„Verbraucher sorgen für Dilemma“

Dr. Christian von Boetticher, Geschäftsführer des Cerealienherstellers Peter Kölln, ist seit Juli 2020 neuer Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Im Interview erweist er sich als Unterstützer der Fleischwirtschaft und scheut keine offenen Worte. Die Fleischerei hat mit dem ehemaligen Landesminister und Europa-Abgeordneten am Peter-Kölln-Sitz in Elmshorn gesprochen.

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    Dr. Christian von Boetticher (links), Geschäftsführer Peter Kölln, ist seit Juli 2020 Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie. Berit Zonnev, Peter Kölln
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    Für Dr. von Boetticher ist die omnipräsente Verfügbarkeit von Lebensmitteln im stationären Handel ein entscheidender Grund, das die „Rakete Onlinehandel“ nicht zündet. Berit Zonnev, Peter Kölln
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    Seit fünf Jahren führt Dr. Christian von Boetticher die Geschäfte der Peter Kölln GmbH & Co. KGaA. Peter Kölln

Herr Dr. von Boetticher, Sie haben Ihr Amt als Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie in einer denkbar schwierigen Zeit – inmitten der Corona-Krise – übernommen. Können Sie schon eine Zwischenbilanz für diese Branche ziehen?

Dr. von Boetticher: Die Situation der Ernährungsindustrie ist sehr ambivalent. In exportorientierten Unternehmen zum Beispiel fiel bis zu 80 Prozent des Umsatzes weg, während viele andere Firmen von dem enormen Nachfrageschub insbesondere in den Monaten März und April erheblich profitiert haben.

Wenn Sie mich schon nach der Corona-Bilanz fragen, dann möchte ich noch etwas anderes anmerken.

Die Fleischerei: Bitte, gerne.

Dr. von Boetticher: Ich möchte mich bei allen Beschäftigten der Ernährungsindustrie herzlich bedanken, die trotz Corona in der Produktion ihren Dienst versehen und zum Teil Sonderschichten eingelegt haben, damit die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung sichergestellt werden konnte. Nicht nur die Produktion hat die Herausforderungen durch Corona bisher ausgezeichnet gemeistert, sondern die gesamte Lieferkette hat hervorragend zusammengearbeitet. Allein wenn ich mir anschaue, was logistisch und transporttechnisch gewuppt werden musste, kann ich nur allen Verantwortlichen meinen tiefen Respekt aussprechen. Wir als Ernährungsindustrie können auf unsere Leistungen in Corona-Zeiten richtig stolz sein. „Nebenbei“ hat Corona bewirkt, dass der Kauf von Lebensmitteln nicht mehr als ganz so selbstverständlich betrachtet wird: Lebensmittel fallen nicht vom Himmel.

Die Fleischerei: Niemand hat Corona herbeigesehnt. Aber kann man trotzdem von bestimmten positiven Aspekten der Pandemie sprechen?

Dr. von Boetticher: Die Corona-Krise hat auch der Ernährungsindustrie noch deutlicher die Chancen und Potenziale der Digitalisierung aufgezeigt – aber ebenso die Grenzen. So denke ich zum Beispiel, dass wir in der Zukunft weiterhin viele Videokonferenzen erleben werden. Um Informationen zu vermitteln, halte ich sie für ein sehr empfehlenswertes Instrument. Allerdings sind sie nach meiner Ansicht auch ein gutes Beispiel für die Grenzen der Digitalisierung. Denn nach meinen Erfahrungen sind Videokonferenzen relativ ungeeignet, wenn es darum geht, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kreative Prozesse einbringen und darüber in einen intensiven Austausch treten sollen. An dieser Stelle stoßen Videokonferenzen meinen Beobachtungen zufolge an ihre Grenzen.

Die Fleischerei: Homeoffice ist natürlich auch ein gutes Stichwort in Sachen „Digitalisierung“.

Dr. von Boetticher: Zweifellos. Aktuelle Befragungen und Untersuchungen zum Homeoffice zeigen übereinstimmend, dass sich viele Beschäftigte im Homeoffice nicht weniger für ihr Unternehmen engagieren, sondern mehr. Sie sind schlichtweg zufriedener und motivierter. Der Vertrauensvorschuss seitens der Arbeitgeber war also gerechtfertigt.

Sicherlich wird das Homeoffice künftig nicht mehr wegzudenken sein und die Arbeitswelt entsprechend umkrempeln. Der Gesetzgeber muss hier bald für Klarheit sorgen. Schließlich gelten die Anforderungen zum Arbeitsschutz und zur Arbeitssicherheit auch für das Homeoffice.

Die Fleischerei: Stichwort Online-Handel: Kommt der jetzt endlich in Fahrt?

Dr. von Boetticher: In Deutschland wird ja schon seit vielen Jahren darauf gewartet, dass die Onlinehandels-Rakete bei den Lebensmitteln richtig zündet. Doch trotz Zuwachsraten in der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie bewegen wir uns noch immer bei einem Anteil von knapp einem Prozent. Der deutsche Markt ist der kleinste in Europa und ich gehe fest davon aus, dass das so bleiben wird.

Die Fleischerei: Und worin liegen die Gründe?

Dr. von Boetticher: Ein entscheidender Punkt ist die omnipräsente Verfügbarkeit von Lebensmitteln im stationären Handel. Wenn Sie in einer größeren Stadt wohnen, stoßen Sie alle paar hundert Meter auf einen Supermarkt. Wenn Sie im ländlichen Raum wohnen, ist der Abstand größer. Aber auch dort besteht kein Mangel an stationären Handelsangeboten.

Hinzu kommt: Hierzulande wird Einkaufen stark mit Erlebnissen verbunden. Die Sinne werden angeregt. Und es werden Bekannte getroffen, mit denen ein kleiner Plausch gehalten werden kann. Das hat sich während des Lockdowns besonders klar gezeigt, als das Einkaufen zur letzten Bastion für soziale Kontakte wurde. Diese Einkaufserlebnisse kann der Online-Handel nicht liefern.

Die Fleischerei: Lassen Sie uns über vegetarische und vegane Ernährung sprechen. Werden die Fleischesser bald zu einer aussterbenden Spezies zählen?

Dr. von Boetticher: Aus meiner Sicht besteht eine große Kluft zwischen einerseits dem, wie die Medien über vegetarische und vegane Ernährung berichten und sie positiv besetzen, und andererseits der tatsächlichen Verbreitung dieser Lebensmittel. Medial betrachtet, habe ich zwischendurch immer wieder den Eindruck, als wäre ich der letzte Fleischesser auf der Welt. Aber wenn ich mir die Absatzzahlen für Veggie-Kost anschaue, sehe ich mich eines Besseren belehrt. Das ist ein eklatanter Widerspruch.

Das bedeutet aber natürlich nicht, dass wir die Entwicklungen auf diesem Gebiet vernachlässigen sollten. Hierzu gehört auch, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher immer kritischer werden und die Produktionsabläufe hinterfragen. Ihnen liegt das Tierwohl am Herzen. Man muss jedoch gleich dazu sagen – und das ist ein echtes Dilemma –, dass sie häufig nicht bereit sind, dafür mehr zu bezahlen.

Die Fleischerei: Manch ein Verbraucher wird also durch Missstände in den Schlachthöfen zum Vegetarier oder Veganer?

Dr. von Boetticher: Ich sehe das Thema etwas differenzierter. Wir sind in den Schlachthöfen auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, weil Deutsche diese Jobs als zu schwer empfinden und nicht ausüben möchten. Die ausländischen Arbeitskräfte etwa aus Osteuropa verdienen selbst bei Mindestlohn das Vierfache des Durchschnittsgehaltes in ihrer Heimat. Die freuen sich, wenn sie nach einigen Monaten zweifellos harter Arbeit solche Summen mit nach Hause bringen können. Und was die Unterbringung betrifft, möchte ich anmerken: 1.500 Wohnungen für 5.000 Werkvertragskräfte ist ein besseres Verhältnis, als ich es mit den Acht-Mann-Stuben noch von der Bundeswehr kenne.

Das Problem sind unseriöse Subunternehmer mit zum Teil mafiösen Strukturen, die diese Arbeiter ausbeuten wollen. Denen muss das Handwerk gelegt werden und das ist heute bereits problemlos möglich. Denn es werden Straftatbestände erfüllt. Die Staatsanwaltschaften können also tätig werden, sofern sie von den Missständen erfahren. Da sollte für manche Arbeiter der richtige Weg geradewegs zur Staatsanwaltschaft führen und nicht zu den Medien. Pauschale Attacken gegen Fleischunternehmen und Werkverträge in der Fleischwirtschaft werden die Fleischproduktion ausschließlich in Deutschland ver­teuern.

Der Handel kann sich notfalls neue Lieferanten im Ausland suchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns in einem europäischen Markt beziehungsweise in einem Weltmarkt bewegen. Die Produzenten sind es, die die Mehrkosten auffangen müssen.

Die Fleischerei: Aber es gibt ja auch noch die Verbraucher ...

Dr. von Boetticher: Vorhin habe ich ja schon von dem Dilemma gesprochen, dass die Verbraucher häufig nicht dazu bereit sind, für Fleischprodukte etwas tiefer in die Tasche zu greifen. In Umfragen klingt das anders als in der Realität. Es ist nun einmal so, dass der Verbraucher die größte Lenkungswirkung hat. Wenn er ernsthaft kein Billigfleisch mehr akzeptieren würde, gäbe es dessen Produktion sehr bald nicht mehr. Zurzeit ist es so, dass der Preisdruck, den die Schnäppchenjagd der Verbraucher auslöst, vom Handel direkt an die Produzenten weitergegeben wird. Wir haben es lediglich mit fünf großen Handelsunternehmen zu tun, deren Macht gewaltig ist. Und die können sich auf dem internationalen Markt unter einigen hundert Herstellern den Hersteller aussuchen, der zu Billigpreisen liefert.

Die Fleischerei: Die Politik scheint sich in erster Linie die Produzenten zur Brust zu nehmen und nicht den übermächtigen Handel.

Dr. von Boetticher: Diesen Eindruck teile ich. Die Politik hat die Handelskonzentration zugelassen und das Kartellamt nicht angemessen reagiert. Nun werden die Produzenten einschließlich der Landwirtschaft ins Visier genommen. Das ist ein völlig falscher Ansatz. Marktwirtschaft in einem EU-Binnenmarkt kann auf diese Weise nicht funktionieren, weil der Handel leicht auf ausländische Hersteller ausweicht. Folglich brauchen wir Spielregeln auf europäischer Ebene.

Die Fleischerei: Bitte sagen Sie mir noch zu einigen Schlagwörtern in ein, zwei Sätzen Ihre Meinung. Fangen wir an mit: Arbeitgeber-Attraktivität.

Dr. von Boetticher: Der beste Arbeitgeber ist nicht unbedingt derjenige, der die höchsten Gehälter zahlt. Denn die Arbeitnehmer fragen vermehrt auch nach Zusatzleistungen, die ihnen eine Work-Life-Balance sowie eine Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf ermöglichen.

Die Fleischerei: Ausbildungsreife.

Dr. von Boetticher: Das Bildungssystem hinterlässt tatsächlich oft junge Menschen, die nicht ausbildungsreif und ausbildungsfähig sind. Eine der Schlussfolgerungen daraus müssen erhebliche Investitionen in die Digitalisierung an den Schulen sein – und zwar sowohl in Hard- und Software als auch in die Kompetenzen der Lehrkräfte.

Die Fleischerei: Fleisch aus dem Labor.

Dr. von Boetticher: Ich persönlich wäre bestimmt nicht der erste Verwender. Aber bei passender Verbrauchernachfrage könnte und wird sich auch Fleisch aus dem Labor seinen Weg bahnen.

Die Fleischerei: Staatliches Tierwohllabel.

Dr. von Boetticher: Wenn der Verbraucher ein privates Label nicht annimmt, wird er auch ein staatliches nicht annehmen. Wichtiger als ein Label ist eine kompetente Verbraucheraufklärung einschließlich wissenschaftlich fundierter Ernährungsbildung an den Schulen.

Die Fleischerei: Mindestpreise für Fleisch.

Dr. von Boetticher: Fleischprodukte gehören aufgrund ihrer wertvollen Inhaltsstoffe zu einer ausgewogenen Ernährung dazu und das sollte nicht nur dem zahlungskräftigen Teil unserer Gesellschaft vorbehalten bleiben. In Zeiten eines europäischen Binnenmarkts könnten ausländische Zulieferbetriebe die bisherige Tätigkeit der deutschen Schlachtereien ersetzen – was aber zu niedrigeren Standards, wesentlich längeren Transportwegen und damit höheren Treibhausgasemissionen führen würde.

Die Fleischerei: Abschließend möchte ich gerne etwas indiskret werden. Was ist Ihr Lieblingsgericht? Und: Was macht der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie in seiner Freizeit?

Dr. von Boetticher: Mein Lieblingsgericht ist Ente mit Rotkohl und Klößen. In meiner Freizeit bin ich vielfältig ehrenamtlich aktiv. Außerdem spiele ich Klavier. Und ich sammele alte Bibeln ebenso wie alten schottischen Whisky. Wie das zusammen passt, können Sie sich nun ganz in Ruhe überlegen.