Topthema -

New Food Conference 2021: Ist kultiviertes Fleisch die Zukunft?

Kultiviertes Fleisch – was ist das und für wen ist es spannend? Dieser Frage widmet sich die New Food Conference von ProVeg, die am 10. und 11. Oktober 2021 auf der Anuga stattfindet. Im Interview erklärt Katleen Haefele, Head of Food Services & Events bei ProVeg, was die Konferenz so besonders macht und warum sich ein Blick in die Zukunft der Proteine gerade auch für die fleischverarbeitende Industrie lohnt.

New Food Conference 2021: Ist kultiviertes Fleisch die Zukunft?
Kultivierte Fleischprodukte sind aus tierischem Muskelgewebe hergestellt und nicht vom Fleisch eines geschlachteten Tieres zu unterscheiden. -

Frau Haefele, was ist kultiviertes Fleisch und warum ist es Thema der New Food Conference?

Zellkultiviert bedeutet, dass einem Tier Stammzellen entnommen, vermehrt und zu Muskelgewebe differenziert werden. Quasi Fleischherstellung, ohne dass dafür massenhaft Tiere gezüchtet, gefüttert und geschlachtet werden müssen.

Bei der New Food Conference geht es genau um solche Themen. Wie können wir ressourcenschonend eine wachsende Weltbevölkerung ernähren? Im Fokus stehen dabei neue Proteinquellen. Alternative Proteine aus Pflanzen stellen schon heute den Markt auf den Kopf. Weitere Proteinquellen werden es in den nächsten Jahren noch viel mehr tun. Deshalb sollten sich alle Lebensmittelunternehmen entlang der Wertschöpfungskette mit dem Thema auseinandersetzen. Dazu zählen nicht nur innovative Start-ups, sondern eben auch Produzenten, Zulieferer, Retailer und andere Entscheidungstragende der Branche. Die New Food Conference beleuchtet Status quo, Potenziale und Herausforderungen von pflanzlichen und zellkultivierten Proteinen.

Aber ist „Cultivated Meat“ nicht noch ferne Zukunftsmusik?

Nein, die Entwicklungen gehen extrem schnell voran. Schon heute ist kultiviertes Fleisch zu haben – wenn auch momentan erst in einem Land. Singapur hat im Dezember 2020 als erstes Land die Zulassung für den Verkauf von Nuggets mit kultiviertem Hähnchenfleisch erteilt.

Diese Zulassungen sind wegweisende Meilensteine und es ist nur eine Frage der Zeit bis andere Länder nachziehen. In Katar wird beispielsweise an der weltweit ersten Produktionsanlage für Zellfleisch gearbeitet. Das Thema ist also keine weit entfernte Vision mehr, sondern rückt immer weiter in den Mainstream. Allein 2020 haben Unternehmen aus dem Cultured-Meat-Sektor knapp 350 Millionen US-Dollar an Fördergeldern erhalten, 2021 sind es bisher bereits 250 Millionen US-Dollar. Und auch Europa lässt nicht auf sich warten. Auf der New Food Conference wird es eine exklusive Publikums-Verköstigung des belgischen Start-ups Peace of Meat in Kooperation mit dem israelischen Unternehmen MeaTech3D geben. Eine Premiere, bei der sich eine Handvoll Teilnehmende vom Geschmack, Geruch und Konsistenz eines kultivierten Chicken Nugget überzeugen dürfen.

Warum sollten sich auch Fleischverarbeitende mit dem Thema beschäftigen?

Zum einen ist da natürlich das Essverhalten der Konsumierenden. Laut Bundesamt für Ernährung und Landwirtschaft ernähren sich in Deutschland rund 55 Prozent der Menschen flexitarisch, essen also bewusst weniger Fleisch, weil ihnen die ökologischen und gesundheitlichen Nachteile immer bewusster werden. Dennoch fällt es manchen trotz dieser rationalen und moralischen Argumente schwer, ihre Essgewohnheiten umzustellen. Kultiviertes Fleisch schlägt genau diese Brücke: genussvoller Fleischkonsum mit deutlich geringerem ökologischen Fußabdruck. Studien bestätigen, dass Verbrauchende solchen Alternativen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind. Und auch die Unternehmensberatung Kearney prognostiziert, dass der globale Fleischkonsum ab 2040 zu 35 Prozent durch kultiviertes Fleisch gedeckt sein wird.

Zum anderen zeigt die aktuelle Situation von Landwirtinnen und Landwirten, dass das System überholungsbedürftig ist. Schon seit Jahren stagniert der Milchpreis auf niedrigstem Niveau und auch mit Schweinen lässt sich immer weniger Geld verdienen. Um ihre Existenz zu sichern, sollten Betriebe ihr Portfolio langfristig um pflanzliche Produkte erweitern. Ein entscheidender Vorteil ist, dass die Maschinen und Verarbeitungstechnologien für konventionelles Fleisch und pflanzenbasierte Alternativprodukte ähnlich sind. Außerdem gibt es mittlerweile eine Vielzahl funktioneller Ingredients, die auch bei pflanzlichen Alternativen bekannte Texturen und Zubereitungsgewohnheiten erlauben. Und auch Maschinenhersteller richten sich zunehmend auf die Produktion vegan-vegetarischer Produkte ein und können die Optimierung der Produktionsprozesse unterstützen.

Insgesamt gilt: Der Markt verändert sich und auch Fleischverarbeitende sind gut beraten, diesen Wandel im Blick zu haben.

Welche Fleischalternativen gibt es bereits, welche kommen als nächstes?

Ein Veggie-Burger im Supermarkt-Regal überrascht heute niemanden mehr. Auch pflanzliche Produkte auf Soja-, Weizen- oder Erbsenbasis sind in Restaurant und Kühlregal nun schon seit einer Weile etabliert. Spannend ist, in welche Richtungen zunehmend geforscht wird. Alternativprodukte werden so zum Beispiel auch immer öfter aus Algen oder Pilzen hergestellt. Die Produktpalette an pflanzlichen Alternativen ist also ebenso vielfältig wie bei den tierischen Produkten – es gibt pflanzliche Nuggets und Aufschnitt, Gyros, Pulled Pork, Würstchen, Schnitzel und Hack. Immer wieder kommen neue Produkte hinzu.

Was kultivierte Produkte unterscheidet: Hier landet tierisches Fleisch auf dem Teller. Kultiviertes Fleisch ist echtes Muskelgewebe und nicht vom Fleisch eines geschlachteten Tieres zu unterscheiden. Schon jetzt erfährt kultiviertes Fleisch eine hohe Akzeptanz aus Landwirtschaft und dem Fleischsektor. Außerdem erforschen immer mehr europäische Unternehmen die Möglichkeiten der zellulären Landwirtschaft, zum Teil sogar mit finanzieller Unterstützung von ihren Regierungen. Das ist ein klares Zeichen, in welche Richtung sich der Markt entwickeln wird.

Wer möchte in Zukunft mehr Fleischalternativen in den Supermarktregalen sehen?

Neben den flexitarisch lebenden Menschen ist das vor allem die junge Generation. Sie lässt sich nicht mehr mit grünen Versprechen der Lebensmittelhersteller abspeisen und schaut hinter die Kulissen, will Nachhaltigkeit und ernst gemeinte Veränderung sehen. Generell wird die Frage „Woher kommt mein Essen?“ künftig noch viel mehr die Kaufentscheidungen der Leute beeinflussen. Wir entwickeln ein neues Verständnis unserer Nahrungsmittel und begreifen die Auswirkungen unserer Ernährung auf Klima, Tiere und unsere Gesundheit. Die Corona-Pandemie hat diesen Trend beschleunigt.

Die internationale New Food Conference ist Europas erste und größte Konferenz zu alternativen Proteinen. Die Veranstaltung findet am 10. und 11. Oktober 2021 als Präsenzveranstaltung im Rahmen der Anuga statt. Zeitgleich wird das Programm auch digital ausgestrahlt. Zusammen mit führenden Lebensmittel-Stakeholdern wollen die Veranstalter einen Blick in die Zukunft werfen und eine Plattform zum Diskutieren und Netzwerken bieten. Die Nähe zur Anuga Meat als bedeutender Treffpunkt der Fleischindustrie ermöglicht einen zusätzlichen gewinnbringenden Austausch.

Tickets (Online-Teilnahme ab 79 Euro, 2 Tage Präsenzveranstaltung ab 249 Euro) gibt es unter:

www.new-food-conference.com

© fleischerei.de 2022 - Alle Rechte vorbehalten