Verleger Alexander Holzmann blickt auf 70 Jahre Die Fleischerei zurück und berichtet über die Wurzeln des Erfolgs, strategische Entscheidungen und eine Branche, die nicht erst seit Corona systemrelevant ist.

Holzmann Medien und Die Fleischerei sind ein erfolgreiches Duo. Seit Jahrzehnten liefert die Fachzeitschrift handwerklichen und industriellen Fleischverarbeitern sämtliche Informationen, die sie für ihre tägliche Arbeit brauchen. Der Verlag ist, wie viele Fleischer-Fachgeschäfte auch, nach wie vor in Familienhand.
Mit Alexander Holzmann ist seit dem Jahr 2000 die dritte Generation verantwortlich. Der Verleger kennt die Geschichte seines Medienunternehmens und die Entwicklung seiner Fachzeitschriften ganz genau.
Die Fleischerei: Der Aufstieg des Verlags beginnt mit der „Deutschen Fleischer-Zeitung“ im Jahr 1936 im berühmten Zeitungsviertel von Berlin. Müssten wir nicht eigentlich den 84. Geburtstag feiern?
Alexander Holzmann: Die „Deutsche Fleischer-Zeitung“ war ja eine täglich erscheinende Zeitung, auch in dem typischen Zeitungsformat. Das Erscheinungsbild war also anders als bei unserer heutigen Monatszeitschrift in Magazinformat, die außerdem eine andere journalistische Aufmachung und eine andere Zielsetzung hat als die ursprüngliche „Fleischer-Zeitung“. Der Grund für die damals häufige Erscheinungsweise waren vor allem die täglich schwankenden Schlachtpreise. Magazinjournalismus unterscheidet sich vom tagesaktuellen Zeitungsjournalismus ja dadurch, dass er ein wenig tiefgründiger ist, dass er Themen hinterfragt, durchleuchtet und dass er eine langfristigere Perspektive hat. Aber ja, eigentlich könnten wir jetzt zwei Jubiläen feiern, das Urjubiläum der Gründung der „Deutschen Fleischer-Zeitung“ und auch das Jubiläum des Umstiegs auf das Zeitschriftenformat von Die Fleischerei. So müssten wir gleich zwei Jahre hintereinander feiern: Dieses Jahr das 70-jährige Jubiläum in Magazinformat und nächstes Jahr das 85-jährige Jubiläum für das Urprodukt als Zeitung.
Die Fleischerei: Welche Bedeutung hat Die Fleischerei im Familienunternehmen Holzmann Medien.
Alexander Holzmann: Das war die Keimzelle des Verlages. Mein Großvater war ja auch Chefredakteur der Urzeitung in Berlin und hat sich dann mit dem Branchentitel Fleischerei selbstständig gemacht. Das war aus meiner Sicht die Grundlage dafür, dass man in der Folgezeit dieses Segment Handwerk Stück für Stück erschlossen hat. Dadurch, dass mein Großvater seinen Fuß und Kontakte im Fleischerhandwerk hatte und dann auch zum bayerischen Handwerk – er ist ja nach dem Krieg nach Bayern zurückgekehrt –, wurde zuerst die „Bayerische Handwerker-Zeitung gegründet. Das war wiederum die Keimzelle der heutigen Deutschen Handwerks Zeitung –, aber es hat in Bayern angefangen. Ich vermute, dass es durch die gute Vernetzung im Handwerk, auch über das Fleischerhandwerk, gelungen ist, den Einstieg in den Handwerksbereich zu finden. So konnte das Verlagshaus Schritt für Schritt im Handwerk Fuß fassen. Es war also offenbar schon von Anfang strategisch geplant, sich vom Branchentitel in das Wirtschaftssegment Handwerk zu entwickeln.
Die Fleischerei: Die Fleischerei begleitet die Branche seit 70 Jahren, in denen sich viel verändert hat. Das gilt auch für das Verlagsgeschäft. Wie begegnen Sie dem stetigen Wandel und sehen Sie Parallelen?
Alexander Holzmann: Parallelen sind sicher, dass auch das Fleischerhandwerk einem ständigen Wandel unterworfen ist und sich immer an den sich ebenfalls verändernden Kundenbedürfnissen orientieren muss. So wandeln sich zum Beispiel die Ernährungsgewohnheiten, etwa durch ein neues Freizeitverhalten. Ein Fleischer muss ständig schauen, wie der Verbraucher tickt – und der Verbraucher eines Verlags ist eben der Leser. So müssen wir uns fragen, welche Probleme unseren Leser beschäftigen, welche Themen wichtig für ihn sind und was er wissen muss, um am Markt zu bestehen. Für den Metzger zählen die Bedürfnisse seiner Kunden, beispielsweise wie gesundheitsbewusst sie einkaufen oder wie sich die Ernährungsweise durch einen neuen Lebensstil verändert. Vor 70 oder 80 Jahren wurde zum Beispiel sicher nicht so häufig und viel gegrillt wie heute. Man muss Trends frühzeitig erkennen und schnell reagieren. Das Fleischerhandwerk hat sich zweite oder dritte Standbeine aufgebaut, wie Partyservice, Catering, Außer-Haus-Verzehr oder Imbissgeschäft – das beruht ja alles auf Marktbeobachtung und der Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse. Für Verlage ebenso wie für Metzgereien gilt, dass man eine Kundenorientierung leben muss. Für beide geht es um die Frage, was braucht mein Kunde beziehungsweise mein Leser.
Die Fleischerei: Derzeit sehen Sie sich mit Corona konfrontiert, als Unternehmer ebenso wie im Privaten. Wie gehen Sie die Herausforderungen an?
Alexander Holzmann: Das Grundproblem an dieser Pandemie ist ja, dass wir alle so etwas noch nie erlebt haben, dass es keine Blaupause gibt. In keinem Buch ist zu lesen und in keinem Studium wird vermittelt, wie man sein Unternehmen durch eine Pandemie führt. Daher agiert man eigentlich ein wenig auf Sicht und schaut, wie auch die Politik, wie sich die Dinge entwickeln. Wir als Medienunternehmen haben erst einmal zu kämpfen mit einbrechenden Anzeigenmärkten, was schon spürbar war und ist. Ich rechne außerdem damit, und das beginnt ja jetzt erst, dass wir uns auf eine weltweite Rezession einstellen müssen, von der keiner sagen kann, wie lange sie andauern wird. Da gehen auch die Meinungen von Experten auseinander, von einem bis hin zu mehreren Jahren ist die Rede. Als Unternehmer schwankt man zwischen den beiden Polen „mit dem Schlimmsten rechnen“ und „das Beste hoffen“. Das hat der bekannte Philosoph Arthur Schopenhauer vor über 160 Jahren einmal gesagt, stimmt aber umso mehr auf die derzeitige Situation bezogen. Man darf sicher den Optimismus und die Hoffnung nicht verlieren, steht als Unternehmer aber vor einer großen Herausforderung. Zwar ist nicht jeder in gleichem Maße betroffen, aber an keinem geht die Pandemie spurlos vorüber. Gastronomie und Hotellerie hat es am härtesten erwischt, die verschiedenen Handwerksbranchen mehr oder weniger. Friseure mussten schließen, Metzgereien als systemrelevante Betriebe nicht. Und im Bauhandwerk scheint sich Corona wegen langfristig bestehender Aufträge bisher (noch) kaum ausgewirkt zu haben. Vielleicht kommen die Auswirkungen der Pandemie dort erst später an.
In dieser Situation ist es wichtig, ein Unternehmen sturmfest zu machen für die nächsten ein bis zwei Jahre, das heißt, die Liquidität so abzusichern, dass man auch einmal eine schlechte Zeit übersteht.
Die Fleischerei: Sie sind auch Konsument: Die Pandemie stärkt derzeitig die regionale Versorgung mit Lebensmitteln. Was müssen Fleischer-Fachgeschäfte tun, um diese Wertschätzung auch nach der Krise zu verankern?
Alexander Holzmann: Zunächst einmal ist die derzeitige Stärkung der regionalen Versorgung eine Riesenchance für Fleischer-Fachgeschäfte, bei den Verbrauchern zu punkten. Die Verwurzelung in der Region hat auch große Bedeutung für den Klimawandel, ein Thema, das derzeit etwas in den Hintergrund gerückt ist, das aber nach der Pandemie sicher wieder auf die Tagesordnung kommen wird. Und Regionalität ist ja auch eine Möglichkeit des Klimaschutzes. Unnötige Transporte von Schlachttieren oder von Lebensmitteln wie Fleisch und Milch durch ganz Deutschland oder Europa lassen sich so vermeiden. Regionalität muss daher weiter gestärkt, sollte vielleicht sogar steuerlich gefördert werden. Und die Fleischer müssen ihren Kunden die Regionalität ihrer Produkte mehr bewusst machen. Die Verbraucher werden das zunehmend wertschätzen. Ich persönlich kaufe mit meiner Familie nur beim handwerklichen Fleischer ein, zahle bewusst mehr, wegen der guten Qualität der Ware und wegen der handwerklichen Herstellung. Man muss ja auch nicht jeden Tag Fleisch essen.
Die Fleischerei: Wie schätzen Sie die Entwicklung von Print und digital ein? Gibt es hier Besonderheiten im Bereich Fachmedien, vor allem mit Blick auf handwerkliche Zielgruppen?
Alexander Holzmann: Ich glaube, dass die Nutzung digitaler Medien auch im Handwerk zunimmt, dass es immer mehr Kanäle gibt, über die man Handwerk ansprechen kann. Das liegt unter anderem am Generationswechsel, der auch im Handwerk stattfindet. Ein jüngerer Nachfolger hat in aller Regel eine andere Mediennutzung als der bisherige ältere Betriebsinhaber. Trotzdem sehen wir in eigenen Umfragen, dass Printmedien nach wie vor eine Bedeutung im Handwerk haben. Viele wollen aber auch die Parallelnutzung von Print und online, wollen über alle verfügbaren Kanäle informiert werden. Ein Medienunternehmen muss beides bieten, im Handwerk sowieso. Allerdings ist festzustellen, dass digitale Kanäle an Bedeutung gewinnen.
Die Fleischerei: Fachkräftemangel und Unternehmensnachfolge sind die zentralen Probleme der Branche. Gibt es hier überhaupt Lösungsansätze?
Alexander Holzmann: Das ist in der Tat eine harte Nuss, gerade für das Fleischerhandwerk, das ja hier auch im Wettbewerb steht mit anderen Berufssparten. Man muss versuchen, die Attraktivität dieses Berufsfeldes herauszustellen und zu verdeutlichen, was diese berufliche Tätigkeit reizvoll macht und welche Vorteile sie bietet. In der jetzigen Situation könnte man zum Beispiel feststellen, dass ein Job im Fleischerhandwerk mehr Arbeitsplatzsicherheit verspricht als in vielen anderen Branchen. Das kann durchaus ein gutes Argument für eine Ausbildung im Fleischerhandwerk sein.Aber auch die Bezahlung und generell die Verdienstmöglichkeiten spielen eine Rolle bei der Wahl des Berufs und des Arbeitsplatzes. In dieser Hinsicht kann es schwer sein, mit anderen Branchen zu konkurrieren. Deshalb muss man die Vorteile einer Tätigkeit im Fleischerhandwerk hervorheben, wie zum Beispiel im Kontakt mit Menschen zu sein oder auch einen Beruf auszuüben, bei dem die Herstellung von Lebensmitteln im Mittelpunkt steht. Das macht für viele mehr Sinn als ein Job im Büro.
Ein Patentrezept zur Lösung des Problems habe ich leider nicht. Und natürlich wird man diejenigen, die die Arbeit als Fleischer oder auch das Thema Fleisch an sich eher negativ sehen, nicht für den Beruf gewinnen können.
Die Fleischerei: Wie wird sich Die Fleischerei in zehn Jahren präsentieren?
Alexander Holzmann: Ich glaube, dass es in zehn Jahren mehr digital als Print gibt, dass die digitalen Kanäle entwickelt werden müssen und sich noch stärker verbreitern. Print wird aber nicht ganz verschwinden und immer noch eine wichtige Säule sein, gerade in diesem Handwerk. Denn die Leser von heute werden auch in zehn Jahren noch Print nutzen. Vielleicht bietet man ihnen aber auch ein E-Paper an, also die elektronische Version der Zeitschrift.
Die Fleischerei: Welches ist Ihr Lieblingsgericht mit Fleisch?
Alexander Holzmann: Das ist ganz einfach ein Wiener Schnitzel mit Gurken-Kartoffel-Salat. Das ist nichts Hochtrabendes, aber gut!