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Mit Förderung zur Fachkraft

Der Ausbildungsberuf Fleischerei-Fachverkäufer hat ein Imageproblem. Bevor Lehrstellen leer bleiben, stellen Betriebsleiter oft Schulabgänger mit schwachen Leistungen ein, die sich in der Berufsschule vor allem mit den kaufmännischen Fächern schwertun. Eine zusätzliche Förderung hilft, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden.

Als wir vor gut drei Jahren acht Ausbildungsstellen im Verkauf zu besetzen hatten, bekamen wir das erste Mal keine einzige Bewerbung“, sagt Matthias Meinhardt (Name geändert). Der Inhaber einer westfälischen Metzgereikette mit 15 Filialen und rund 150 Mitarbeitern bildet seine Fachkräfte in der Regel selbst aus. „In Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit ist es uns dann mit Mühe und Not gelungen, alle Lehrstellen zu besetzen. Wenn auch mit Kandidaten, deren schulische Leistungen weit unter unseren Erwartungen lagen“, so der Metzgermeister.

Fehlende Umgangsformen

Nach einer kurzen Phase der Erleichterung erreichte den Betrieb die Nachricht: Sechs von den acht Azubis stehen in mindestens zwei Berufsschul-Fächern auf der Kippe. Von mehreren Filialleitern kam außerdem die Rückmeldung, dass den Lehrlingen im Umgang mit Kunden kommunikative und soziale Kompetenz fehle.

Meinhardt beriet sich mit seinen Ausbildern. „Schließlich haben wir beschlossen, dass wir unsere Lehrlinge begleitend zu ihrer Ausbildung auch intern schulen wollen.“ Zum einen, um vorhandene Wissenslücken in den Berufsschulfächern zu schließen und ihnen einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss zu ermöglichen. Zum anderen, um die Jugendlichen für den Verkauf zu sensibilisieren. „Sie sollten verstehen, dass die Ausdrucksweise, die sie im Privaten pflegen, sich von der Kundenansprache unterscheidet, die wir uns in unseren Filialen wünschen.“

Entscheidungen wie die von Mat­thias Meinhardt sind das Geschäftsfeld von Simone Stargardt, Inhaberin der privaten Akademie carriere & more mit Standorten in der Region Stuttgart, Mannheim und Würzburg: „In den Berufsschulen sind die Klassen häufig sehr groß, es herrscht Lehrermangel, der Unterricht fällt öfter mal aus oder wird mit weniger qualifizierten Ersatzkräften durchgeführt. Lernschwache fallen dann schnell durchs Raster“, weiß die diplomierte Betriebswirtin aus dem regelmäßigen Kontakt mit Auszubildenden.

Erfolgsquote von 99 Prozent

Stargardts Kunden kommen vorwiegend aus dem Lebensmittel-Einzel- oder Großhandel und buchen die Trainerin und ihr Team für ausbildungsbegleitende Seminare. „Pro Schuljahr sind das meistens sechs Termine, in denen wir mit den Teilnehmern zum Beispiel Wirtschafts- und Sozialkunde oder Rechnen üben.“ Auch Warenkunde oder Umgangsformen können auf dem Stundenplan stehen. Über die Dauer einer mindestens zweijährigen Ausbildung sei regelmäßig zu beobachten, wie stille, unsichere Schüler sich zu selbstbewussten Lehrlingen entwickeln; oder junge Menschen, die zu Beginn ihrer Ausbildung Lernen „uncool“ fanden, mit guten Noten in der Abschlussprüfung überraschen. Lernschwache Schüler profitieren dabei vom Austausch mit Auszubildenden, denen das Lernen leichter fällt.

„Immer wieder hören wir von den Azubis, dass sie an einem internen Schulungstag mehr verstanden hätten als in einem Monat Berufsschule“, berichtet Stargardt stolz und verweist auf ihre Erfolgsstatistik: Von gut 2.000 in den vergangenen 15 Jahren geschulten Azubis hätten mehr als 99 Prozent ihre Abschlussprüfung bestanden.

„Dieses gute Ergebnis ist auch deshalb möglich, weil unsere Kunden ihre Ausbilderrolle ernst nehmen“, betont die Fachfrau für Bildung im Handel. Unternehmern, die lernschwache Auszubildende zu qualifizierten und motivierten Mitarbeitern entwickeln wollen, empfiehlt Stargardt, sich Zeit zu nehmen für die jungen Berufseinsteiger. „Vorgesetzte sollten Interesse zeigen, etwa immer wieder nachfragen, wie der Tag in der Berufsschule gelaufen ist, um frühzeitig Schwachstellen zu erkennen.“ Genauso wichtig sei ein wertschätzender Umgang: Ein Chef könne seinen Azubi nicht für einen unpassenden Ton im Kundenkontakt kritisieren, wenn er ihn hinter der Theke nach jedem Fehler anschreit.

Azubis schätzen Engagement

Matthias Meinhardt hat seine Investition in ausbildungsbegleitende Seminare nicht bereut und diese inzwischen auch für die nächsten Ausbildungsjahrgänge fest etabliert. Als zusätzliche Maßnahme sind die Ausbilder seiner Filialen stundenweise vom Tagesgeschäft befreit, damit sie regelmäßig Feedback-Gespräche mit den Lehrlingen führen können. Zusätzlich gibt es einmal im Jahr einen „Tag der Azubis“.

Dieses Jahr besuchten alle zusammen die Kletterhalle und anschließend gab es ein kleines Grillfest. „Wir wollten das Gemeinschaftsgefühl fördern und konnten feststellen, dass sich die jungen Leute loyaler verhalten, weil sie unser Engagement zu schätzen wissen“, berichtet der Unternehmer.

Inzwischen hätten alle acht Lehrlinge von damals ihre Abschlussprüfungen bestanden und arbeiten nun festangestellt im Verkauf. Nachwuchskräfte zu finden und sie zu guten Mitarbeitern zu entwickeln, sei für seinen Betrieb nach wie vor aufwändig und im Vergleich zu früher auch teurer geworden. Doch Meinhardt sieht keine Alternative: „Im Nachbarort musste kürzlich eine Metzgerfiliale eines Mitbewerbers schließen, weil Fachpersonal fehlt. Das will ich für unseren Betrieb mit allen Kräften vermeiden.“

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