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Herbert Dohrmann: „Handwerk ist anders als Industrie“

„Es ist mal wieder soweit. Schon wieder haben wir damit zu kämpfen, dass einige Unternehmen der Fleischindustrie durch unglaubliche Zustände ein verheerendes Bild abgeben“, sagt Herbert Dohrmann, Präsident des Deutschen Fleischer-Verbandes (DFV), im Rahmen einer Stellungnahme zur aktuellen Situation in der Fleischbranche, die er an seine Berufskollegen aus dem Fleischerhandwerk gerichtet hat. Sein Standpunkt mit Blick auf den Imageschaden, den die großen Unternehmen der Fleischindustrie erneut verursacht haben, ist eindeutig: „Auch diesmal wirft das ein schlechtes Licht auf alle, die mit Fleisch zu tun haben, unabhängig davon, ob sie etwas damit zu tun haben oder nicht.“

Herbert Dohrmann: „Handwerk ist anders als Industrie“
DFV-Präsident Herbert Dohrmann nimmt Stellung zur aktuellen Situation in der Fleischbranche und zeigt Konsequenzen für das Fleischerhandwerk im Umgang mit dem erneuten Skandal in der Fleischindustrie... -

„Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, führt der DFV-Präsident weiter aus, „aber mir und den Mitarbeitern meiner Fleischerei macht es keinen Spaß mehr, an der Ladentheke immer wieder Rechenschaft für Dinge ablegen zu müssen, die wir zu-tiefst ablehnen.

Gerade in der jetzigen Situation ist das doppelt ärgerlich. Bisher sind wir mit unseren fleischerhandwerklichen Unternehmen ganz gut durch die Corona-Krise gekommen. Sehr früh ist es uns gelungen, dass das Fleischerhandwerk als systemrelevant eingestuft wird, weswegen wir durchgängig weiterarbeiten konnten. An den Ladentheken haben wir sehr guten Zuspruch von unseren Kunden, was zu guten Umsätzen führt. Deshalb geht es den meisten gut.

Wir wissen aber auch, dass es einige unserer Kollegen schwer getroffen hat, vor allem diejenigen, die einen hohen Umsatzanteil im Party-Service und im Catering haben. Unsere Befragung, die wir über unsere App durchgeführt haben, hat gezeigt, dass rund 15 Prozent finanzielle Engpässe überbrücken müssen. Wir hoffen sehr, dass das mit den staatlichen Hilfen gut gelingt.

Betrachtet man das Fleischerhandwerk als Ganzes, dann bleibt das positive Fazit der bisherigen Krisenbewältigung, vor allem auch im Vergleich zu anderen Branchen. Und ausgerechnet jetzt kommen diese Diskussionen um Masseninfektionen und unhaltbare Zustände bei ausländischen Werkvertragsarbeitnehmern. Nach bekanntem Muster wird das dann so weit getrieben, bis das Fleisch grundsätzlich in Frage gestellt wird. Man darf den Veganern nicht vorwerfen, dass sie sich freuen, wenn sie solche Vorlagen bekommen. Die Fleischindustrie selbst ist die beste PR-Agentur für diese kritischen Gruppen.

Als ob das alles noch nicht genug wäre: Die Krisenkommunikation des Verbandes der Fleischwirtschaft hat uns schon sehr verwundert. Anstatt auf die Zustände einzugehen und wenigstens ein wenig Demut zu zeigen, hat man Arbeitsminister Heil in einer bissigen Erklärung Ahnungslosigkeit vorgeworfen. Man kann die Politik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sicher kritisieren – ich komme gleich darauf zurück –, aber ob es klug war, ihn in dieser Situation frontal anzugreifen, darf man bezweifeln.

Wie dem auch sei, der Scherbenhaufen liegt nun auch vor unserer Tür. Es bleibt zu hoffen, dass der Druck auf das Fleisch als Produkt überschaubar bleibt. Teilweise gibt es den schon, zu lesen zum Beispiel letzten Freitag in der BILD, aber es gibt auch noch immer die besonnenen Stimmen. Das Risiko eines weiteren Imageschadens bleibt uns sicher noch eine Weile erhalten. Wir glauben aber, dass das Ganze auch eine Chance sein kann. Eine Chance die wir nutzen müssen. Es gibt uns nämlich die perfekte Vorlage, sehr deutlich zu machen, dass das Fleischerhandwerk, dass wir für grundsätzlich anderes Arbeiten, für andere Produkte und vor allen Dingen für einen anderen Umgang mit den Menschen stehen.

Wir haben damit schon begonnen, vor allem auch in unserer politischen Arbeit. Wir sehen die Hauptursache für viele Fehlentwicklungen darin, dass nicht ausreichend beachtet wird, dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen Industrie und Handwerk gibt. Wir werden uns in der Öffentlichkeit ganz sicher nicht darüber auslassen, ob Handwerk besser oder schlechter ist als Industrie. Das möge jeder für sich selbst entscheiden. Was wir aber sagen, ist, dass Handwerk anders ist als Industrie. Ganz anders. In vielen Gesichtspunkten: Bei uns wird anders gearbeitet, mit anderen Abläufen, mit anderen Rahmenbedingungen und offensichtlich auch mit anderem Personal. Es wird Zeit, dass das überall gesehen und anerkannt wird, vor allem in der Politik.

Es gibt ein Beispiel, an dem man sehr gut erkennt, dass viele Politiker diesen Unterschied nicht sehen oder nicht sehen wollen: Die Grünen haben im Mai einen 7-Punkte-Plan zur Ver-besserung der Verhältnisse in der Fleischwirtschaft vorgelegt. Da ist viel von Schwarzarbeit, Dumpingwettbewerb und katastrophalen Zuständen die Rede. Das Ganze gipfelt in der Forderung, dass unbedingt regionale Vermarktungsstrukturen aufgebaut werden müssen.

Wir haben den beiden Vorsitzenden der Partei, Habeck und Baerbock, einen Brief geschrieben und darauf aufmerksam gemacht, dass es solche regionalen Strukturen schon lange gibt und dass sie vielerorts hervorragend funktionieren. Wir haben auch erklärt, dass diese Strukturen immer mehr in Bedrängnis kommen und dass das Ursachen hat, die man abstellen muss. Wir haben um ein Gespräch gebeten, um das genauer zu erklären. Den Brief haben wir Mitte Mai abgeschickt, eine Antwort haben wir bis jetzt noch nicht bekommen. Stattdessen konnten wir Robert Habeck im Fernsehen erleben, wie er mit Tränen in den Augen endlich gute Bedingungen gefordert hat. Dass wir ihm angeboten haben, zu zeigen, wo es solche Bedingungen gibt, hat er leider nicht erwähnt. Reden und Handeln passen halt in der Politik nicht immer zusammen.

Als Entschuldigung für die Grünen: Diese Ignoranz, die Unterschiede in der Branche wahrzunehmen, findet sich leider in allen Parteien und führt dann auch zu entsprechenden politischen Entscheidungen. Das wollen wir nicht länger akzeptieren.

Die Ignoranz ist das eine Problem. Es gibt zwei weitere: Unfaire Rahmenbedingungen für das Handwerk und opportunistisches Handeln von einigen Politikern.

Nehmen wir die Rahmenbedingungen: Wir weisen immer wieder darauf hin, dass die Gesetzgebung in krassem Widerspruch zu den vollmundigen Beteuerungen der Politik zur Be-deutung von Handwerk und Mittelstand stehen. Es geht nicht darum, dass wir Schutzräume für das Fleischerhandwerk wollen. Wir wären schon zufrieden, wenn die unfairen Belastungen verschwinden würden.

In der aktuellen Diskussion geht es um das Schlachten, also nehmen wir Beispiele aus diesem Bereich. Die Kostenbelastung ist im Handwerk viel höher als in Industriebetrieben. Bei den betrieblichen Kosten ist das klar und in unserer Verantwortung. Aber warum müssen amtliche Fleischuntersuchungsgebühren oder Entsorgungskosten für kleine Betriebe um ein Vielfaches höher liegen als für die Industrie? Das ist kein Naturgesetz, sondern ist politisch gemacht. Hier werden die Handwerker durch konkretes politisches Handeln klar benachteiligt. Das ist nicht hinnehmbar.

Das gilt nicht nur für die Kostenbelastung, sondern auch für die Bürokratie. Warum muss ein Fleischermeister, der mit großer Sachkunde und viel Erfahrung seit Jahren schlachtet, nochmals eine Sachkundebescheinigung erwerben? Das wird von unseren Kollegen zurecht als bürokratische Schikane empfunden.

Das sind nur zwei Beispiele aus einer ganzen Reihe von Benachteiligungen, die es übrigens nicht nur im Bereich Schlachten gibt. Energiekosten, Kassennachrüstung, Dokumentationspflichten, Kennzeichnungspflichten, Vorschriften zur Verpackung, das sind weitere Themenfelder, in denen kleine Handwerksbetriebe stärker belastet sind als große Industriegiganten. Wer den regionalen Strukturen mit solchen Gesetzen die Luft nimmt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende nur die Großen übrigbleiben.

Das waren die unfairen Rahmenbedingungen. Um opportunistisches Handeln aufzuzeigen, muss nun doch noch einmal der Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil, herhalten. Der hat nicht ganz zu Unrecht hohe Arbeitsstandards für die Beschäftigten in der Fleischverarbeitung gefordert. Gleichzeitig sagt er aber, dass Fleisch billig bleiben muss, damit sich auch Leute mit wenig Geld Fleischprodukte leisten können. Das passt nicht zusammen. Man kann nicht höchste Anforderungen formulieren und gleichzeitig dem Immer-Mehr und dem Immer-Billiger das Wort reden. Darauf haben wir Minister Heil auch sehr deutlich hingewiesen. Auch hier haben wir noch keine Antwort erhalten, vielleicht muss er noch dar-über nachdenken.

Und deshalb soll dieses unser Ziel sein: So ärgerlich die aufgedeckten Zustände auch für uns sind, sie bieten vielleicht die Gelegenheit noch einmal auf breiter Front klarzumachen, was Fleischerhandwerk ist, wofür es steht und warum es gut ist, wenn es gestärkt wird. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass diese Erkenntnis nicht leicht zu wecken ist, aber jetzt haben wir einen neuen Ansatz. Sie können sich darauf verlassen, dass ich mich hier mit aller Entschiedenheit einbringen werde.

Wir haben vor, die maßgeblichen Politiker in dieser Sache nicht mehr in Ruhe zu lassen. Sie sollen sich klar bekennen, was sie wollen, billig, gut oder gar kein Fleisch. Sie sollen sich klar bekennen, ob es aus den Erfahrungen der Corona-Krise heraus zukunftsfähig sein kann, dass durch das Schließen einer Schlachtstätte in unserer Republik in Tagesfrist nahezu 20 % der bundesdeutschen Schweinefleischproduktion vom Markt verschwinden. Dann wissen wir, woran wir sind. Aber wenn sie gute Produkte aus regionalen Kreisläufen wollen, dann erwarten wir, dann brauchen wir andere Gesetze. Dann brauchen wir klare Bekenntnisse und keine leeren Versprechungen.

Das wichtigste ist natürlich, wie unsere Kunden uns sehen. Man vertraut uns, das wird jeden Tag an der Theke deutlich. Das nimmt uns aber auch in besonderer Weise in die Pflicht, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen. Wir müssen deshalb sehr sorgfältig darauf achten, wo wir einkaufen, wie wir arbeiten und welches Bild wir als Handwerk abgeben. Da ist jeder einzelne Betrieb in besonderer Weise gefordert.

Der Einkauf steht aktuell natürlich besonders im Fokus. Wir sind gut beraten, wenn wir uns, wo immer möglich, aus nachvollziehbaren, regionalen Quellen bedienen. Dieser Appell richtet sich auch an die Kollegen, die noch selbst schlachten. Wir alle haben gemeinsam, dass wir uns manchmal mit Teilstückzukäufen behelfen müssen. Auch da müssen wir anspruchsvoll bleiben, um unseren Kunden ehrlich Auskunft geben zu können.

Der Verbraucher wird kritischer, und das ist gut so. Wir müssen ihn in dieser Einstellung bestärken. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, dass man uns fragen kann. Es gibt die Chefin und den Chef und es gibt qualifizierte Mitarbeiter. Eine Plastikverpackung im Supermarkt gibt keine Auskunft, wir schon. Wenn wir offene und ehrliche Antworten haben, dann können wir jetzt vielleicht mehr als zu normalen Zeiten klar machen, dass es eine echte Wahl gibt. Jeder Verbraucher kann für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist, der billigste Preis oder der Mehrwert, der auch mehr kostet.

Arbeiten wir weiter gemeinsam daran, dass die Verbraucher die richtige Wahl treffen“, ruft Herbert Dohrmann abschließend auf.

www.fleischerhandwerk.de

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