DFV-Verbandstag 2022: Fleischer brauchen schnelle Hilfe

Explodierende Energiekosten, steigende Rohstoffpreise, Inflation und sinkende Kaufkraft der Verbraucher sowie die Dauerprobleme Fachkräftemangel, fehlender Berufsnachwuchs und Unternehmensnachfolge – es gab viele wichtige Themen und entsprechend reichlich Diskussionsbedarf auf dem 132. Deutschen Fleischer-Verbandstag am 9. und 10. Oktober in Bonn. „Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Zeit als Unternehmer vor einer solchen Vielzahl von schwierigen Aufgaben gestanden zu haben wie jetzt“, stellte DFV-Präsident Herbert Dohrmann bereits zu Beginn seiner Rede auf der Eröffnungsveranstaltung des Verbandstages fest. Und das gelte gleichermaßen für die Arbeit des Verbandes.

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    DFV-Präsident Herbert Dohrmann stellte klar, was das Fleischerhandwerk in der aktuell schwierigen Situation von den politischen Entscheidungsträgern erwartet.
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    Den großen Herausforderungen und teils existenziellen Problemen zum Trotz war der Zusammenhalt in der Branche auf dem 132. Deutschen Fleischer-Verbandstag am 9. und 10. Oktober in Bonn spürbar.
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    Die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann (CDU), riet der Branche, jetzt „laut“ zu werden und der „Krise ein Gesicht“ zu geben.

Auch Adalbert Wolf, Obermeister der gastgebenden Fleischerinnung Bonn.Rhein-Sieg, sprach in seiner Begrüßung von „großen Herausforderungen“ für das Fleischerhandwerk.

In der Tat: Die aktuelle gesamtwirtschaftliche Situation stellt eine ernste Gefahr für die Existenz der fleischerhandwerklichen Betriebe dar. Besonders fatal ist, dass sich die Betriebe selbst nicht aus dieser Lage befreien können, sondern auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Und die muss zudem schnell kommen! Das betonte auch Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher, Präsident des Bundesverbands Holz und Kunststoff, in seinem Grußwort.

Wie ernst die Lage für die Fleischer ist, verdeutlichte die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Gitta Connemann (CDU), in ihrem Gastvortrag. In den Krisen der letzten Jahre, von BSE bis Corona, hätten sich die Fleischer bisher immer selbst helfen können, doch „Selbsthilfe funktioniert jetzt nicht mehr“, so Connemann. Lösungen könnten nur gelingen, wenn die Branche jetzt „laut wird“, um der „Krise ein Gesicht“ zu geben. Sicher dürfe man die Zuversicht nicht verlieren, doch wenn jetzt nicht die notwendigen „Weichenstellungen erfolgen, wird es nicht gut gehen.“ Zu gravierend seien die Folgen einer fortschreitenden Inflation: Wohlstandsverlust, weniger Kaufkraft, teure Rohstoffe und vor allem der aktuelle „Energiepreisschock“, der noch nicht bei allen Betrieben angekommen ist. Es gebe jedoch Antworten und Maßnahmen, die ergriffen werden können: Erstens müsse das Energieangebot ausgeweitet werden. Das heißt, jede mögliche Kwh müsse ins Netz gebracht und alle Quellen weiter genutzt werden. Zweitens sei eine Energiesparoffensive notwendig, um mindestens 12 Prozent Energie einzusparen. Drittens müsse Energie bezahlbar bleiben. Dafür müsse der Staat mit einem Energiepreisdeckel für Gas, Öl und Strom sorgen.

Hierbei sei zudem eine andere Priorisierung bei den staatlichen Finanzhilfen notwendig: Der Fokus müsse stärker auf die mittelständischen Unternehmen gelegt werden, die in der Krise bisher vernachlässigt worden seien, so Connemann.

Diese Forderung stellte auch DFV-Präsident Dohrmann in seiner Eröffnungsrede (siehe unten): Für das Fleischerhandwerk „erwarten wir, dass die Gemeinschaft uns jetzt dabei hilft, die nächsten Monate zu überstehen. … Wir werden diese Erwartungshaltung auch weiter gut begründen, mit Daten und Argumenten versehen, so wie wir das bisher gemacht haben.“

Stellungnahme des Präsidenten auf der Mitgliederversammlung

Im Umgang mit der aktuellen Krise komme es für das Fleischerhandwerk auf die Zusammenarbeit mit den zuständigen Institutionen und den politischen Entscheidungsträgern an, betonte Herbert Dohrmann auf der Mitgliederversammlung am zweiten Tag des Verbandstreffens. Dabei mit Besonnenheit und kühlem Kopf Fachwissen einzubringen, sei wichtig – ebenso wie der Zugang zum Wirtschaftsminister. Denn Robert Habeck entscheide schließlich mit über die Zukunft der Branche.

Massive Kritik an bestimmten Personen, Demonstrationen und öffentliche Aktionen zum „drohenden Untergang“ der Branche seien daher manchmal nicht sehr sinnvoll, Panikmache sei zu vermeiden, so Dohrmann. Sachlich gut begründete Argumente kommen dagegen an: Selbst Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir, zu dem der DFV bisher noch gar keinen Zugang gefunden hatte, hob im Zusammenhang mit der Energiekostendämpfung zuletzt die Bedeutung des Lebensmittelhandwerks hervor.

In seinem Bericht an die Mitglieder wies der DFV-Präsident darauf hin, dass bereits viel erreicht oder angestoßen worden sei. Erstens sei die Versorgung der Betriebe mit Strom und Gas sichergestellt, die Betriebe würden ebenso behandelt wie private Haushalte. Zweitens seien die Fleischereien als energieintensive Betriebe förderungswürdig im Sinne des Energiekostendämpfungsprogramms. Dies sei drittens auch der Tatsache zu verdanken, dass bei der Berechnung des Energiebedarfs auch die Prozesswärme einbezogen werde. Viertens wurde das Antragsverfahren für Zuschüsse deutlich vereinfacht und fünftens profitieren Betriebe bei einem Anteil der Energiekosten ab 3% (ggfs. ab 2,5%) vom Umsatz vom geplanten Energiepreisdeckel.

Auch das Thema Rückgang der Mitgliederzahlen und die daraus resultierende angespannte Finanzsituation sprach Herbert Dohrmann an. Damit ergebe sich zwangsläufig die Frage nach der Zukunft des DFV, bei deren Gestaltung die Prozesse bewusst gesteuert werden sollten. Das verlange zunächst nach einer Analyse, welche Aufgaben der DFV derzeit erfülle und welche Aufgaben er zukünftig (noch) erfüllen solle, oder auch, ob neue Aufgaben hinzukämen. Die zentrale Frage sei, wie sich die zukünftige Arbeit des DFV finanzieren ließe. Dies alles sei ein ergebnisoffener Entscheidungsprozess. Nach bisheriger Auffassung herrsche derzeit die Meinung vor, dass die Leistungsfähigkeit des Verbandes weiter ausgebaut werden solle.

Geplant sei, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich dieses Themas annehmen werde. Zunächst sei von einem Planungshorizont von 5, 10 und 15 Jahren auszugehen. Zweitens sei festzustellen, welche Leistungen der DFV erbringe, und drittens welche weiteren Aufgaben zukünftig sinnvoll seien. Viertens sei der personelle, organisatorische sowie der finanzielle Aufwand für das Notwendige zu ermitteln und schließlich seien dann fünftens die Aufgabenfelder nach Wichtigkeit zu sortieren. Bei alldem ist es notwendig, die jungen Kollegen, also die Nachfolgegeneration, in diesen Prozess einzubinden.

Eine zweite Arbeitsgruppe solle zudem klären, ob sich der DFV für andere Mitgliedergruppen öffnen solle, etwa für Direktvermarkter oder auch für kleinere Betriebe des LEH. Hier stehe der Chance auf mehr Einnahmen die Gefahr der Verwässerung der Mitgliederstruktur gegenüber. Ziel dieser Überlegungen müsse sein, die Beitragsbelastung in moderater Weise zu beschränken.

www.fleischerhandwerk.de

Rede des DFV-Präsidenten

Herbert Dohrmann zur Eröffnung des 132. Deutschen Fleischer-Verbandstages am 9. Oktober 2022 in Bonn:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich, dass ich heute den 132. Deutschen Fleischer-Verbandstag eröffnen kann. Und ich freue mich ganz besonders darüber, dass ich das hier in Bonn tun kann. Corona hat auch in der Abfolge unserer Verbandstagungen seine Spuren hinterlassen. Eigentlich wollten wir schon letztes Jahr hier sein, alle möglichen Einschränkungen haben aber dann zu einer Verschiebung geführt.

Ich freue mich, dass alle, die an der Organisation beteiligt waren, diese Verschiebung möglich gemacht haben. Und dass die verlängerte Vorfreude auf Bonn berechtigt war, haben wir schon gestern beim ersten Zusammentreffen gemerkt.

Es ist gut, dass wir gerade auch in diesen schwierigen Zeiten die Möglichkeit haben, im persönlichen Kontakt miteinander zu sprechen, zu diskutieren und zu entscheiden. Und zu besprechen gibt es nun wirklich genug.

Lieber Kollege Addi Wolf, wir kennen Dich schon länger als engagierten und zupackenden Kollegen, der keine Mühen scheut, um sich für unsere Gemeinschaft einzusetzen. Das hast Du auch hier wieder bewiesen. Vielen Dank für die Unterstützung von Dir, von Deiner Innungsgeschäftsstelle und von Deinen Kollegen im Vorfeld dieser Tagung.

Danke auch für deine Begrüßung, aus der auch sehr deutlich geworden ist, dass das Selbstbewusstsein der Bonner nicht gelitten hat. Man hat im Gegenteil inzwischen den Eindruck, dass die Änderung von Bundeshauptstadt in Bundesstadt insgesamt eher gutgetan hat. Wir fühlen uns jedenfalls sehr wohl.

Mein Dank gilt auch dem Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher, der uns gerade seine Grüße überbracht hat. Lieber Kollege Radermacher, als Präsident des Bundesverbands Holz und Kunststoff, in dem die Tischler und Schreiner organisiert sind, sind Sie natürlich auch in besonderer Weise mit den Herausforderungen vertraut, die die Verbände des Handwerks zu meistern haben. Für die Einblicke, die Sie uns in Ihrem Grußwort gewährt haben, möchten wir uns bedanken.

Liebe Anwesende,

den meisten hier im Saal wird es gehen wie mir: Wir sind von der Grundhaltung her Optimisten, wir sind Handwerker, wir sind Unternehmer. Wir packen an und gestalten. Wir bauen unsere Betriebe gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf oder führen sie in als Nachfolger von Traditionsbetrieben erfolgreich fort.

So ist das jedenfalls in normalen Zeiten. Aber aktuell wird diese optimistische Grundhaltung auf eine harte Probe gestellt. Und manchen von uns ist sie sogar schon ganz verloren gegangen. Was derzeit passiert, ist ohne Beispiel und lässt viele ratlos zurück.

Als wir vor zwölf Monaten zu unserem Verbandstag in Sinsheim zusammengekommen sind, war uns bewusst, dass wir vor herausfordernden Zeiten stehen würden. Wir wussten, dass die Themen Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit und Gesundheit auch von uns Antworten verlangen werden, die nicht einfach zu finden sind. Darauf waren wir eingestellt und wir haben in Sinsheim wichtige Sichtweisen und Argumente zu diesen Themen zusammengetragen.

Was wir nicht wussten, ist, was dieses Jahr tatsächlich bringen würde. Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Zeit als Unternehmer vor einer solchen Vielzahl von schwierigen Aufgaben gestanden zu haben wie jetzt. Corona, die Turbulenzen am Schweinemarkt durch die ASP, der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, die Inflation und ein drohender tiefgreifender Einbruch der Wirtschaft und so manches mehr. Es ist wirklich eine beispiellose Zeit.

Wem sage ich das? Die Auswirkungen all dieser dramatischen Vorgänge erleben sie alle täglich selbst in Ihrem privaten und geschäftlichen Umfeld.

Ich habe in den letzten Wochen unzählige Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt. Die Sorgen – bei vielen auch echte Ängste – sind gewaltig. Das zieht sich durch alle Betriebsgrößen.

Es kommt vieles zusammen. Schon eine ganze Zeit steigen die Material- und Betriebskosten auf breiter Front, was uns schon zu Beginn dieses Jahres an die Grenze dessen gebracht hat, was wir an die Kunden weitergeben können. Das hat sich mit kurzen Entspannungsphasen über das ganze Jahr fortgesetzt und hat aktuell einen neuen Höchststand erreicht.

Und jetzt noch die Energiekosten. Manch einer von uns hat noch Glück und profitiert von einem laufenden Vertrag mit dem Energieversorger, der aktuell noch das Schlimmste verhindert. Aber andere sind schon jetzt mit Zahlen konfrontiert, die man nie für möglich gehalten hätte. Über kurz oder lang werden alle Kollegenbetriebe das ganze Ausmaß sehen, es fragt sich nur wann und in welcher Höhe.

Gerade auch sehr gesunde, leistungsfähige und zukunftsfeste Unternehmen sind plötzlich in ihrer Existenz bedroht. Das macht viele fassungslos.

Liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben heute eine Frau zu Gast, die uns vielleicht die eine oder andere Perspektive aufzeigen kann. Sie ist eine ausgezeichnete Kennerin des Umfelds, in dem wir arbeiten, denn sie war einige Zeit Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Landwirtschaft und Ernährung. Wir müssen ihr also nicht erklären, was Fleischerhandwerk ist.

Mindestens genauso wichtig ist, dass sie sich ausgezeichnet mit Handwerk und Mittelstand auskennt. Sie gehört zu den Politikschaffenden, die nicht nur in groß-industriellen Strukturen denken. Bis letztes Jahr war sie stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bevor sie eine der wirtschaftspolitischen Schlüsselpositionen der Union übernommen hat. Begrüßen Sie mit mir die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion, Frau Gitta Connemann.

Liebe Frau Connemann, wir wissen, dass Sie sich in Ihrer parlamentarischen Arbeit im Bundestag und natürlich auch in Ihrer Verantwortung in der Mittelstandsunion sehr für das Handwerk einsetzen und dabei natürlich auch das Lebensmittelhandwerk im Auge haben. Wir freuen uns sehr darauf, gleich Ihre Einschätzungen zu hören, wie dieser Teil der Wirtschaft durch diese schwierigen Zeiten kommen kann.

Aus unserer Sicht ist vor allem eines wichtig: Wenn verhindert werden soll, dass weite Teile der deutschen Wirtschaft unwiederbringlich verloren gehen, dann muss vor allem schnell gehandelt werden.

Jetzt wissen wir alle spätestens seit Corona, dass nicht immer etwas Gutes entstehen muss, wenn Gesetze und Verordnungen mit der heißen Nadel gestrickt werden. Wir haben das auch ganz aktuell rund um die Maßnahmen wieder erlebt, die zur Dämpfung der Energiekosten ergriffen wurden.

Vielleicht ist das das große Dilemma der politisch Handelnden, sowohl in der Regierung als auch in der Opposition: In Krisenzeiten muss alles unfassbar schnell gehen, was sonst Monate oder gar Jahre beansprucht. Und Fehler bei der Ausgestaltung können in solchen Zeiten auch noch besonders schwerwiegende Folgen haben.

Trotzdem: Eile ist geboten. Ich glaube, das haben alle, die an Lösungen mitarbeiten, verstanden.

Unser Verband arbeitet sehr intensiv mit, wenn es um Lösungsansätzen und Ausgestaltungen geht. Seit Wochen erarbeiten wir Vorlagen, stellen Daten und Fakten bereit und tragen natürlich auch Argumente im Sinne unserer Betriebe vor. Im Bundeswirtschaftsministerium wird das angenommen und gewürdigt. Bei manchem, was wir jetzt schon in Beschlussvorlagen und Vereinbarungen sehen, erkennen wir unsere Handschrift, so unbescheiden dürfen wir sein.

Auch mit vielen Kollegen aus den anderen Lebensmittelhandwerken stimmen wir uns eng ab, denn gerade in der aktuellen Situation beschäftigen uns dieselben Herausforderungen.

Dass wir Gehör finden, hat sich auch in dem Telefongespräch gezeigt, das ich Anfang letzter Woche mit Bundesminister Habeck geführt habe. Vieles von dem, was wir in den Prozess eingespeist haben, ist inzwischen herrschende Meinung im Wirtschaftsministerium, bis hinauf in die Spitze.

Ich konnte in dem Gespräch aber doch noch einige wichtige Forderungen platzieren. Es ist von großer Bedeutung, dass genau hingeschaut wird, wer energieintensiv ist und Anspruch auf Unterstützung haben sollte.

Es wird hier mit einer Grenze von 3 Prozent Energiekosten vom Umsatz operiert. Offensichtlich gibt es hier innerhalb der Regierung die Meinung, diese Grenze müsste eigentlich noch höher liegen, um nicht zu großzügig mit dem Geld zu werden. Das wäre fatal.

Ich habe gegenüber Habeck sehr deutlich gemacht, dass die Grenze unbedingt noch gesenkt werden muss. Viele unserer Kollegen haben vor der ganzen Tragödie Energiekosten knapp über oder eben auch knapp unter 3 % gehabt.

Die Zahl ist deshalb nicht mit anderen Branchen zu vergleichen, weil wir einen sehr viel höheren Wareneinsatz haben als andere, beispielsweise unsere Kollegen vom Bäckerhandwerk. Dadurch sinkt der prozentuale Anteil am Umsatz, obwohl bei uns die Energiekosten nicht geringer sind als dort.

Habeck hat mein Drängen auf einen Grenzwert von 2,5 % durchaus positiv aufgenommen. Ich denke, er hat auch diesen wichtigen Punkt verstanden.

Nun muss man allerdings sagen, dass er es leicht hat, verständnisvoll und großzügig zu sein. Man darf davon ausgehen, dass er möglichst viel Wirtschaftshilfen verteilen will.

Ob und wie das alles finanziert wird, wird ihn zwar durchaus interessieren, aber das Zusammenstreichen, das vielleicht nötig ist, muss er nicht selbst machen, dafür hat man in der Regierung den Finanzminister. Der kommt bekanntlich von einer anderen Partei, das macht es zusätzlich einfach.

Dass es ein Finanzminister nicht immer leicht hat, weiß auch unser Kollege Michael Boddenberg. Ich begrüße den Finanzminister des Bundeslandes Hessen.

Lieber Michael, Du weißt viel besser als wir alle, wie viele Menschen und Institutionen es gibt, die ein Stückchen von den Steuer-Milliarden der öffentlichen Haushalte abhaben wollen. Ich verstehe, dass man da beim Verteilen auch mal zurückhaltend sein muss.

Bundesfinanzminister Christian Lindner hat kürzlich in einem Gastbeitrag im Spiegel betont, dass immer neue Schulden keine Lösung für alle Krisen sein können, die wir jetzt haben und die vielleicht noch kommen. Grundsätzlich bin ich mit dieser Einstellung sehr einverstanden, auch wir Handwerker sind große Freunde einer soliden Finanzierung.

Lindner sagt, er will aus diesem Grund keinesfalls Geld mit der Gießkanne ausschütten. Ein schönes Ziel, deshalb frage ich mich, warum es trotzdem im Übermaß gemacht wurde:

  • 9-Euro-Ticket
  • Tankrabatt
  • 300 Euro für alle
  • Absenken der Mehrwertsteuer auf Gas
 

Ich würde mal sagen, viel mehr Gießkanne geht wohl kaum. Vom Multimillionär bis zur Teilzeit-Putzkraft, alle profitieren in gleichem Maß von diesen Maßnahmen, egal, ob sie es brauchen oder nicht. Man muss kein Experte sein, um zu sehen, dass da viele Milliarden sinnlos verpulvert wurden.

 

Gegen zielgerichtete Entlastung bei den privaten Haushalten ist natürlich nichts einzuwenden. Sie ist sogar geboten. Wir müssen ja sehen, dass die gesamte Wirtschaft darauf angewiesen ist, dass das Konsumklima nicht ganz in den Keller rutscht. Diese Abhängigkeit gilt gerade auch für uns Anbieter von Gütern des täglichen Bedarfs.

Das Argument, dass man mit solchen Finanzspritzen die Inflation anheizt, halte ich für nicht stichhaltig. Die Wirtschaft leidet ja nicht darunter, dass wir eine überbordende Nachfrage haben, sondern darunter, dass eingekaufte Energie absurd teuer geworden ist und internationale Lieferketten gestört sind.

Deshalb führt es auch hoffentlich zu einer allgemeinen Beruhigung der Lage, dass jetzt ein Energiepreisdeckel beschlossen ist. Wenn davon private Haushalte und Unternehmen gleichermaßen profitieren, kann das nur gut sein. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Aber man darf sich nichts vormachen. Zusätzliche Hilfen für Unternehmen wird es brauchen, zur Rettung reicht ein Preisdeckel nicht aus.

Man darf jetzt nicht an der falschen Stelle die große Sparsamkeit ausrufen, denn es geht darum, die wirtschaftliche Basis unseres Gemeinwesens zu retten. Ohne staatliche Flankierung nimmt man in Kauf, dass weite Teile unserer Wirtschaft geschwächt werden oder ganz verschwinden. Das muss unbedingt vermieden werden.

 

Christian Lindner weiß natürlich, dass Handwerk und Mittelstand nicht nur das Rückgrat der Wirtschaft, sondern auch gesellschaftlich unverzichtbar sind. Regionale Strukturen, Arbeitsplätze, ländliche Räume, wie soll das alles funktionieren, wenn man die Unternehmen vor Ort sterben lässt. Daran wird er sich im richtigen Moment erinnern, das ist unsere Zuversicht.

Man kann sich im Ministerium aber auch daran erinnern, dass es unsere Unternehmen sind, die einen wesentlichen Anteil daran haben, dass die Steuergelder bereitstehen, um alle möglichen Hilfen zu gewähren. Ich will keinesfalls falsch verstanden werden: Ich bin sehr dafür, dass wir Bedürftigen helfen.

Aber das soll mir mal bitte einer erklären: Wir unterstützen die Ukraine, wir helfen Flüchtlingen, wir erhöhen Sozialleistungen und wir entlassen trotz Arbeitskräftemangel die Empfänger von Arbeitslosengeld aus der Mitwirkungspflicht.

Das kann man alles wollen. Aber wenn das so ist, dann darf man jetzt nicht diejenigen im Stich lassen, die mit ihren Steuergeldern das alles ermöglichen.

 

Nochmal: Wir sind bei den Gesprächen um Unternehmenshilfen durchaus weit fortgeschritten. Das erkennen wir an und wir sind auch gern bereit, weiter konstruktiv mitzuarbeiten. Aber bei genauer Betrachtung dessen, was schon beschlossen ist, gibt es bisher mehr zusätzliche Belastungen als Entlastungen für die Unternehmen.

Ich will hier an die Erhöhung des Mindestlohns erinnern, über den schon gar nicht mehr gesprochen wird. Es sei noch einmal erwähnt, dass es hier nicht um die 12 Euro geht, sondern darum, was das für das Lohngefüge insgesamt bedeutet.

 

Damit ist es aber nicht genug.

Jetzt wurde beschlossen, dass die Arbeitgeber den Beschäftigten zusätzlich zum Arbeitslohn eine Prämie von 3.000 Euro steuerfrei auszahlen können. Das ist zwar keine Pflicht, aber dass hier entsprechende Erwartungen beim Personal geweckt werden, ist doch klar.

Man muss es so deutlich sagen: Wer sich das hat einfallen lassen, hat keine Ahnung, was er in personalintensiven Handwerksbetrieben damit anrichtet. Für eine Fleischerei mit 20 Mitarbeitern sind das eben mal 60.000 Euro extra. Ich fürchte, dass es kein Entlastungspaket geben wird, dass unsere Unternehmen dabei unterstützt, diese zusätzliche Last zu tragen.

Ich muss schon sagen, die Selbstverständlichkeit, mit der hier auf das Geld der Unternehmen zugegriffen wird, ist schon bemerkenswert.

 

Uns Unternehmern ist selbstverständlich absolut klar, dass unser Personal genauso unter der Inflation und steigenden Energiekosten leidet wie wir. Und ich bekräftige hier für alle Kolleginnen und Kollegen, dass wir unsere Leute nicht übersehen, sondern alles versuchen, dass wir alle gemeinsam gut und möglichst unbeschadet durch diese Zeit kommen. Wir wollen auch nach der Krise noch engagierte Leute haben.

Wir wollen aber gern nach Lösungen suchen, ohne dass uns die Politik hier Hürden hinlegt, die wir nicht schaffen können. Wer Erwartungen weckt, der soll sie auch selbst bezahlen.

Man darf das mal gegenüberstellen: Der Staat verteilt 300 Euro an alle, davon behält er einen guten Teil an Steuern wieder ein. Verkäuferinnen haben so in vielen Fällen nicht einmal 200 Euro im Portemonnaie.

Die Unternehmen sollen aber 3.000 Euro pro Kopf aufbringen. Der Verzicht auf die Lohnsteuer wird dann als große Entlastung verkauft. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber entweder habe ich die Rechnung nicht verstanden oder hier ist etwas faul.

Ich räume gern ein, dass es außerordentlich anspruchsvoll ist, in dieser Zeit richtige politische Entscheidungen zu treffen, deshalb reihen wir uns auch nicht dort ein, wo lautstark krakeelt wird, sondern arbeiten konstruktiv mit.

Aber es kann nicht sein, dass man uns mit Hinweis auf die Schuldenbremse kurzhält und andererseits großzügig die jeweilige Wählerklientel bedient.

 

Wenn es stimmt, dass das alles eine große gemeinsame Aufgabe ist,

wenn es stimmt, dass keiner allein gelassen wird,

wenn es stimmt, dass alle Handwerk und Mittelstand erhalten wollen,

wenn es stimmt, dass wir auch in Zukunft Qualitätsprodukte aus dem Lebensmittelhandwerk haben wollen,

dann erwarten wir, dass die Gemeinschaft uns jetzt dabei hilft, die nächsten Monate zu überstehen.

Ich denke, dass damit unsere Erwartungshaltung, was die konkrete Ausgestaltung und die Notwendigkeit von wirklich spürbaren Hilfen angeht, deutlich geworden ist. Wir werden diese Erwartungshaltung auch weiter gut begründen, mit Daten und Argumenten versehen, so wie wir das bisher gemacht haben.

 

Ganz zu Beginn habe ich davon gesprochen, dass es schwerfällt, den unternehmerischen Optimismus zu bewahren. So ganz will ich diese Zuversicht aber dann doch noch nicht aufgeben. Erinnern wir uns an viele Krisen, die wir in jüngerer Vergangenheit bewältigen mussten:

 
  • Die BSE-Krise in den späten 90er Jahren, in der der Konsum von Fleisch extrem in Frage gestellt war.
  • Die Finanzkrise 2007, in der der völlige Zusammenbruch des weltweiten Finanzsystems drohte.
  • Die Euro-Krise, bei der übermäßige Staatsschulden in einigen Euro-Ländern Banken und Wirtschaft extrem belasteten.
  • Die Corona-Krise, die massive Eingriffe in das private, öffentliche und wirtschaftliche Leben brachte.
 

Im Nachhinein kann man sagen, dass all diese Krisen zwar erhebliche Verwerfungen mit sich brachten, dass es aber in keinem Fall solch zu verheerenden Folgen gekommen ist, wie man anfangs befürchtet hat.

Gerade auch das Fleischerhandwerk hat sich in diesen Krisen sehr gut geschlagen. BSE und Corona haben auf besondere Weise den Wert unserer Fachgeschäfte aufgezeigt. Und auch in den Finanz- und Banken-Krisen haben die Kunden die Treue zu ihrem Fleischer gehalten.

Wir sind hier in Bonn, unweit von Köln. Vielleicht muss man an dieser Stelle das Lebensmotto aller Kölner zitieren: „Et hätt noch immer jot jejange“.

Ich gebe zu, dass das ein bisschen was von Selbsthypnose hat. Und bei all denen, die jetzt schon vor dem Aus stehen, klingen diese Durchhalteparolen wahrscheinlich wie Hohn.

Trotzdem: Womöglich gibt es ja tatsächlich in absehbarer Zeit Entspannungen. Man darf nicht übersehen, dass die Preise für Strom und Gas derzeit auch durch Spekulationen nach oben getrieben werden. Die vielen, die jetzt sagenhafte Gewinne mit dieser Spekulation machen, sind der Beweis dafür.

Wenn es tatsächlich gelingt, andere Lieferanten zu finden, wenn die Franzosen endlich ihren Strom wieder selbst produzieren, wenn alle Kraftwerke, die wir haben, auch genutzt werden, und zwar so lange, wie wir sie brauchen, dann haben wir in Wirtschaft und Gesellschaft vielleicht die Chance, mit einem gewaltigen blauen Auge aber ansonsten in erträglicher Verfassung davon zu kommen.

 

Allerdings: Selbst wenn sich diese Hoffnung erfüllt, bleiben noch genug andere Herausforderungen übrig. Über die dramatischen Folgen der Energiekosten wird fast schon übersehen, dass sich unsere neue Bundesregierung unbeirrt auch noch um weitere Themen kümmert – gewissermaßen im medialen Windschatten.

Was unsere Themen betrifft, ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Gerade auch im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wird weiter an Regeln gearbeitet, die uns sehr betreffen.

Inzwischen liegt ein erster Gesetzentwurf zur Haltungskennzeichnung vor, zu dem wir selbstverständlich Stellung bezogen haben. Gleichzeitig wird verstärkt das Thema der Herkunftskennzeichnung vorangetrieben. Und die Themen rund um die Verbraucherinformation, zum Beispiel mit dem Nutri-Score, sind sowieso Dauerbrenner.

Der jetzt mit großem Elan vorangetriebene Umbau der Landwirtschaft ist im Grundsatz sicher nicht falsch. Es müssen Lösungen her, wie es mit der Landwirtschaft in Deutschland weitergehen soll. Wir müssen die regionalen Kreisläufe ebenso schützen wie wir die Nachhaltigkeit voranbringen müssen.

Dazu gehört natürlich auch, dass man den Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte endlich entgegenwirkt. Ich denke da vor allem an die Konzentrationsprozesse und die Industrialisierung in der Land- und Ernährungswirtschaft, die mit einem leichtfertigen Aufgeben der kleinen und mittleren Strukturen einhergegangen ist.

Es ist selbstverständlich, dass Fragen der Tierhaltung, der Lebensmittelsicherheit, der Verbraucherinformation, der Hygiene und der Transparenz nicht ad acta gelegt werden dürfen. In diesen Bereichen ist unsere Zusammenarbeit mit Wissenschaft und Überwachung wichtig und muss unbedingt fortgesetzt werden.

Ich freue mich deshalb auch sehr über die Anwesenheit von Frau Dr. Dagmar Brüggemann, die das Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch am Max-Rubner-Institut in Kulmbach leitet.

 

Wir wollen uns den angesprochenen Themen keinesfalls entziehen. Wir legen aber größten Wert darauf, dass dabei die großen Verwerfungen, die wir derzeit auf den Märkten sehen, nicht völlig ausgeblendet werden.

Anders ausgedrückt: Wir haben derzeit ganz andere Probleme als die Frage, ob das Logo der Tierhaltungskennzeichnung in Farbe oder schwarz/weiß aufgebracht werden muss.

Ich will das nicht veralbern. Aber es ist für uns nicht akzeptabel, dass an zusätzlichen bürokratischen oder auch finanziellen Belastungen gearbeitet wird, während viele Unternehmen um ihren Fortbestand ringen.

Ich will nur das Beispiel der Herkunftskennzeichnung nennen. Das Ziel ist ausgerufen: Die Herkunft von Schweinefleisch soll noch umfassender nachgewiesen werden, auch an der Bedientheke und auch für Fleisch als Zutat. Ich sehe schon das nächste gigantische Bürokratiemonster auf uns zu laufen.

Das Problem ist für uns nicht, die Herkunft von Fleisch zu benennen, aber die Anforderungen an die Dokumentation und den Nachweis werden wieder viele Ordner füllen und zusätzliche Investitionen erfordern.

Unabhängig davon sollte man sich bei der Gelegenheit zuerst einmal klar werden, wie man umfassende Herkunft aus Deutschland – von der Ferkelerzeugung bis zur Schlachtung und Verarbeitung – flächendeckend sicherstellen will.

 

Die Zahl der Schweinehalter geht immer schneller zurück. Betriebe mit Ferkelerzeugung sind in den letzten fünf Jahren rund 30 Prozent weniger geworden. In Süddeutschland geht die Entwicklung noch viel schneller voran. Diese Tendenz ist ungebrochen.

Ich sage das in diesem Zusammenhang, weil damit deutlich wird, wie sehr sich die Landwirtschaft insgesamt, besonders aber die Nutztierhaltung im Umbruch befindet. Wir merken das allwöchentlich, wenn wir bei unseren Bauern und Lieferanten einkaufen.

 

Hier noch zur Erfüllung von politischem Wunschdenken zusätzliche Belastungen draufzusatteln, schwächt die Strukturen zusätzlich. Man muss es so drastisch formulieren: Wenn ausgerechnet jetzt zusätzliche Anforderungen kommen, dann werden weitere Unternehmen aufgeben. Das gilt auch für die Landwirtschaft.

Wir sind definitiv an einer Grenze der Belastbarkeit angekommen. Wir wollen, dass endlich der Grundsatz umgesetzt wird, dass für jede zusätzliche Belastung eine andere abgeschafft wird. Ob das dann Entbürokratisierung oder Belastungsmoratorium genannt wird, kann uns egal sein. Hauptsache das Versprechen wird eingelöst.

 

Neben diesen Umbrüchen in der Landwirtschaft und in der Verarbeitung gibt es auch auf der Nachfrageseite große Verschiebungen.

Nicht nur, dass Exportmärkte weggebrochen sind, auch der Verbraucher hierzulande stellt sich derzeit in seinem Verhalten um.

Themen wie Tierwohl, Regionalität, Nachhaltigkeit, Herkunft und sogar Bio treten völlig in den Hintergrund. Der Lebensmitteleinzelhandel treibt das zusätzlich an. Selbst Händler, die von sich behaupten, dass sie Lebensmittel lieben, oder Discounter, die nur noch Fleisch aus besten Haltungsformen anbieten wollten, haben vollständig auf aggressive Preiswerbung umgestellt. Und das bei steigenden Rohstoffpreisen.

Das kann niemanden überraschen, der sich ein bisschen auf den Lebensmittelmärkten auskennt. Es ist eben ein Irrglaube, dass der Verbraucher jederzeit bereit ist, für mehr Tierwohl, für mehr Transparenz und für mehr Nachhaltigkeit auch deutlich mehr Geld auszugeben. Natürlich gibt es diese Kunden, sonst gäbe es schon längst keine Fachgeschäfte mehr.

 

Aber es ist eben nicht die große Mehrheit. Vor allem nicht jetzt, wo die Privatleute sehen, dass alles spürbar teurer wird. Diese Preissensibilität der Verbraucher kennt jeder, der Lebensmittel herstellt und verkauft. Aber im zuständigen Ministerium ist das noch nicht überall angekommen.

Die Begründung zum schon angesprochenen Gesetzentwurf zur Haltungskennzeichnung beginnt tatsächlich mit der Feststellung, dass alle Befragungen von Verbrauchern belegen, dass für besseres Tierwohl auch mehr bezahlt wird, man müsste nur eine nachvollziehbare Information bieten.

Wohlgemerkt, der Entwurf wurde im August vorgelegt, da war in der Ukraine schon ein halbes Jahr Krieg und alle Folgen waren sehr gut zu sehen. Aber das Mantra vom Verbraucher, der seine eigenen Notwendigkeiten zurückstellt, wenn er nur eine schöne Kennzeichnung sieht, wird im BMEL noch immer gepflegt, vermutlich auf politische Weisung hin.

Dieses Bild war schon vor dem Krieg nur in Teilen richtig, jetzt ist es völlig passé. Es wird Zeit, dass man ideologisches Wunschdenken durch realistischen Scharfsinn ersetzt.

 

Diese Schockwellen sind auf allen Ebenen zu spüren, natürlich auch in der Lebensmittelindustrie. Zu den Verbänden pflegen wir einen kollegialen Austausch bei solchen Themen, die uns gemeinsam betreffen. Das findet auch heute seinen Ausdruck. Ich begrüße die Präsidentin des Verbandes der Fleischwarenindustrie, der jetzt „Bundesverband der Deutschen Wurst- und Schinkenproduzenten“ heißt. Willkommen Frau Sarah Dhem.

Ich glaube, dass ich auch im Sinne der Verbandsvertreter sagen kann, dass wir gemeinsam eine an Sachlichkeit und Machbarkeit orientierte Politik fordern. Wir müssen weg von ideologischen Träumereien.

Weiterentwicklung in sinnvollen Bereichen – ja. Bevormundung und Verteufelung von gesunden und genussreichen Lebensmitteln – nein.

 

Wir haben gute und wertvolle Lebensmittel in unserem Land, trotzdem wird immer wieder ein ganz anderes Bild gezeichnet. Wir können in unserer Branche ein Lied davon singen.

Die Reduzierung des Fleischkonsums wird von einigen gerne schon mal als Lösung für alle Probleme dieser Welt gesehen – vom Klima bis zum Übergewicht. Das ist ebenso falsch wie kurzsichtig.

Und es ist immer von einer bestimmten Ideologie getrieben. Das trifft natürlich nicht nur unsere Produkte. In gleicher Weise ist zum Beispiel das Bäckerhandwerk betroffen. Da sind es dann Stichworte wie Glyphosat, Acrylamid, hochraffinierte Kohlenhydrate oder Überdüngung.

Man sieht also, mit Übergewicht, Krebsgefahr und Umweltschäden können auch die Bäcker aufwarten.

Das alles sind Themen, die nicht nur verschiedene Branchen betreffen, sondern auch über Grenzen hinweg Bedeutung haben. Manches von dem, was uns beschäftigt, wird in Europa gemacht, übrigens nicht immer zu unserem Nachteil. Im einen oder anderen Fall durchkreuzt europäisches Recht manchen nationalen Irrweg. Da es oft genug auch umgekehrt ist, freuen wir uns über solche Fälle umso mehr.

 

Ob positiv oder negativ, die Entscheidungen in Brüssel betreffen uns direkt oder indirekt immer mehr. Internationale Zusammenarbeit ist deshalb unverzichtbar, damit wir dort Gehör für unser Handwerk finden.

Es ist uns deshalb eine besondere Freude, heute die Präsidentin des Internationalen Metzgermeisterverbands, Frau Jacqueline Balzer aus Frankreich, zu begrüßen. Gemeinsam mit den Kollegen aus den anderen Nationalverbänden haben wir mit dem IMV eine starke Stimme.

Diese Zusammenschlüsse sind mehr denn je geboten. Wir brauchen Partnerschaften mit all denen, die mit uns gemeinsam an denselben Zielen arbeiten. Einige davon habe ich genannt und Vertreterinnen und Vertreter dieser Organisationen heute hier begrüßt.

 

Ich habe es eingangs erwähnt, dass ich als Unternehmer noch keine solch anspruchsvollen Zeiten erlebt habe. Das gilt gleichermaßen für die Arbeit unseres Verbandes.

Man muss aber auch sagen: Einfach war es nie, das weiß niemand besser als der Ehrenpräsident unseres Verbandes. Ich freue mich sehr, dass ich heute Manfred Rycken begrüßen kann. Es ist großartig, dass Du heute zu uns gekommen bist und darüber hinaus weitere Ehrenmitglieder und verdiente Ehrenzeichenträger anwesend sind.

Anspruchsvoll war Verbandsarbeit schon immer, wir sind deshalb froh, dass wir eine starke Gemeinschaft von unseren Vorgängern übernehmen konnten.

Das müssen wir erhalten und fortschreiben. Wir werden weiter einen schlagkräftigen Verband brauchen, um auf politischer Ebene dafür zu sorgen, gute Rahmenbedingungen für unser Handwerk einzuwerben.

Das werden wir machen, in dem wir auch bei dieser Aufgabe und bei allen anderen Herausforderungen dieser Zeit handeln wie Unternehmer: mit kühlem Kopf, mit klarem Verstand und mit sachgerechtem Argumentieren.

 In diesem Sinne eröffne ich den 132. Deutschen Fleischer-Verbandstag.“

Ende der Rede von DFV-Präsident Herbert Dohrmann.