der Fokus liege auf Nachhaltigkeit. „Sofern Marktteilnehmer dazu finanziell in der Lage sind und das Know-How haben, bietet die Transformation Chancen, die Produktpalette an ein sich änderndes Konsumverhalten anzupassen, beispielsweise durch fleischlose Produkte sowie einen stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeit, Regionalität und Transparenz“, rät er.
Hilfreich ist neben operativen Maßnahmen auch geeignete Finanzierung. Unternehmer aller Branchen führten in der Krise zahlreiche Gespräche über die Erweiterung von Linien, mit Banken, aber auch Lieferanten sowie Kunden beispielsweise mit Blick auf Abschlagsrechnungen oder wenigstens Rechnungen über Materialien. Zusätzliches Fremdkapital hilft zwar, liquide zu bleiben, belastet aber das Eigenkapital und verschlechtert damit die Bonität.
Alternative Finanzierungsformen
Um die Eigenkapitalquote zu verbessern, eignen sich Finanzierungsinstrumente wie etwa Leasing, das längst auch für Maschinen, IT- oder Telefonanlagen sowie Software angeboten wird.
Auch Instrumente wie Factoring, bei dem ein Unternehmen in der Regel alle offenen Forderungen an den Factor verkauft, also einen Finanzdienstleister. Dieser überweist dem Betrieb das Geld sofort, sichert ihn gegen den Verlust der Forderung ab und bietet gegebenenfalls neben Inkasso auch Buchhaltung und weitere Dienstleistungen wie etwa eine Bonitätsprüfung gegen Gebühr an. Wird der Kunde über den Forderungsverkauf informiert, ist das Factoring „offen“ – sonst „still“. Auch unterhalb des Full-Service-Factoring sind diverse Abstufungen möglich – bis hin zum unechten Factoring, bei dem der Betrieb am Ende selbst haftet. Da Factoringgesellschaften – anders als Banken – Außenstände als Sicherheit anerkennen, ist der Finanzierungszins günstiger als beispielsweise für Kontokorrentkredite. Die Factoringgebühr richtet sich nach dem Vertragsumfang und die Spanne reicht Marktbeobachtern zufolge von 2,5 bis 6 Prozent.
Finanzierungsinstrumente wie Factoring oder auch Leasing stärken das Eigenkapital und erkennen den Wert der finanzierten Assets bei der Bewertung an, die als Aktivposten zudem in der Unternehmensbilanz bleiben. Leasingunternehmen übernehmen außerdem Wartung oder Reparaturen. Generell gewinnen in der Krise Asset-basierte Finanzierungen an Reiz, auch für bereits im Besitz befindliche Wirtschaftsgüter wie Maschinen, Fuhrparks, Rohstoff- oder Warenlager und andere Sachwerte bis zu Immobilien – über Sale-and-Lease-Back oder so genannte Asset Based Credits, also Kredite. Anders als Fremdkapital belasten sie das Eigenkapital ebenfalls nicht. Der Charme solcher Finanzierungsinstrumente besteht auch darin, dass Finanzinstitute sie praktisch bonitätsunabhängig vergeben.
Mit Blick auf eine Stärkung des Eigenkapitals sind auch Mezzanine-Finanzierungsformen interessant, wie beispielsweise Nachranganleihen, Wandel- beziehungsweise Optionsanleihen oder auch etwa das Genussrecht.
Mezzanine-Kapital weist Elemente von Eigen- und Fremdkapital auf und die Ansprüche der Kapitalgeber sind in der Regel nachrangig – vor allem deshalb ist Mezzanine als wirtschaftliches Eigenkapital eingestuft. Allerdings muss das vertraglich gut durchdacht vereinbart werden. Auch hier besteht also – immer möglichst unabhängiger – Beratungsbedarf.
Mit den richtigen und passenden Finanzierungsinstrumenten verschaffen sich Unternehmer den nötigen Spielraum, um ihr Geschäft in die richtige Richtung zu bewegen.