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Tierschutz geht nur gemeinsam

Mehr und besserer Tierschutz ist eine Aufgabe, die sich nur lösen lässt, wenn sich alle an der Nahrungsmittelkette Beteiligten gemeinsam dafür einsetzen. Dies gilt für die Erzeuger und Verarbeiter ebenso wie für den Handel und die Verbraucher, für Politik und Behörden sowie öffentliche Interessengruppen. Das machten kürzlich die Referenten der Tagung „Nachhaltige Tierhaltung - die Bedeutung von Tierschutz und Tierwohl“ deutlich, die vom Bonner Institut für Nachhaltiges Management (ifnm) an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) in Kooperation mit der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) ausgerichtet wurde.

Zu der Veranstaltung hatten sich rund 150 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Forschung sowie von Verbänden und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) in Hannover eingefunden, um über zielführende Strategien für eine nachhaltige Tierproduktion zu diskutieren.

Tierschutz bewege sich zwischen „wollen“ und „können“, stellte Dr. Michael Lendle, Geschäftsführer des ifnm in Bonn, in seinem einführenden Vortrag zum Thema „Nachhaltiger Tierschutz im Spannungsfeld der öffentlichen Wahrnehmung“ fest. Demnach werden auf der einen Seite die Ansprüche der Konsumenten und der Umwelt- oder Tierschutzorganisationen definiert. Auf der anderen Seite setzen die Politik oder der Gesetzgeber den Rahmen für die Umsetzung dieser Wünsche durch die Wirtschaft. Ausschlaggebend für das tatsächlich realisierte Tierwohl ist zudem die Kaufentscheidung des Verbrauchers.

All diese Gruppierungen tragen gemeinsam die Verantwortung für den Tierschutz in der Agrar- und Ernährungswirtschaft, betonte Dr. Lendle. Daher setzt er sich für einen konstruktiven Dialog zwischen den Beteiligten ohne gegenseitige Vorwürfe und Polemik, sondern mit dem Ziel eines fortschrittlichen, nachhaltigen Tierschutzes ein.

Dazu werde das Institut für Nachhaltiges Management als neutrale Plattform und als kompetenter Moderator der Debatte beitragen, versicherte Dr. Lendle. Darüber hinaus will das ifnm darauf hinwirken, dass Tierwohl und Tierschutz nicht nur als bloßes Marketinginstrument oder zur Marktdifferenzierung verstanden werden, sondern als zentraler Bestandteil von Nachhaltigkeit. In diesem Zusammenhang plädiert Dr. Lendle für die Einführung eines allgemeinen Tierwohl-Standards im Rahmen einer Selbstverpflichtung der Branche anstatt immer neuer firmeneigener Labels.

Welche Möglichkeiten inzwischen bestehen, beim Tierschutz „schwarzen Schafen“ auf die Schliche zu kommen, verdeutlichte Prof. Thomas Blaha, Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) auf der Tagung in Hannover. Er berichtete in seinem Vortrag über die vielfältigen Indikatoren, die Tiergesundheit bis in den Schlachtbetrieb hinein kontrollierbar machen. So lässt sich an Schlachtkörpern mittlerweile feststellen, wenn die Haltung nicht tiergerecht war. Diese Indikatoren müssten nur ausreichend genutzt werden, forderte der Experte. Für Defizite beim Tierschutz ist nach seiner Ansicht nicht das deutsche Tierschutzgesetz verantwortlich. Denn dieses hält Prof. Blaha für weltweit vorbildlich.

Auch der Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), Prof. Eberhard Haunhorst, sieht beim Tierschutz auf staatlicher Seite weniger Nachholbedarf bei den gesetzlichen Vorgaben, die nach seiner Meinung ausreichen, als vielmehr beim Personal. Nach seinen Worten fehlt es derzeit an entsprechend qualifizierten Mitarbeitern, um die Einhaltung der bestehenden Vorschriften zu überwachen. Prof. Haunhorst machte in Hannover die Aufgaben staatlicher Organisationen bei der Umsetzung des Tierschutzes deutlich. Dabei hob er ebenfalls hervor, dass Tierwohl ein wesentlicher Aspekt einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie sei. Lebensmittel- und Agrarproduktion könne nur dann als nachhaltig gelten, wenn Tierschutzmaßnahmen nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen eingehalten werden, sagte der Präsident des LAVES. Dies hält er auch im Hinblick auf die Verbraucherakzeptanz für bedeutsam.

Welche Inhalte und Ziele die niedersächsische Landesregierung mit ihrem Tierschutzplan verfolgt, erläuterte Dr. Maria Dayen, Vorsitzende des Lenkungsausschusses Tierschutzplan Niedersachsen. Diese Initiative schaffe gesellschaftlich akzeptierte, vom Tierhalter umsetzbare Haltungsbedingungen für Nutztiere, die das Tierwohl gewährleisten, fasste sie zusammen. Dr. Dayen wies ebenfalls darauf hin, dass der Tierschutzplan eine ständige Kommunikation zwischen allen Beteiligten erforderlich mache, zu der sie die Angesprochenen ausdrücklich einlud. Gleichzeitig warnte sie in diesem Zusammenhang vor ungeeigneten, nicht zielführenden Diskussionen.

Eine Einladung an alle Beteiligten des Wirkungskreises Tierwohl stellen nach Aussage von Prof Friedhelm Jäger, Referatsleiter im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, auch die Public-Private-Partnership (PPP)-Modelle in NRW dar. Sie sollen dazu beitragen, gemeinsam Lösungsstrategien zu entwickeln und diese in der Praxis zusammen umzusetzen.

Über die rechtlichen Aspekte der Tierwohl-Kennzeichnung informierte Rechtsanwalt Dr. Markus Grube von der Kanzlei Krell Weyland Grube die Tagungsteilnehmer. Er wies auf die vom Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) auch auf europäischer Ebene vorangetriebene Einführung eines europäischen Tierschutz-Labels hin, ähnlich dem Biosiegel. Dadurch sollen sowohl Anreize für die Wirtschaft geschaffen werden, den Tierschutz zu verbessern, als auch das Bewusstseins der Verbraucher für tierschutzgerechte Produktion gestärkt werden.

Zum Abschluss der Tagung veranschaulichte der Kommunikationsberater Dr. Roger J. Busch die Probleme bei der öffentlichen Diskussion rund um das Thema Tierwohl. Hierbei würden vielfach bewusst Emotionen ins Spiel gebracht, sagte Busch. Er warnte eindringlich davor, sich erst in einer Krise zur Intensivierung des Dialogs mit der Öffentlichkeit zu entschließen. Denn dies werde dann als durchsichtiger Rechtfertigungsversuch gewertet. Dr. Busch empfahl stattdessen, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bereits in ruhigen Zeiten zu beginnen, damit sie auch in der Krise funktioniert.

www.ifnm.net

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