Der Fachkräftemangel ist und bleibt ein großes Thema in der Fleischbranche. Ob Auszubildende, Fleischer, Fleischereifachverkäufer/-in oder Produktionsmitarbeiter – in vielen Betrieben fehlt es an allen Ecken. Wer am hart umkämpften Arbeitsmarkt noch Mitarbeiter finden will, muss sich etwas einfallen lassen.
Deutschlandweit fehlt in Metzgereien und fleischverarbeitenden Betrieben Fachpersonal. Laut Deutschem Fleischer-Verband (DFV) sind die Ausbildungsverhältnisse in den vergangenen 20 Jahren stark zurückgegangen: Gab es im Jahr 2003 noch mehr als 10.000 Ausbildungsverträge für den Beruf Fleischereifachverkäufer/-in, waren es 2022 nur noch gut 2.200. Ähnlich rückläufig ist die Entwicklung bei den Fleischern: Von mehr als 7.500 im Jahr 2003 sank die Zahl auf rund 2.400 Ausbildungsverträge im Jahr 2022. Der fehlende Nachwuchs veranlasst immer mehr Betriebsinhaber aufzugeben, Supermarktbetreiber müssen Fleischtheken schließen oder deren Öffnungszeiten reduzieren.
Weil der Fachkräftemangel die Fleischbranche besonders stark betrifft, hat die Handwerkskammer Freiburg bereits 2021 ein deutschlandweit einmaliges Pilotprojekt gestartet und junge Inder für eine Ausbildung zum Metzger angeworben. Landesinnungs- und Metzgermeister Joachim Lederer aus Weil am Rhein hat das Projekt mitinitiiert und gefördert. In seiner Metzgerei absolvierten zwei junge Männer aus Indien ihre Ausbildung. Bereits nach den ersten Monaten konnte Lederer eine positive Bilanz ziehen. „Am Anfang“, sagt er im Interview dem Südwestdeutschen Rundfunk, „da wusste man ja gar nicht, was auf einen zukommt und wer da überhaupt kommt.“ Aber nach 100 Tagen hatte er erkannt: „Das ist wie ein Sechser im Lotto!“ Natürlich hätten sich die jungen Leute hier erstmal einfinden müssen, aber jetzt kämen die beiden strahlend zur Arbeit – das sei wichtig, auch für die Kundschaft. Vergangenes Jahr holte Lederer zwei weitere Azubis aus Indien in seinen Betrieb und ist erneut angetan von deren Arbeitseinstellung.
Neue Wege auf der Suche nach Fachkräften
„Joachim Lederer macht vieles richtig“, sagt Simone Stargardt. Die Fachfrau für modernes Personalmanagement und Inhaberin der privaten Weiterbildungsakademie carriere & more Südwest befürwortet es, wenn Betriebe Fachkräfte auf neuen Wegen suchen und jungen Menschen eine Chance geben, deren Einarbeitung und Ausbildung zunächst einen Mehraufwand erfordert. Es gebe schließlich in vielen Branchen Jobs und Aufgaben, für die sich kein Personal mehr findet. Bevor Fleischtheken oder Metzgereien schließen müssen, lohne es sich, den Horizont zu erweitern. „Natürlich braucht es für neue Mitarbeiter, die die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschen und noch wenig über unsere Kultur wissen, zusätzliche Unterstützung“, betont Stargardt. Neben intensiven fachlichen Schulungen brauchen Arbeitskräfte, die aus anderen Ländern zum Arbeiten nach Deutschland kommen, oft auch im privaten Bereich Hilfe. Etwa bei Behördengängen, der Wohnungssuche oder dem Abschließen eines Mobilfunkvertrags. Das sollten die Personalverantwortlichen in den Betrieben sich bewusst machen und sich, wo es notwendig ist, rechtzeitig um externe Unterstützung kümmern. Branchen mit „schwierigem Image“, wie die Fleischbranche, stellen trotz Fachkräftemangel oft noch hohe Anforderungen an Bewerber, beobachtet Stargardt. Dabei vergessen viele allerdings zu vermitteln, warum sich qualifizierte Schulabgänger oder Fachkräfte gerade für ihren Betrieb interessieren sollten. Bei der Zielgruppe müsse der Wunsch ausgelöst werden, sich bei genau diesem Unternehmen zu bewerben. Das sei in der Fleischbranche womöglich schwieriger, als in anderen Branchen, doch nicht unmöglich: „Für viele Arbeitssuchende oder Jobwechselwillige ist ein gutes Betriebsklima relevanter als die Branche und oft auch wichtiger als die Bezahlung“, beobachtet die Diplom-Betriebswirtin.
Zu wenig auf dem Rader haben Fleischverarbeiter laut der Trainerin Schulabbrecher oder Jugendliche mit schlechten Zeugnissen. „Gerade handwerklich interessierten Schülern fällt das Lernen oft schwer, was sich dann in schlechten Noten widerspiegelt“, so die Personal-Expertin. Wenn diese jungen Männer und Frauen dann körperlich arbeiten und dafür positives Feedback bekommen, verbessern sich oft auch die Berufsschulnoten, zeige ihre Erfahrung mit großen Unternehmen aus der Lebensmittelbranche. Diese Zielgruppe müsse jedoch aktiv angesprochen werden, zum Beispiel in Hauptschulen oder Berufsförderklassen.
Soziale Medien nicht unterschätzen
Um generell das Image der Branche zu verbessern, empfiehlt Stargardt, die Wirkung der sozialen Medien nicht zu unterschätzen. Das Vorurteil, dass Bilder und Storys aus einer Metzgerei nicht für die Sozialen Medien geeignet sind, widerlegt ein Familienunternehmen in der Lausitz: Alexander Richter, Sohn des Inhabers Roland Richter, hat 2022 angefangen, Videos über die Metzgerei seines Vaters zu drehen und auf Instagram und TikTok zu veröffentlichen. Seine damalige Motivation war, die jüngere Generation zu erreichen. In kurzen Filmsequenzen bietet „Alex“, wie er sich selbst nennt, mit lautstarker Stimme eine Auswahl an Fleischsorten an. Inzwischen bekommt die Metzgerei auf TikTok mehr als 1,5 Millionen Likes für die Videos und hat plattformübergreifend mehr als hunderttausend Follower.
„Es macht auf jeden Fall auch für Metzgereien und fleischverarbeitende Betriebe Sinn, sich auf Social-Media-Kanälen zu registrieren und Infos zum Betrieb sowie Stellenanzeigen zu veröffentlichen“, findet Personalfachfrau Simone Stargardt. Wenn Angestellte und Kunden diese Beiträge teilen, ließe sich mehr Reichweite und Aufmerksamkeit erzielen, als mit einem teuren Inserat in einer Zeitung. Unternehmen sollten darüber hinaus prüfen, wie sie Azubis und Mitarbeiter fördern können. Bei lernschwachen Azubis helfen zum Beispiel interne Schulungen, in denen der Lernstoff aus der Berufsschule vertieft wird. „Bildung bindet“, lautet Stargardts Motto: „Wer vom Chef eine Weiterbildung bezahlt bekommt und nach erfolgreichem Abschluss eine Prämie oder mehr Gehalt erhält, belohnt das oft mit besonderer Loyalität.“