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DFV-Verbandstag: Chancen erkennen – entschlossen handeln

Am 8. und 9. Oktober 2017 fand der 127. Deutsche Fleischer-Verbandstag in Potsdam statt. Eröffnet wurde die Veranstaltung, die in diesem Jahr unter dem Motto „Chancen erkennen – entschlossen handeln“ stand, im Rahmen der traditionellen Matinée des Fleischerhandwerks durch Herbert Dohrmann. Der DFV-Präsident wies in seiner einführenden Rede vor allem auf die Notwendigkeit und Dringlichkeit hin, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen, um die Zukunftsfähigkeit des Fleischerhandwerks in Deutschland sicherzustellen. Damit nahm Dohrmann in erster Linie Bezug auf den sogenannten Perspektiv-Beschluss.

DFV-Verbandstag: Chancen erkennen – entschlossen handeln
Zentrales Thema auf dem Deutschen Fleischer-Verbandstag in Potsdam waren die zukünftigen Herausforderungen für das Fleischerhandwerk. -

„Noch geht was. Noch können wir Chancen nutzen. Noch können wir handeln. Es ist unser Verband, aber es ist auch der Verband der künftigen Generationen. Es ist unsere Verantwortung, diese starke Organisation nicht nur für uns zu nutzen, sondern ihn auch für die Zukunft zu erhalten. Diese Chance haben wir, also lasst uns entschlossen handeln“, rief der DFV-Präsident die Delegierten auf und ließ keinen Zweifel daran, dass er damit zunächst vor allem die notwendige Satzungsänderung zur Umsetzung des Perspektiv-Beschlusses meinte, den das Präsidiums und der Gesamtvorstand der Mitgliederversammlung am 9. Oktober 2017 einstimmig zu fassen empfohlen hatten.

Offenbar sahen die 162 Delegierten auf der Mitgliederversammlung das ebenso wie DFV-Präsident Dohrmann: Mit 137 Ja-Stimmen haben sie – bei 20 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen – der Satzungsänderung zugestimmt. Gemäß „Präambel“ zur Empfehlung seitens Präsidium und Gesamtvorstand bedeutet das konkret:

„Dieser Perspektiv-Beschluss dient der Stärkung der Fachorganisation des Fleischerhandwerks. Er beinhaltet insbesondere zwei Maßnahmen: Es soll zum einen ein Kompetenzverbund von DFV, Landesinnungsverbänden und Innungen geschaffen werden, der die Mitgliedschaft für Unternehmen des Fleischerhandwerks noch attraktiver macht und gleichzeitig Landesinnungsverbände und Innungen stärkt. Zum anderen soll die Direktmitgliedschaft für einzelne Unternehmen im DFV eröffnet werden. Damit sollen Nicht-Mitglieder (zurück-)gewonnen werden.“

Auszüge aus der Rede von DFV-Präsident Herbert Dohrmann auf der Matinée des Fleischerhandwerks am 8. Oktober 2017 in Potsdam:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Lutz Wagner hat uns sehr schön vor Augen gehalten, wie das so geht mit Entscheidungsprozessen: Beherzt entscheiden, nicht aufschieben, mutig entscheiden. Die größte Herausforderung bleibt dabei ohne Frage, dass man natürlich auch richtig entscheiden muss. Man will es jedenfalls gerne. Und genau hier ist eben die Gefahr, dass man aus lauter Sorge vor einer falschen Entscheidung lieber gar nichts macht. Auch das haben wir gerade von Lutz Wagner gelernt.

Unser Verbandstagsmotto ist tatsächlich nichts anderes, als die Aufforderung an uns selbst, genau das zu vermeiden. Wenn wir Chancen erkennen, dann sind wir auch gefordert, entschlossen zu handeln. Gut und sorgfältig nachdenken schadet natürlich nichts, aber man darf auch den Zeitpunkt nicht verpassen, an dem man noch entscheiden und handeln kann.

Die Delegierten der Landesverbände, die heute hier sind, wissen natürlich, auf was ich anspiele. Wir wollen morgen darüber beraten, wie wir unseren Verband für die Zukunft rüsten. Ich will diese Debatte nicht vorweg nehmen, aber was wir gerade gehört haben, lädt dann doch dazu ein, wenigstens zwei, drei Sätze dazu schon heute zu sagen. Nur so viel: Es ist eine Tatsache, dass unsere Branche seit langem einem stetigen Strukturwandel unterworfen ist. Das hat nicht nur Auswirkungen auf jeden einzelnen Betrieb, sondern natürlich auch auf unseren Verband.

Seit über 30 Jahren diskutieren wir darüber, ob und wie wir unsere Organisation diesem Wandel anpassen. Über all die Jahre haben wir dabei zugesehen, wie unsere Gestaltungsspielräume immer kleiner geworden sind. Wir haben fraglos auch jetzt einen leistungsfähigen Verband. Aber die Möglichkeiten sind mit der Zeit weniger geworden. Wir müssen uns eingestehen, dass wir die Chancen, die wir vor Jahren noch hatten, eben nicht für entschlossenes Handeln genutzt haben.

Noch geht was. Noch können wir Chancen nutzen. Noch können wir handeln. Es ist unser Verband, aber es ist auch der Verband der künftigen Generationen. Es ist unsere Verantwortung diese starke Organisation nicht nur für uns zu nutzen, sondern ihn auch für die Zukunft zu erhalten. Diese Chance haben wir, also lasst uns entschlossen handeln.

So, das war nur die Einleitung zu diesem Thema, die Delegierten wissen dann schon mal, was morgen in unserer Mitgliederversammlung auf sie zukommt. Ich freue mich auf eine gute Entscheidung in einer hoffentlich gar nicht so drückenden Stress-Situation. Warum ist mir das Thema so wichtig, dass ich es auch hier in der Matinee anspreche? Weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir einen starken Verband auch über die nächsten 10 oder 20 Jahre hinaus brauchen. Wir haben heute viele Kollegen und Partner aus anderen Verbänden und Organisationen zu Gast. Auch die werden bestätigen: Wenn du keine starke Stimme hast, dann gehst du im politischen Tagesgeschäft unter.

Ich habe es eben erwähnt, wir haben in unserer Matinee bei früheren Verbandstagen schon jede Menge Sonntagsreden gehört. Große Worte von der Bedeutung von Handwerk und Mittelstand. Und oft genug haben wir montags eine ganz andere Politik erlebt. Das ist eine Binsenweisheit, die schon meine Vorgänger im Amt beklagen mussten. Heute haben wir keine solche Rede gehört, aber im Grunde stehen wir ganz aktuell vor derselben Problematik. Ich sage Ihnen, warum: Wir hatten gerade Wahlkampf.

Wahlkampfzeiten sind für Verbände nicht schlecht. Die Sinne der Politiker sind geschärft, man ist offen für Gespräche und Vorschläge. Das haben wir natürlich genutzt. Wir haben den politischen Parteien gesagt, wie man mit richtiger Politik tatsächlich etwas für Handwerk, Mittelstand und regionale Strukturen tun kann. Wir haben gewissermaßen aufgezeigt, wie man die Ankündigungen, die wir aus den vielen Reden kennen, in die Praxis überführen kann. Ich sage Ihnen mal die wichtigsten Stichpunkte, die wir dabei aufgeführt haben:

  1. Gezielte Förderung regionaler Strukturen
  2. faire Gebühren, die kleine Betriebe nicht benachteiligen,
  3. weniger Bürokratie und unnötige Dokumentation sowie
  4. risikoorientierte Kontrollen.

Das ist ganz konkret und hat nichts mit einer allgemeinen Forderung nach guten Rahmenbedingungen zu tun. Und es ist für Politiker, die wirklich etwas für gesunde Strukturen tun wollen, tatsächlich machbar.

Vor der Wahl haben wir von den Politikern für unsere Forderungen viel Zustimmung geerntet. Das hat uns gefreut, war aber wohl nicht anders zu erwarten. Aber wir machen uns da gar nichts vor, entscheidend sind nicht die Zusagen vor der Wahl, sondern natürlich das politische Handeln danach. Was uns da erwartet, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau. Wer bildet die Regierung? Welche Ministerien werden an wen vergeben? Gibt es auch weiter ein Landwirtschaftsministerium oder werden die Themen aufgeteilt? Das alles ist noch offen. Wir sind jedenfalls gespannt.

Angesichts der nicht ganz unwahrscheinlichen Variante, dass es zu einer Jamaika-Koalition kommt, zahlt es sich vielleicht aus, dass wir im letzten Jahr auch mit den Grünen und der FDP intensiven Kontakt und einen offenen Meinungsaustausch gesucht haben. Bei beiden Parteien finden wir durchaus auch Anknüpfungspunkte.

Wenn es um Regionalität abseits von industrieller Massenfertigung geht, finden wir bei den Grünen durchaus wohlwollendes Interesse, das haben wir festgestellt. Was dort noch fehlt, ist die Bereitschaft, die eine oder andere Ideologie abzulegen. In diesem Punkt werden wir eine Menge Arbeit haben.

Die FDP ist wahrscheinlich in denjenigen Bereichen ein guter Partner, in denen es um Entbürokratisierung und Wirtschaftsförderung geht. Aber auch hier sind Punkte erkennbar, bei denen wir nicht einer Meinung sein werden. Als Beispiel will ich die Vorstellungen der FDP zu den Ladenöffnungszeiten, vor allem auch zum Schutz des Sonntags anführen, der nach dem Willen der FDP wegfallen soll. Da werden wir streiten.

Trotz dieser vorhandenen Meinungsverschiedenheiten haben wir bei beiden auch gute Ansatzpunkte, falls es zu Jamaika kommt. Und wer weiß, vielleicht sind wir es, die bei Grünen und FDP ganz große Einigkeit bewirkten. Eine gerechte Förderung regionaler Strukturen, eine Verbraucherpolitik, die heimisches Handwerk stärkt, und faire Gebühren. Das sind doch Maßnahmen, die beiden gut passen müssten. Wenn sie sich auf unsere Themensetzung einlassen, werden beide nie mehr ohne einander regieren wollen.

Wir werden so oder so sehen, wie viel von den Zusagen des Wahlkampfs übrigbleibt. Die Wahlversprechen waren eine sehr lange Sonntagsrede und jetzt beginnt der Montag. Deshalb sind wir als Interessenvertretung des Fleischerhandwerks jetzt noch mehr gefragt als im Wahlkampf. Wir müssen die Politiker daran erinnern, dass gegebene Versprechen nach der Wahl einzuhalten sind. Das werden wir mit aller Macht auch weiter tun.

Ich will aus den vier Themen des Wahlkampfs, die ich gerade genannt habe, nur zwei bespielhaft herausgreifen. Nehmen wir zuerst unsere Forderung nach fairen Gebühren. Das Thema ist ein bisschen undankbar. Wenn man das anspricht, kommt man schnell in Verdacht nur seinen eigenen Geldbeutel im Blick zu haben. Deshalb sei es gleich festgehalten: Kein Mensch stellt in Frage, dass der Staat für sein Verwaltungshandeln auch Gebühren nehmen darf. Bedenklich wird es aber, wenn diese Gebührenlast ungerecht verteilt wird.

Beispiel Schlachttieruntersuchung: Warum zahlen große Schlachthöfe pro Tier nur einen Bruchteil dessen, was Handwerksbetriebe zahlen? Wenn man doch will, dass kleine, regionale Strukturen erhalten bleiben, warum gibt es dann diesen Wettbewerbsnachteil? Genau das ist das politische Handeln am Montag, das uns stört: Staatliche Bevorzugung der industriellen Strukturen. Das ist kein Einzelfall: Die Finanzierung der Energiewende zum Beispiel wird allein von privaten Haushalten und kleinen Unternehmen bezahlt. Das passt mit der Lobpreisung von Handwerk und Mittelstand nicht zusammen.

Wir wollen das geändert haben. Und wir werden uns von dieser Forderung auch nicht durch den oft gehörten Hinweis abhalten lassen, dass man da wegen der europäischen Rechtslage nichts machen kann. Wenn eine Regelung falsch ist, muss man auf Änderung drängen, egal wer sie aufgeschrieben hat.

Ich will ein zweites Beispiel aus den vier genannten Themen nennen, die Forderung nach weniger Bürokratie. Das Thema hängt indirekt auch mit den Gebühren zusammen. In den letzten Jahren hat man immer mehr Pflichten zur Eigenkontrolle und Dokumentation auf die Unternehmen verlagert. Arbeitsrecht, Hygienerecht, Umweltrecht, Kennzeichnungsrecht, Wettbewerbsrecht, Datenschutz, Steuerrecht und so weiter und so weiter.

Es genügt für Unternehmer nicht mehr, all diese Gesetze zu kennen und einzuhalten, was schon schwer genug ist. Mehr und mehr wird zusätzlich gefordert, dass der Unternehmer alles lückenlos dokumentiert, um beweisen zu können, dass er alles richtig gemacht hat. Und damit immer noch nicht genug. Nachdem beispielsweise im Lebensmittelrecht die Kontrolle der Abläufe nach und nach von den Behörden auf die Unternehmer verlagert wurde, wird jetzt noch eine neue Gebühr für die Kontrolle der Unterlagen geschaffen.

Ich gebe zu, das ist jetzt sehr verkürzt dargestellt, weil hier der Raum für ein lebensmittelrechtliches Kolloquium fehlt. Das Beispiel zeigt aber das Problem, vor dem wir stehen: Die Betriebe werden immer mehr belastet und zahlen am Ende noch eine Gebühr, die es vorher nicht gab.

Jetzt soll man nicht meinen, dass der Verband hier gar nichts für seine Mitglieder tun konnte. Im Gegenteil: Das, was ich hier beklage, ist nur das, was nach dem Eingreifen des Verbandes übrig geblieben ist. Ohne einen gut aufgestellten Verband gäbe es da noch manches mehr, zum Beispiel bei der Kennzeichnung in der Theke oder bei Hygienevorschriften. Gerade hier hat der DFV Standards gesetzt, die jedem Betrieb das Leben jeden Tag ein bisschen leichter machen.

Aber wir erleben es immer wieder, dass in Gesetzgebungsverfahren einfach vergessen wird, dass die Mehrzahl unserer Unternehmen zwischen 8 und 15 Mitarbeiter haben. Anders als Industrieunternehmen werden diese Unternehmen erdrückt, wenn es immer mehr Bürokratie und finanzielle Lasten gibt. Hier einzugreifen, das ist unsere vornehmste Aufgabe. Dem werden wir weiter gerecht werden.

Einmischen wollen wir uns auch in politische Debatten, wie der wirtschaftliche Erfolg unseres Landes auch auf lange Sicht sichergestellt werden kann. Es kann keiner mehr bestreiten, dass vieles von dem, was uns selbstverständlich geworden ist, stark bedroht ist. Auf die Herausforderungen der Zeit muss die Politik reagieren, das ist schwer genug. Internationale Konflikte, Armut in der Welt, kriegerische Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Verwerfungen. Das hatten wir eine gewisse Zeit fast vergessen, und jetzt steht das alles bei uns vor der Tür.

Das alles ist nicht leicht aufzulösen. Deshalb sollte man sich auch vor allzu schlanken Antworten hüten. Ängste schüren, nationalistische Parolen rufen und abschotten löst kein einziges Problem. Selbstverständlich müssen wir schauen, wer in unser Land kommt. Ebenso selbstverständlich muss sein, dass die, die keinen Schutz brauchen, diesen auch nicht einfordern können.

Aber es ist eben auch richtig, dass wir ohne eine sachgerechte Zuwanderung den Fachkräftebedarf der Zukunft nicht sicherstellen können. Und das soll mir mal einer erklären, wie wir qualifizierte junge Menschen aus anderen Ländern für uns gewinnen wollen, wenn wir hier verkünden, dass wir dieses Land für uns zurückerobern wollen. Man kann manche Sorgen verstehen, aber wer solche Parolen verbreitet, spielt nicht nur mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und unserem internationalen Ansehen, sondern er gefährdet auch den Wohlstand unserer Kinder.

Wir müssen bereit sein, auch über Maßnahmen nachzudenken, die eingetretene Pfade verlassen. Ein Einwanderungsgesetz könnte uns dabei helfen, einen ordentlichen Rahmen bei der Rekrutierung von Arbeitskräften aus anderen Ländern zu schaffen. Es ist wahrscheinlich, dass das nicht leicht umzusetzen ist. Aber was soll denn dagegen sprechen, wenn sich junge Leute aus Europa und der Welt bei uns einbringen wollen. An das Thema müssen wir ran, da ist eine Chance zu erkennen, also muss man auch entschlossen handeln. Wir werden mit den Politikern deshalb auch über diese Option konstruktiv diskutieren.

Es kommen immer wieder neue Aufgaben auf uns zu. Wir erleben seit einiger Zeit große gesellschaftliche Diskussionen zu Themen, die uns unmittelbar betreffen: Tierschutz natürlich, aber auch Fragen von Ernährung und Gesundheit. Auch die Debatte, welchen Einfluss unser Tun auf Klima und Umwelt hat, wird geführt. Und schließlich dürfen wir auch nicht übersehen, dass sich die Welt gerade grundlegend ändert. Digitalisierung ist das Schlagwort, mit dem viele gar nicht so richtig was anfangen können. Auch diese neuen Themen muss ein moderner Unternehmerverband auf der Agenda haben.

Wir haben das aufgegriffen, um unseren Mitgliedbetrieben Vorschläge und Angebote zu machen, wie sie diese Zukunftsthemen angehen können. Wir dürfen und wollen diesen Aufgaben nicht ausweichen, und wir müssen es auch gar nicht. In all diesen kritischen Bereichen liegen nicht nur Risiken für unser Handwerk, sondern auch große Chancen. Die haben wir erkannt, weswegen wir uns jetzt die Werkzeuge zusammenstellen, um diese Möglichkeiten entschlossen anzupacken. Lassen Sie mich auch hier zwei Beispiele nennen.

Das Thema Tierschutz beschäftigt uns schon seit langem. Es liegt auf der Hand, dass wir hier nur gemeinsam mit unseren Partnern von der Landwirtschaft vorankommen können. Wir suchen hier den intensiven Dialog, der aber – wie wir gemerkt haben – gar nicht so leicht zu finden ist. Vielleicht liegt das daran, dass die Landwirtschaft selbst noch einen vernünftigen Weg zwischen global und regional, zwischen industriell und bäuerlich sucht.

Wir haben heute Herrn Roger Fechler, den zuständigen Referatsleiter im Deutschen Bauernverband hier. Wir freuen uns, dass Sie heute hier sind, weil wir unbedingt intensiver über die brennenden Themen sprechen müssen. Wir müssen gerade bei Tierhaltung und Tierschutz raus aus der Wohlfühlecke. Die Themen sind einfach zu wichtig, besonders auch für unsere Kunden. Es ist verständlich, dass sich die Landwirte darüber beklagen, in der öffentlichen Debatte oft unberechtigt als Tierquäler dargestellt zu werden. Unter solchen Angriffen haben dann indirekt auch wir zu leiden. Die Bauern müssen sich aber fragen lassen, wieviel von diesem angeknacksten Image hausgemacht ist. Immer noch wird vom Bauernverband das Bild der heilen bäuerlichen Familienbetriebe gezeichnet. Alles ist eigentlich wie früher, nur moderner. Schön wär’s. Der Verbraucher ist nicht dumm. Er weiß, dass es immer weniger Bauern gibt. Er weiß auch, dass die Bestände immer größer werden und Nutztiere heute anders gehalten werden als vor Jahrzehnten. Aber anstatt damit offen umzugehen, zeichnet man ein verklärtes Bild.

Ich will Ihnen das an einem Beispiel deutlich machen. Im Internet-Auftritt des Bauernverbandes kann man lesen, dass die Zahl der Nutztiere in Deutschland in den letzten 60 Jahren gesunken ist. Man wundert sich. Fakt ist nämlich, dass es heute in Deutschland viele Millionen Nutztiere mehr gibt als in den 50er Jahren. Wie also kommt man zu dieser sonderbaren Aussage? Ganz einfach: Man rechnet die Zahl der Tiere auf Großvieheinheiten um. Und weil es nach dem Krieg noch Zugpferde und verhältnismäßig viele Rinder gegeben hat, kann man das wunderbar runterrechnen. Ein Rind entspricht 6 Schweinen, ein Pferd ist so viel wie 275 Hühner. Und schon hat man zugedeckt, dass es heute gut 50 Millionen Nutztiere mehr gibt als damals. In meinen Augen ist diese Selbstdarstellung eine Katastrophe. Mit Taschenspielertricks braucht man der Öffentlichkeit heute nicht mehr kommen. Hier muss mehr Aufrichtigkeit her. Es gibt unterschiedliche Haltungsformen, aber keine davon muss man verstecken. Und wenn doch, dann sollte sie schleunigst geändert werden. Man soll sich nicht einbilden, dass sich die kritische Haltung des Verbrauchers in Zukunft abmildern wird. Wenn hier weiter verschleiert wird, können wir an der Ladentheke das Vertrauen in die Tierhaltung auch nicht wieder herstellen.

Bitte nicht falsch verstehen, ich übe hier keine pauschale Kritik an der Landwirtschaft. Aber wir müssen im Dialog offener und ehrlicher werden. Dazu gehört, dass wir nicht darauf warten, dass uns andere die Themen vorgeben. Es muss uns schon selbst was einfallen. Und wir müssen ehrlich damit umgehen, welche Bedeutung wir uns gegenseitig zumessen. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich auf lange Sicht auszahlt, wenn die Landwirtschaft nur noch auf Größe setzt und vor allem von asiatischen Märkten träumt. Tierhaltung wird in Deutschland ohne regionalen Bezug dauerhaft nicht möglich sein. Industrielle Masse kann nicht das sein, was wir wollen. Und der öffentliche Widerstand dagegen wird wachsen.

Wir sehen uns hier auf der richtigen Seite und das wollen wir künftig auch lauter sagen als bisher. Herr Fechler, ich freue mich deshalb sehr, dass es nach langen Anläufen jetzt gelungen ist, einen Gesprächstermin zwischen den Spitzen unserer Verbände zu finden. Sowohl Ihre als auch unsere Branche sind dem ehrlichen Wort zugetan, deshalb werden wir das Gespräch genießen. Vielen Dank, dass Sie schon heute zu uns gekommen sind.

Zu den neuen Anforderungen gehört auch der Klimaschutz. Mein zweites Beispiel. Auch dieses Thema dürfen wir nicht unterschätzen. Da ist auf der einen Seite unser Energieverbrauch. Bedrohlicher ist aber die Diskussion, ob Ausdünstungen von Nutztieren den Klimawandel beschleunigen. Wir sind der Meinung, dass wir hier in die Offensive kommen müssen. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie Fleisch-Gegner immer neue Gründe dafür anführen, dass man kein Fleisch essen soll. Dabei genügt es eben nicht, zu sagen, dass das alles Blödsinn ist. Der Klimawandel ist da, das wird heute nur noch von ganz wenigen bestritten. Es deutet deswegen alles darauf hin, dass die Debatte darum noch Jahrzehnte erhalten bleibt. Und wenn wir nicht wollen, dass das Rinderfilet dafür verantwortlich gemacht wird, dass die Antarktis schmilzt, dann brauchen wir Antworten. Es gibt heute Mittel, dieser Klimadebatte zu begegnen. Der DFV bietet den Mitgliedsunternehmen schon bald die Möglichkeit, den eigenen Betrieb klimaneutral zu stellen. Wir haben dafür einen kompetenten Partner gefunden.

Vereinfacht dargestellt funktioniert das so: Es wird festgestellt, wie viel klimaschädliche Einflüsse ein Betrieb verursacht. Dabei wird das CO2 genauso berücksichtigt wie die Ausdünstungen der Rinder. Anschließend wird analysiert, wie viel davon einzusparen ist. Für das, was unvermeidlich ist, werden Projekte unterstützt, die hier einen Ausgleich schaffen. All das ist seriös, anerkannt und vor allem bezahlbar. Ich habe das für meinen eigenen Betrieb als Testfall durchgespielt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieses Modell wird ganz sicher nicht in kürzester Zeit für alle Betriebe umgesetzt werden. Aber indem wir solche Möglichkeiten schaffen, zeigen wir, dass wir die neuen Herausforderungen annehmen und ernsthaft zu Lösungen führen. Ich bin überzeugt davon, dass das in Zukunft noch wichtiger wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie sehen, dass eine Menge Arbeit auf dem Tisch liegt. Aber wir sind insgesamt ein gutes Team im Fleischerhandwerk. Deshalb bin ich sicher, dass wir das alles sehr zuversichtlich angehen können. Was uns dabei hilft, ist, dass wir gute Partner haben, von denen viele heute hierhergekommen sind.“

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