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Tierwohl: Kühe wollen Weidegang

Weidehaltung gilt als besonders vorteilhaft für das Tierwohl. Deshalb sehen die EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau für die Milchviehhaltung einen ständigen Zugang der Tiere zu Freigelände vor, vorzugsweise zu Weideland. Zu den wichtigsten Vorteilen des Weidegangs gehören zum Beispiel ein klauengerechter Untergrund, das Liegen und Aufstehen ohne begrenzende Abtrennungen und das Ausleben arteigener Verhaltensweisen.

Kühe wollen Weidegang
Regelmäßiger Weidegang ist bei optimalem Management ein wichtiger Faktor für das Tierwohl von Milchkühen. -

Auch Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich überwiegend Weidehaltung, weshalb das Label „Weidemilch“ inzwischen für einen Teil der Konsumentinnen und Konsumenten zu einem wichtigen Kaufkriterium geworden ist.

Wie groß die Bedeutung des Weidegangs für Kühe ist, unterstreicht auch eine Studie der Universität British Columbia in Vancouver aus dem Jahr 2017. Um herauszufinden, wie wichtig den Tieren ein Aufenthalt auf der Weide ist, wurden die Gatter zum Grünland in der Untersuchung mit einem Gegengewicht versehen, das die Tiere überwinden mussten. Dabei stellte man fest, dass die Kühe bereit waren, für das Überwinden des Gatters zur Weide genauso viel Gegendruck aufzuwenden, wie für den Zugang zu frischem Futter nach dem Melken. Das heißt, die Kühe haben eine sehr hohe Motivation, auf die Weide zu gelangen.

Betrachtet man jedoch den Einfluss der Weidehaltung auf zentrale Indikatoren für die Tiergesundheit wie Stoffwechselerkrankungen oder die Körperkondition, sind die Vorteile der Weide weniger offensichtlich. Das zeigt eine BÖLN-Studie des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau in Trenthorst. Die Forscherinnen und Forscher werteten im Projekt Daten zur Milchkuhhaltung von bundesweit 124 Biobetrieben aus und verglichen den Einfluss verschiedener Weideintensitäten sowie der Ganzjahresstallhaltung mit Laufhof auf die Tiergesundheit.

Weide nicht automatisch besser für die Tiergesundheit

Unabhängig von der Weidedauer und Funktion der Weide (Fütterung oder Auslauf) schneidet die Weidehaltung dabei in Bezug auf die Tiergesundheit nicht besser ab als eine Stallhaltung mit Laufhof. Zwar zeigten die Kühe bei regelmäßiger Weide tendenziell weniger klinische Lahmheiten und einen geringeren Verschmutzungsgrad. Dafür wiesen die Herden mit zunehmenden Weidezeiten tendenziell mehr unterkonditionierte Kühe auf. Außerdem zeigte sich die Tendenz, dass bei den untersuchten Herden mit Ganzjahresstallhaltung oder wenig Weidegang mehr Kühe einen optimalen Fett-Eiweiß-Quotienten (FEQ) in der Milch aufwiesen. Auch traten seltener überhöhte Harnstoffwerte auf, was für eine ausgewogenere Futterration bei reiner Stallhaltung spricht.

Grundsätzlich gab es über alle Haltungsverfahren und Weideintensitäten hinweg eine große Spannweite bei den untersuchten Indikatoren für die Tiergesundheit. Das Forscherteam schließt daraus, dass letztlich die Qualität des betrieblichen Managements darüber entscheidet, ob das Potenzial der Weidehaltung für eine bessere Tiergesundheit und mehr Tierwohl genutzt werden kann.

Die Fütterung muss zum Weidesystem passen

Ein wesentlicher Ansatzpunkt im Management ist die Anpassung der Fütterung an das gewählte Weidesystem und das Leistungspotential der Herde. Vollweidesysteme lassen sich insbesondere bei niedrigem bis mittlerem Leistungsniveau sehr gut etablieren. Denn durch intensive Weidesysteme wie Kurzrasen- oder Portionsweide können Milchkühe mit ausreichenden Mengen an energie- und eiweißreichem Grundfutter versorgt werden.

Wird im Stall zugefüttert, sollte die ergänzende Ration optimal auf den Pflanzenbestand und seine Inhaltsstoffe abgestimmt werden. So sind zum Beispiel leistungsstarke Herden bei häufigem Weidegang auf eine zusätzliche Energiezufuhr angewiesen, um die Stoffwechselgesundheit und Körperkondition der Tiere zu erhalten. Mit einer gezielten Ergänzung energiereicher Futtermittel kann zudem eine bessere Ausnutzung des Proteins im Weidegras erreicht werden. Hohe Harnstoffgehalte (mehr als 300 Milligramm pro Liter) bei gleichzeitig geringen Eiweißgehalten der Milch (weniger als 3,8 Prozent) zeigen an, dass ein Überschuss an Futterprotein bei gleichzeitigem Energiemangel vorliegt, sodass die Pansenmikroben das vorhandene Rohprotein nicht vollständig nutzen können.

Ein überhöhter FEQ (Fett Eiweiß Quotient) (≥ 1,5), insbesondere in der Frühlaktation, ist ein Zeichen für Energiemangel und den Abbau von Körperreserven. Grund dafür können überständige Weiden sein oder längere Trockenperioden, in denen zu wenig junges, energiereiches Gras nachwächst. Die daraus resultierende geringere Energieaufnahme auf der Weide sollte ebenfalls durch das Zufüttern energiereicher Rationen ausgeglichen werden.

Mehr Struktur füttern bei jungem Gras

Bei einem großen Angebot an jungem Gras nehmen die Kühe beim Weiden dagegen viel Energie und Eiweiß auf, aber wenig pansenwirksame Rohfaser. Deshalb sollte die ergänzende Ration zusätzliche Strukturkomponenten bieten wie zum Beispiel Stroh. Auch erhöhte Harnstoffgehalte von über 300 Milligramm pro Liter Milch können auf eine übermäßige Versorgung mit Rohprotein hindeuten und sollten über eine möglichst proteinarme Ration berücksichtigt werden.

Die Anpassung der Rationen bei Weidehaltung wird auch dadurch anspruchsvoll, dass sich Energie-, Protein- und Rohfasergehalte der Weide im Saisonverlauf vom Frühjahr bis zum Herbst stetig verändern. Außerdem gibt es zwischen den einzelnen Weideflächen oft große Unterschiede bei der Futterqualität, die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter berücksichtigen müssen.

Wasserversorgung wird oft unterschätzt

Ein häufig unterschätzter Punkt beim Weidemanagement ist eine ausreichende Versorgung der Herde mit Wasser, die ebenfalls elementar für das Tierwohl ist. Denn laktierende Kühe trinken an heißen Sommertagen bis zu 150 Liter Wasser und mehr. Am höchsten ist der Bedarf nach dem Melken und Fressen. Die Kühe sollten möglichst ungehindert und stressfrei Wasser aufnehmen können. Dafür rechnet man eine Tränke für 20 bis 25 Kühe.

Da die Tiere ungern längere Wege zum Trinken auf sich nehmen, sollte auf der Weide im Umkreis von 100 bis 150 Metern immer eine Tränke erreichbar sein. Je nach Geländeausprägung und Weideform ist deshalb eine stationäre Tränke für zwei bis vier Hektar optimal. Zudem müssen alle Tränken oder angebotenen Wasserfässer regelmäßig kontrolliert werden, an heißen Sommertagen mindestens einmal täglich.

Klauengerechte Treibwege

Um die Vorteile des Weidegangs für die Klauengesundheit zu nutzen, sollten auch die Triebwege vom Stall zur Weide optimal gestaltet sein. Das gilt vor allem bei größeren Distanzen zu den Weiden. Besonders günstig sind befestigte, steinfreie Wege mit stabilem Untergrund. Bei kurzen Wegen sind betonierte Flächen ideal. Auf unbefestigten Wegen kann man das Entstehen von morastigen, verschlammten Stellen mit Holzhackschnitzeln vorbeugen.

Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)

www.ble.de

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