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Lebensmittel wertschätzen, nicht verschwenden

„Eine erfolgreiche Reduktion der Lebensmittelverschwendung kann nur gelingen, wenn wirklich alle relevanten Akteure eingebunden werden“, sagte Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, in seiner Einführung in die Dialogveranstaltung im Rahmen des Nationalen Dialogs zum UN Food Systems Summit am 8. Juni. Unter dem Titel „Gemeinsam nachhaltig ernähren: Meine Küche, unsere Zukunft – Lebensmittel wertschätzen, nicht verschwenden!“ stellten einige Akteurinnen und Akteure ihre Projekte und Initiativen vor und diskutierten, was passieren muss, damit wir Lebensmittelabfälle endlich insgesamt deutlich reduzieren.

Lebensmittel wertschätzen, nicht verschwenden
Die Haltbarkeit, ist der wichtigste Grund, warum Lebensmittel, vor allem Obst, Gemüse und Backwaren, weggeworfen werden. -

Wie lassen sich die Menschen in Deutschland für mehr Lebensmittelwertschätzung sensibilisieren? Und was brauchen sie, damit es gelingt, weniger zu verschwenden?

Dr. Anke Niederhaus, Referatsleiterin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), gab einen Überblick über die Maßnahmen der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung. Grundlage war das internationale Sustainable Development Goal: Bis 2030 soll die Lebensmittelverschwendung auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbiert und entlang der Produktions- und Lieferketten einschließlich Nachernteverlusten verringert werden. Sektorspezifische Dialogforen identifizieren wirksame Ansätze zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und setzen diese in Kooperation mit Fachleuten aus der Praxis um.

Mit „Zu gut für die Tonne!werden insbesondere Verbraucherinnen und Verbraucher bereits seit 10 Jahren für mehr Lebensmittelwertschätzung sensibilisiert. Janina Unger von der Koordinierungsstelle „Zu gut für die Tonne!“ stellte in einem Rück- und Ausblick wichtige Meilensteine vor. Da die Haltbarkeit, vor allem bei Obst, Gemüse und Backwaren, der wichtigste Wegwerfgrund ist, liegt der aktuelle Fokus der Kommunikationsmaßnahmen auf dem bedarfsgerechten Einkauf und einer richtigen Lagerung.

Stephanie Wunder vom Ecologic Institut betonte, dass insbesondere soziale Normen mehr in den Blick zu nehmen seien. „Wir müssen zeigen, was erwünscht ist“, von der kleineren Portionsgröße bis hin zur Mitnahme von Resten im Restaurant. Für das Dialogforum private Haushalte warb Wunder zudem für ein aktuelles Citizen Science-Projekt, das in Verbindung mit „Zu gut für die Tonne!“ zum Tag der Lebensmittelverschwendung am 2. Mai 2022 gestartet wurde. Dabei werden Bürgerinnen und Bürger zu Forschenden, indem sie ihre Lebensmittelabfälle zunächst messen und anschließend überprüfen, mit welchen Maßnahmen sie diese am besten reduzieren können. Die Möglichkeit zur Teilnahme besteht weiterhin.

Das eigene Erleben und Tun stehen auch im Fokus von „Restlos glücklich e. V.“ Bildungsreferentin Ramona Holzer berichtete aus ihrer Projektarbeit, in der es vor allem darum geht, Menschen jeglichen Alters und aus jedem Milieu zu befähigen, förderliche Entscheidungen zu treffen. In Workshops werden gemeinsam gerettete Lebensmittel gekocht und gegessen und man tauscht sich darüber aus. „Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Rezepte lecker sind, dass sie alltagstauglich sind und dass sie vor allem sehr variabel sind. Das heißt, im besten Fall kann ich die Rezepte nachkochen mit den Sachen, die ich gerade im Kühlschrank habe.“ Grundsätzlich arbeitet der Verein mit allen Menschen zusammen, schwerpunktmäßig aber in Kitas und Schulen. Ramona Holzer ist überzeugt, dass Ernährungsbildung unabdingbar ist, damit sich etwas ändert. Wichtig sei es, die Themen niedrigschwellig und ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln. Freude am Kochen und Essen sowie der Austausch stehen im Mittelpunkt.

Sonja Pannenbecker von der Verbraucherzentrale Bremen e. V. stellte die bundesweite Initiative „Genießen statt wegwerfen“ vor. Besonders erfolgreich: der Portionsplaner, mit dem sich Mengen für Menüs besser abschätzen lassen. Pannenbecker kündigte an, dass es im Herbst 2022 in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Dialogforum Außer-Haus-Verpflegung einen Marktcheck zur Lebensmittelverschwendung in Restaurants geben werde.

„Wir müssen das, was wir haben, klug und wertschätzend nutzen und dabei insbesondere die Menschen im Blick haben, für die es immer schwieriger wird, sich eine ausreichende Menge an Lebensmitteln zu leisten“, betonte Dr. Hanns-Christoph Eiden. Er unterstrich, wie wichtig es sei, auch Fragen zur Ernährungssicherheit und Ernährungsarmut mit in die Diskussion einzubringen. Sabine Werth, Gründerin der ersten Tafel in Deutschland und Vorstandsvorsitzende der Berliner Tafel, vermittelte eindrucksvoll die Bedeutung der insgesamt 960 deutschen Tafeln. Sie alle treten gegen Lebensmittelverschwendung an. „Wir unterstützen Bedürftige mit Lebensmitteln, aber wir versorgen nicht. Für die Versorgung ist die Politik, ist der Staat zuständig“, betonte Werth.

Melanie Kirk-Mechtel, www.bzfe.de

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