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Nachhaltige Ernährung in der Kommunalpolitik

Bei der nachhaltigen Ernährungspolitik können Kommunen heute bereits viel tun, aber nicht alles machen. So lautet das Fazit des Forums „Stadt braucht Land – Land braucht Stadt“ auf der Stuttgarter Messe Slowfood. Schon längst sind Biostädte und Öko-Modellregionen aktiv, schreiben hohe Bioanteile bei der Beschaffung von Lebensmitteln in öffentlichen Einrichtungen vor und unterstützen die regionale Vermarktung. Doch wer Erfolg haben möchte, muss alle Felder in der Verwaltung beackern.

Nachhaltige Ernährung in der Kommunalpolitik
Nachhaltige Ernährung setzt unter anderem voraus, dass die regionale Landwirtschaft durch eine entsprechende Kommunalpolitik gestärkt wird. -

„Die Wirtschaftsförderung hat die Chancen der nachhaltigen Ernährung noch nicht erkannt. Dabei hängt jeder neunte Arbeitsplatz bei uns von Landwirtschaft, Ernährung und Lebensmitteleinzelhandel ab. Hier lässt sich massiv regionale Wertschöpfung schaffen“, weiß Dr. Werner Ebert von der Biostadt und Ökomodellregion Nürnberg. Beispielsweise hat die Frankenmetropole gemeinsam mit Bauern und Verarbeitern das Urgetreide Emmer wieder auf den Markt gebracht, eine neue regionale Apfelsaftmarke kreiert und möchte eine bäuerliche Geflügelschlachtstätte aufbauen. Rolle von Stadt und Region sei es, die Akteure zu vernetzen und bürgerschaftliches Engagement zu fördern. So ließen sich eigene Flächen an Ökobauern oder gärtnerische Initiativen verpachten. Darüber hinaus müssten Kommunen und Regionen wertvolle landwirtschaftliche Flächen planerisch und baurechtlich sichern. Bisher haben Äcker und Wiesen bei Abwägungen gegen Gewerbegebiete, Neubaugebiete und Straßen kaum bis keine Chancen.

Selbst in der Sozialpolitik könne sich eine nachhaltige Ernährung widerspiegeln. Gerade Benachteiligte brauchen mehr Wissen zur gesunden Ernährung, zum Beispiel kostenlose Kochkurse. In Deidesheim haben Langzeitarbeitslose Trockenmauern in den Weinbergterrassen saniert und dabei auch sich selbst geholfen. Die Hälfte davon habe danach wieder einen Arbeitsplatz bekommen. Ansonsten setzt die Pfälzer Weinbaustadt voll auf Bewusstseinsbildung: „Sterneköche machen Kochkurse im Kindergarten, Schüler bearbeiten ihren eigenen Weinberg und Touristen bekommen Pfälzer Wein und Lebensmittel bei einer Stadtführung serviert“, berichtet Bürgermeister Manfred Dörr.

Bei allem Erfolg der einzelnen Aktivitäten brauchen die Kommunen dennoch bessere Rahmenbedingungen: Aufgabe der Kultusministerien sei es, die nachhaltige Ernährung viel stärker in den Bildungsplänen zu verwurzeln. Darüber hinaus gelte es, politische Weichen neu zu stellen: Der Generalsekretär von demeter international Christoph Simpfendörfer fordert eine andere Art der Gemeindefinanzierung: „Solange die Kommunen sich maßgeblich über die Gewerbesteuern finanzieren, weisen sie ständig neue Gewerbegebiete aus.“ Ginge es nach Werner Ebert, würde die EU-Landwirtschaftspolitik künftig vom Kopf auf die Füße gestellt. Statt Brüssel sollten die Regionen die EU-Agrarmittel verteilen. Einig waren sich alle Akteure, dass eine reine Landwirtschaftspolitik ohnehin nicht mehr zeitgemäß sei. Auch in Europa sei die Zeit reif für eine ganzheitliche Ernährungspolitik.

Jutta Schneider-Rapp, www.bzfe.de

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