Nach vorne zu schauen und die Herausforderungen der Zeit aktiv anzugehen, dazu rief Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbandes (DFV), in seiner Rede zur Eröffnung des 134. Deutschen Fleischer-Verbandstages am 13. und 14. Oktober 2024 in Travemünde auf. Angesichts eines Regierungshandeln, das „an vielen Stellen von Streit und Ideologie geprägt ist“ und einer Politik, die derzeit an der Lebenswirklichkeit vorbeigehe, sei es zwar schwer, eine „optimistische Grundhaltung zu behalten“, doch es habe noch nie geholfen, Missstände permanent zu bejammern. Der Weg nach vorne sei immer geglückt, wenn er über eine sachliche Analyse, beharrliches Arbeiten und konstruktives Handeln gegangen ist.

Damit hat der DFV-Präsident die Leitlinie vorgegeben, an der sich das zukünftige Handeln der Branche und des Verbands verstärkt orientieren muss, um der Stimme des Fleischerhandwerks in der Politik Gehör zu verschaffen und Positives für die Betriebe zu erreichen. Unter anderem mit einem DFV-Büro in der Hauptstadt kann das gelingen.
Angesichts der fehlgeleiteten Politik der Ampelkoalition, der es vor allem an Kritikfähigkeit und Kompromissbereitschaft fehlt, fordert Präsident Dohrmann die Branche dazu auf, ihre eigenen Aufgaben zu erledigen. Darum solle es auch auf dem Verbandstag gehen. Neben der Bürokratie stehe dabei der Arbeitskräftemangel im Fokus.
Vor diesem Hintergrund sei zu beachten, so Dohrmann, dass die „Arbeitswelt sich … in einem deutlichen Umbruch“ befinde. Die Menschen wollen immer weniger arbeiten, es wird eine Vier-Tage-Woche gefordert, bei gleichem Lohn. Und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit kommt sowieso für die meisten gar nicht Betracht. Arbeit wird zunehmend als „notwendiges Übel“ gesehen. Daraus ergibt sich die auf dem Verbandstag zu diskutierende Frage, welchen Platz das personalintensive Fleischerhandwerk in der Arbeitswelt der Zukunft einnehmen kann.
Fleisch ist wieder stärker gefragt
Präsident Dohrmann ging in seiner Rede unter anderem auch auf den Ernährungsreport 2024 des Bundesministeriums von Cem Ozdemir ein. Zum Hintergrund: Jedes Jahr stellt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft den Ernährungsreport vor. Der Bericht ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt hat. Die Verbraucher in Deutschland sollten sich dazu äußern, „was ihnen beim Thema Ernährung besonders wichtig ist und was sie von der Politik erwarten“, so Cem Özdemir im Vorwort.
Der DFV-Präsident stellte in seiner Eröffnungsrede klar, dass „vor allem junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren relativ viel Fleisch essen – und das mit steigender Tendenz. Vor einem Jahr haben 17 Prozent dieser Gruppe gesagt, dass sie täglich Fleisch essen, jetzt sind es 29 Prozent. Die Anteile der Vegetarier mit acht Prozent und die der Veganer mit zwei Prozent bleiben dagegen unverändert. Nach wie vor essen also neun von zehn Deutschen Fleisch.“ Das bedeutet auch: „Trotz aller ideologischen Anfeindungen wenden sich die Leute eben nicht vom Fleischkonsum ab, auch nicht die Jungen. Man muss es sogar noch anders formulieren: Gerade nicht die Jungen!“
Diese Entwicklung wurde von Cem Özdemir allerdings nicht kommentiert. Stattdessen hebt er ausdrücklich hervor, dass „mehr als die Hälfte (der Bürgerinnen und Bürger) schon mindestens einmal vegetarische oder vegane Alternativen zu tierischen Produkten gekauft“ habe. Diese offenbar erfreute Feststellung passt zur politisch-ideologisch gewollten Ernährungswende, die auf eine möglichst fleischfreie pflanzenorientierte Ernährungsweise zielt.
Auszüge aus der Eröffnungsrede
von DFV-Präsident Herbert Dohrmann beim 134. Deutschen Fleischer-Verbandstages am 13. und 14. Oktober in Travemünde:
„Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich, dass ich heute mit Ihnen gemeinsam den 134. Deutschen Fleischer-Verbandstag eröffnen kann. Und ich freue mich, dass wir wiederum besondere Gäste bei uns haben, die zu uns gekommen sind, um sich mit uns auszutauschen. Dabei wollen wir es nicht bei Ansprachen belassen, sondern wir wollen tatsächlich auch miteinander diskutieren.
…
Was erwartet uns bei diesem Kongress? Natürlich müssen wir auch bei diesem Verbandstag eine Analyse vornehmen, unter welchen Rahmenbedingungen wir arbeiten, welche Herausforderungen auf uns warten und was unsere Kunden umtreibt. Anders gesagt: Heute und morgen wird wie-der der Blick auf den Zustand von Land, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik unsere Beratungen bestimmen. Und mir fällt die Aufgabe zu, in dieser Eröffnungsrede den Aufschlag zu machen.
Jetzt wird es schwierig, denn man muss sehr aufpassen, dass man nicht in das allgemeine Lamento einstimmt, das unser Land ergriffen hat. In unseren Nachbarländern wird gern über die Deutschen gespottet, die sich eigentlich immer sehr große Sorgen machen und alles eher negativ sehen. „The German Angst“ wird das in England zum Beispiel genannt.
Dann will ich mal versuchen, zumindest mit einer positiven Aussage zu beginnen: Auch wenn es aktuell große Herausforderungen gibt, unser Land, die Gesellschaft, die Wirtschaft und vor allem auch das Handwerk im Allgemeinen und das Fleischerhandwerk im Besonderen haben schon ganz andere Probleme gemeistert.
…
Zu keiner Zeit hat es geholfen, wenn man in Wehklagen oder Wutausbrüchen Missstände bejammert hat. Der Weg nach vorne ging immer über eine klare und sachliche Analyse, beharrliches Arbeiten und mit konstruktivem Handeln.
Dieser Weg nach vorne ist immer geglückt, weswegen man sich daran auch heute orientieren kann.
Man kann eine zweite positive Aussage voranstellen: Unser Land ist nicht kurz vor dem Kollaps, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbruch steht eben nicht unmittelbar vor der Tür. Den allermeisten Menschen geht es gut, auch unsere Unternehmen stehen überwiegend gut da. Ja, es stimmt, Geld verdienen ist zurzeit nicht ganz so einfach wie zu-letzt, aber wenn wir ehrlich sind, es war auch schon schlimmer. Damit sind wir bei der sachlichen Analyse angekommen, die konkreten Vorschlägen vorangehen muss.
Warum ist die Stimmung so schlecht? Warum wählen Menschen Parteien, die entweder kein schlüssiges Konzept haben oder sogar Widersprüchliches in ihren Wahlprogrammen stehen haben? Was läuft falsch in der Politik?
Jetzt könnte man lange ausholen und über den ewigen Streit in der Ampel-Koalition referieren. Das haben wir alles tausendmal gehört und gelesen. Die Auseinandersetzung zwischen Parteien in einer Koalition, die so unter-schiedlich sind, ist nicht das Schlimmste. Wir werden uns für lange Zeit da-ran gewöhnen müssen, dass es bei Koalitionsregierungen, die aus drei oder sogar mehr Parteien bestehen, zu solchen auch öffentlichen Diskussionen kommt.
Viele entscheidender ist für mich, ob die Koalitionäre kompromissfähig sind, wie diese Kompromisse aussehen und vor allem wie sie kommuniziert werden. Das ist der Knackpunkt, an dem diese Ampel dramatisch gescheitert ist.
Das Scheitern lässt sich mit einer einzigen Feststellung beschreiben: Diese Regierung macht eine Politik, die an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei geht. Man kann das an ganz vielen Stellen belegen, da passt Vieles nicht zusammen. Ich gebe Ihnen mal ein paar Beispiele, die Sie wahrscheinlich alle kennen:
- Man fordert von der Bevölkerung, mehr auf Elektromobilität zu setzen, streicht aber innerhalb von drei Tagen jede Förderung für eAutos.
- Eigenheimbesitzer will man zu Wärmepumpen und energetischen Sanierungen bringen, scheitert aber selbst krachend am selbstgesteckten Ziel im Wohnungsbau.
- Man erhöht das Bürgergeld und schafft Sanktionen ab und merkt nicht, dass sich die Malocher in den Fabriken abwenden, weil sie diesen Spaß für Arbeitsverweigerer bezahlen müssen.
- Mit enormem Aufwand wird versucht, den Bedürfnissen oder Befindlichkeiten auch noch der kleinesten Minderheit gerecht zu werden; mit gendern, mit jährlicher Geschlechteranpassung, mit der Verhinderung von kultureller Aneignung, mit dem Verbot bestimmter N- und Z-Wörter und vielem mehr. Gleichzeig hat man den Ein-druck, dass die Bedürfnisse und Sorgen der übergroßen Mehrheit keine besondere Rolle spielen.
- Man verspricht innere Sicherheit, verweigert aber konsequentes Handeln und Rückendeckung für die Polizei, wenn es darum geht, Konsequenz zu zeigen.
- Man hält das Asylrecht hoch, unternimmt aber kaum etwas, Regeln zu schaffen und durchzusetzen, unter denen das Recht in Anspruch genommen werden kann.
- Man verteufelt gesunde und genussreiche Lebensmittel, weil sie angeblich zu viel Fett, Zucker oder Salz enthalten, und legalisiert gleichzeitig Cannabis-Produkte.
- Auf der einen Seite wendet der Staat viel dafür auf, um die geburtenstarken Jahrgänge über das Datum des Renteneintritts hinaus zum Weiterarbeiten zu bewegen, damit der Arbeitskräftemangel halbwegs gemildert wird. Andererseits preisen Saskia Esken und Hubertus Heil die Vier-Tage-Woche als wichtigen Beitrag zu einer humanen Arbeitswelt.
Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, das passt alles nicht zusammen. Das versteht keiner mehr.
Ich will keinesfalls falsch verstanden werden. Ich habe nichts gegen die Unterstützung von Bedürftigen und ich sehe auch eine gewisse Verpflichtung, Verfolgten zu helfen. Auch der Minderheitenschutz muss in einem freien Land unbedingt Beachtung finden. Das ist alles völlig in Ordnung, wenn die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleibt.
Wenn man aber die Lebenswirklichkeit der großen Mehrheit im Lande ständig missachtet, wenn man den Leuten ständig erklärt, was sie alles falsch machen, und wenn man die Sorgen und Ängste dieser Mehrheit nicht ernst nimmt, dann braucht man sich vielleicht auch nicht wundern, wenn diese Mehrheit am Ende Populisten und Rattenfängern hinterherläuft.
In diesem Zusammenhang will ich noch eine große Verwunderung mit Ihnen teilen, die mich im Zusammenhang mit den Landtagswahlen der letzten Wochen ergriffen hat. Es hat mich schon sehr erstaunt, wie wenig Selbstkritik aus den Reihen der Ampel zu hören war. Man kommt offen-sichtlich gar nicht auf die Idee, dass die Politik falsch ist. Die Wähler haben nur noch nicht verstanden, wie gut Olaf Scholz seinen Job macht.
Wir werden sehen, wie sich das jetzt weiterentwickelt. Christian Lindner hat den Herbst der Entscheidungen ausgerufen, ein kraftvolles Wort, für das ich großes Verständnis habe. Aber ob er mit den Wahlergebnissen der letzten drei Wahlen noch viel reißen kann, ist dann doch die Frage. Die Ein-Prozent-Hürde hat er nur in Thüringen knapp geschafft, in Sachsen und Brandenburg ist er deutlich daran gescheitert.
Ich will nicht spotten, aber ich finde es sehr befremdlich, wenn die Grünen nach diesen Abstrafungen durch den Wähler über den Kanzlerkandidaten nachdenken und Olaf Scholz sich freut, dass „wir“, wie er sagt, die Wahl in Brandenburg gewonnen haben. Er hat sicher schon vergessen, dass sich der SPD-Ministerpräsident beharrlich geweigert hat, mit ihm gemeinsam aufzutreten.
Ich habe es eingangs gesagt, dass es schwer ist, bei der Analyse die optimistische Grundhaltung zu behalten. Deshalb ist es jetzt allerhöchste Zeit, wieder zum Positiven zurückzukehren. Denn auch, wenn das Regierungs-handeln an vielen Stellen von Streit und Ideologie geprägt ist, kann man doch das eine oder andere erreichen.
Es ist wichtig und unverzichtbar, dass die Stimme des Fleischerhandwerks wahrgenommen wird. Nur so können wir unsere Vorstellungen einbringen und Positives für unsere Unternehmen erreichen. Immer wieder vorstellig werden, immer wieder sachliche und fundierte Argumente vortragen, immer wieder gute Alternativvorschläge erarbeiten und einbringen.
Bei aller berechtigten Kritik an der Ampelregierung, auch hier hat dieses Vorgehen unter dem Strich an vielen Stellen Erfolg gebracht, dafür gibt es viele Beispiele. So hat der ZDH messbaren Anteil daran, dass es wenigstens teilweise ein Umdenken beim Bürgergeld gegeben hat, insbesondere bei der Wiedereinführung von spürbaren Sanktionen für Arbeitsverweigerer. Und auch der DFV wird wahrgenommen: Bundesminister Özdemir spricht in öffentlichen Reden inzwischen davon, dass er zwei Hauptansprechpartner hat, wenn es um Vieh und Fleisch geht: Bauernpräsident Rukwied und Fleischerpräsident Dohrmann. Keine Sorge, ich hebe nicht ab, ich komme auf Özdemir gleich noch einmal zurück.
Aber immerhin: Wir werden gehört. Das heißt natürlich noch nicht, dass man alle Wünsche durchsetzen kann, belegt aber, dass man wahrgenommen und gehört wird. Und so kommen dann Arbeitskreise und Workshops mit den Ministerien zustande, bei denen dann doch Konkretes für die Fleischereien erreicht wird.
Zum Beispiel in Sachen Bürokratie, das drängendste Problem unserer Be-triebe, wie unsere Umfrage gezeigt hat. Auch wenn das neueste Bürokratieentlastungsgesetz weit vom versprochenen großen Wurf entfernt ist, in kleinen Schritten geht es vielleicht doch voran.
Mit dem Bundeswirtschaftsministerium sind wir im engen Austausch, wo-möglich schaffen wir es, dass wir beim Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz endlich nicht mehr mit der Industrie gleichgesetzt werden. Das wäre dann noch kein Befreiungsschlag, aber wenigstens ein Lichtstreifen am Horizont.
Egal, wann eine neue Regierung gebildet und wie sie zusammengesetzt sein wird, wir müssen diese konsequente politische Sacharbeit fortsetzen. Es wird in jedem Fall wieder eine Koalitionsregierung sein, vielleicht wieder mit Partnern, die sehr unterschiedliche Vorstellungen haben. Einfacher wird’s also wahrscheinlich nicht. Aber mit den Kontakten und Verbindungen, die wir uns in den letzten Jahren geschaffen haben, werden wir auch dann Gehör finden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, weil bisher die negativen Dinge in meiner Betrachtung doch noch etwas Überhang hatten, möchte ich die Bewertung der aktuellen Politik mit einer schlechten, aber vor allem mit zwei guten Nachrichten abschließen. Ich fange mit einer guten an:
Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der Bundesregierung eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Es ging darum, herauszufinden, wie sich die Menschen in unserem Land ernähren und von welchen Grund-einstellungen sie dabei geprägt sind. Die Ergebnisse dieser Befragung sind wirklich beachtlich, vor allem wenn man sie mit den Zahlen vergleicht, die im letzten Jahr bei der gleichen Umfrage herausgekommen sind.
Ich will hier nur auf einige für uns besonders wichtige Erkenntnisse eingehen. Höchst auffällig ist, dass vor allem junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren relativ viel Fleisch essen – und das mit steigender Tendenz. Vor einem Jahr haben 17 Prozent dieser Gruppe gesagt, dass sie täglich Fleisch essen, jetzt sind es 29 Prozent.
Die Anteile der Vegetarier mit 8 % und die der Veganer mit 2 % bleiben da-gegen unverändert. Nach wie vor essen also neun von zehn Deutschen Fleisch.
In diesem Zusammenhang ist noch eine andere Zahl sehr bemerkenswert:
Um trotz der ausbleibenden Zuwächse von Vegetariern und Veganern zu belegen, dass sich die Bevölkerung vom Fleisch abwendet, wurde immer wieder die steigende Zahl der Flexitarier betont. Das sind die Leute, nicht ganz auf Fleisch verzichten, den Konsum aber deutlich und fortlaufend reduzieren.
Damit, so die Hoffnung der Fleischgegner, wird Fleisch irgendwann ganz verschwinden. Das wird wohl noch ein bisschen auf sich warten lassen, denn der Anteil der Befragten, die sich selbst als Flexitarier bezeichnen, ist von 46 % auf 41 % gesunken. Wohlgemerkt: Das sind keine Zahlen, die der Deutsche Fleischer-Verband erhoben hat, sondern ein unabhängiges Institut im Auftrag der Bundesregierung. Man darf sich das gerne noch einmal ganz deutlich vor Augen führen: Trotz aller ideologischen Anfeindungen wenden sich die Leute eben nicht vom Fleischkonsum ab, auch nicht die jungen. Man muss es sogar noch anders formulieren: Gerade nicht die jungen!
Das ist die erste gute Nachricht. Den Ernährungsreport kann man sich übrigens im Internet ansehen – eine lohnende Lektüre.
Jetzt die schlechte Nachricht: Bundesminister Cem Özdemir hat zu diesem Ernährungsreport eine Presseerklärung herausgegeben. Und was steht von den eben vorgetragenen Ergebnissen in dieser Erklärung? Nichts.
Stattdessen verweist der Minister auf das gestiegene Interesse der Verbraucher nach Information, dem er mit seinen neuen Kennzeichnungsvor-schriften nachkommt. Immerhin benutzt er nicht den Begriff Entbürokratisierung dafür.
Wenn es noch eines Nachweises bedurft hätte, hier ist er: Was nicht ins ideologische Bild passt, wird verschwiegen oder ins Gegenteil verkehrt. Denn es fehlt in der Presseerklärung natürlich nicht der Hinweis, dass der Fleischverzehr insgesamt seit Jahren zurückgeht.
Das hast aber mit ganz anderen Dingen zu tun. Zum Beispiel mit demografischen Entwicklungen und mit einer veränderten Bevölkerungsstruktur. Diese These vertreten wir schon länger, weil sie sich mit den Erkenntnissen der Gesellschaft für Konsumforschung und jetzt auch mit den Ergebnissen des Ernährungsreports deckt.
Wider besseres Wissen zögert der Bundesminister also nicht, seine eigene Ideologie vor seriöse Untersuchungen zu stellen. Das ist die schlechte Nachricht.
Und jetzt die zweite gute Nachricht: Özdemir merkt selbst, dass er auf dem Holzweg ist. Nicht nur, dass er seit einiger Zeit immer wieder betont, dass Landwirtschaft ohne Tierhaltung nicht möglich ist – ein Satz, den er zu Beginn seiner Amtszeit niemals über die Lippen gebracht hätte – nein, in der besagten Presserklärung lässt er sich doch tatsächlich wie folgt zitieren:
„Unsere Bürgerinnen und Bürger entscheiden selbst, wie sie sich ernähren, da braucht es von niemandem Belehrungen oder Vorschriften.“ Ende des Zitats.
Ist es der bevorstehende Wahlkampf, sind es seine Ambitionen, Minister-präsident im Südwesten zu werden oder das ehrliche Einsehen, dass es vielleicht doch besser ist, wenn das Siegel der Verbotspartei ablegt? Echter Erkenntnisgewinn also?
Könnte man meinen, aber jetzt wird die gute doch noch zur schlechten Nachricht. Eine solche Diskrepanz zwischen Reden und Handeln ist kaum noch erträglich. Er propagiert die pflanzenbasierte Ernährung, er will die Lebensmittelproduzenten zur Reduzierung von Salz, Fett und Zucker in den Produkten zwingen, er greift ein in Schul- und Gemeinschaftsverpflegung, er versucht aussichtslos den Bio-Anteil bei Lebensmitteln nach oben zu treiben – und dann dieser Satz.
Man ist fassungslos und ehrlich, man wünscht sich einen anderen Minister. Lieber Jogi Lederer, wir stehen fest an eurer Seite, wenn sich dieses Problem auf das Bundesland Baden-Württemberg reduziert.
Einen für mich ganz neuen Aspekt in der ganzen Diskussion rund um Fleisch möchte ich Ihnen nicht verheimlichen. So schön die Ergebnisse der Forsa-Umfrage sind, wir müssen schon achtsam sein, was das noch so alles kommt.
Neben Klima, Gesundheit, Ethik und manchem mehr gibt es neuerdings einen weiteren Grund, warum Fleisch abgelehnt wird. Das ist zu lesen im Magazin Spiegel vom letzten Samstag. Falls Sie es nicht schon gelesen haben, werden Sie jetzt gleich mächtig beeindruckt sein.
Abgedruckt ist in der Spiegel-Ausgabe ein Interview mit einem Ernährungssoziologen von der Hochschule Fulda. Der Mann beschäftigt sich damit wie Essverhalten und gesellschaftliche Normen zusammenhängen. Das ist bestimmt eine erfüllende Lebensaufgabe.
Das Interview ist über weite Strecken nicht sehr erkenntnisreich, da kann man zum Beispiel lesen, dass Männer deshalb mehr Fleisch essen, weil sie früher körperlich hart gearbeitet haben und die Arbeit von Frauen fälschlicherweise als leicht eingeordnet wurde. Na ja, da hätte man auch ohne Soziologie draufkommen können.
Heute aber, so hat er rausgefunden, kommt ein ganz anderer Aspekt zum Tragen. Fleisch ist nach seiner Auffassung nicht nur mit Männlichkeit und Stärke verknüpft … und jetzt zitiere ich wörtlich aus dem Abdruck:
„… dazu kommt eine sexistische Komponente, in der Fleisch und Frauenkörper miteinander assoziiert werden. Der Mann, der Fleisch isst, unterwirft nicht nur die Natur, sondern auch symbolisch die Frau. … Man könnte auch so weit gehen, dass Männer sich mit dem Fleisch Frauenkörper symbolisch einverleiben.“ Ende des Zitats.
Also, wenn das kein Qualitätsjournalismus ist?!? Wann haben Sie zuletzt einen solchen hanebüchenen Mist gehört.
Habe ich schon erwähnt, dass dieser Wissenschaftler stolz darauf ist, dass er seit vielen Jahren vegan lebt?
Wertes Auditorium, wir werden in den nächsten Jahren noch viel Spaß haben mit Leuten, die um ihrer Ideologie Willen auch vor den absurdesten Theorien nicht zurückschrecken.
Das Schlimme daran ist nicht, dass diese Leute mit Forschungsgeldern aus unseren Steuern bezahlt werden. Man muss sich Sorgen machen, weil auch das an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei geht. Von denen, die das gelesen haben, werden wieder ein paar mehr sagen, dass es jetzt endgültig reicht. Einen schöneren Gefallen kann man Populisten nicht tun.
Man ist nur noch fassungslos. Lassen Sie uns lieber das Thema wechseln. Es geht nicht nur darum, dass wir im politischen Raum möglichst viel Einfluss behalten. Wir müssen auch unsere eigenen Aufgaben erledigen, das haben wir uns auch für diesen Verbandstag wieder vorgenommen. Neben der Bürokratie ist der Arbeitskräftemangel natürlich ein großes Problem, wir haben uns schon oft im Rahmen unseres Verbandstags damit beschäftigt.
Neben dem akuten Mangel sehen wir aktuell ein weiteres Problem auf uns zukommen. Die Arbeitswelt befindet sich in einem deutlichen Umbruch.
Trotz der vielen offenen Stellen wollen immer mehr Menschen immer weniger arbeiten. Ganz ungeniert wird nach der Vier-Tage-Woche gerufen, selbstverständlich bei vollem Lohnausgleich. Und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, die eigentlich angesichts immer längerer Lebenserwartungen notwendig wäre, ist ein großes Tabu.
Ich habe es schon angedeutet: Absurderweise nehmen auch einige Sozial-politiker die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten auf, während der Staat gleichzeitig viele Anreize setzt, damit die Menschen über das Rentenalter hinaus weiterarbeiten.
Auch der Trend zum Homeoffice ist nach wie vor gewollt. Auch wenn einige Firmen jetzt auf der Bremse stehen, in vielen Berufen wird es inzwischen erwartet, dass man zumindest einen Teil seiner Arbeitstage zuhause verbringen kann.
Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass Arbeit von vielen nicht mehr als wichtiger Teil eines erfüllten Lebens betrachtet wird, sondern nur noch als notwendiges Übel, das so weit wie möglich zurückgedrängt werden muss.
Wohin führt das? Wie wird die Arbeitswelt der Zukunft aussehen? Und vor allem: Welchen Platz wird das personalintensive Fleischerhandwerk dabei einnehmen? Produktion und Verkauf im Homeoffice geht nun mal nicht und leistungsstarkes und leistungsbereites Personal ist für uns unverzichtbar.
Welche Konzepte können die Unternehmen entwickeln, um hier künftig bestehen zu können? Es geht also nicht um die Frage, wie die nächsten Auszubildenden gefunden werden, sondern sehr viel grundsätzlicher da-rum, welchen Platz das Fleischerhandwerk in der Arbeitswelt der Zukunft einnehmen kann.
Wir werden gleich einen Impulsvortrag zu diesem Thema hören. Wir freuen uns, dass wir den Unternehmer und Autor Stefan Dietz gewonnen haben, der sich eingehend mit der Arbeitswelt von heute und morgen beschäftigt hat. Danach wollen wir das Thema in einer Diskussionsrunde vertiefen und dabei auch gern mit Ihnen ins Gespräch kommen.
Bevor wir uns diesem Schwerpunktthema widmen, darf ich noch zwei Dinge tun.
Das eine ist, den 134. Deutschen Fleischer-Verbandstag zu eröffnen, was ich hiermit mit großer Freude tue.
Als zweites darf ich das Wort an den Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Kollegen Jörg Dittrich, übergeben. Herr Präsident, wir freuen uns auf Ihre Ausführungen.“