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Deutscher Verpackungskongress: Nachhaltigkeit im Fokus

Bequem war gestern: Auf dem 13. Deutschen Verpackungskongress am 22. März in Berlin diskutierten auf Einladung des Deutschen Verpackungsinstituts e. V. (dvi) rund 200 Entscheider und Vordenker von Unternehmen, NGOs, Institutionen und Start-ups kontrovers über Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Rund um die Vorträge von Mondi, Tetra Pak, Original Unverpackt, WWF und anderen mehr entfachten sich intensive Diskussionen über Rolle, Bedeutung und zukünftige Entwicklung der Verpackung.

Deutscher Verpackungskongress: Nachhaltigkeit im Fokus
Eine Rekordbeteiligung verzeichnete der 13. Deutsche Verpackungskongress in Berlin. -

Einig waren sich alle Beteiligten über die hohe Bedeutung von Dialog und Kooperationen. Zum Start des Kongresses hatte das dvi die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage veröffentlicht, die über Einstellung und Handeln der Bundesbürger in Bezug auf nachhaltiges Leben und nachhaltigen Konsum Aufschluss gab.

Verpackung als Lösung mit Zukunft? Verpackung als Lösung für die Zukunft! Unter diesem Motto hatte das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. (dvi) zum Deutschen Verpackungskongress nach Berlin geladen. Bei der Ausgestaltung des Programms hatte das dvi bewusst auf eine kontroverse Agenda gesetzt und neben führenden Unternehmen aus der Verpackungswirtschaft beispielsweise auch die Gründerin des ersten „verpackungsfreien“ Supermarkts in Deutschland „Original Unverpackt“ sowie den World Wide Fund For Nature (WWF) eingeladen. Für Kim Cheng, Geschäftsführerin des dvi, ist das Konzept aufgegangen. „Wir müssen uns zentralen Fragen stellen und dürfen das nicht in einer selbstgefälligen Nabelschau tun. Das neue Verpackungsgesetz, Diskussionen um eine europäische Steuer auf Kunststoff, der unerwünschte Eintrag von gebrauchten Verpackungen in die Natur oder die verstärkten Forderungen der Verbraucher nach nachhaltigen Lösungen stellen uns vor neue Herausforderungen, die wir ernst nehmen müssen. Verharren und Beharren ist dabei keine Lösung, schon gar nicht für eine hochinnovative Branche wie die Verpackungswirtschaft. Denn Verpackungen werden auch in Zukunft unverzichtbar bleiben. Die Diskussionen auf dem Kongress haben gezeigt, wie anregend und zielführend es sein kann, wenn man sich bewusst mit Meinungen, Perspektiven und Lösungsvorschlägen kontroverser Dialogpartner auseinandersetzt.“

Zum Start des Verpackungskongresses hatte das dvi die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von tns-infratest zum Thema „Nachhaltigkeit und Verpackungen in Deutschland“ vorgestellt. Die wichtigsten Ergebnisse: Über 80 % der Konsumenten bringen inzwischen eigene Einkaufsbehälter mit in den Supermarkt. Fast 70 % kaufen bewusster ein und werfen weniger weg. Fast 60 % sehen den Schlüssel bei der Vermeidung von Verpackungsabfällen in der Natur, bei mehr Eigenverantwortung und Bürgerengagement. Eine Mehrheit wünscht sich mehr Kunststoffrecycling im eigenen Land, nicht nur für Verpackungen. Und: Die Mehrzahl der Konsumenten sagt „Ja“ zur Verpackung. Nur knapp 28 % bevorzugen grundsätzlich lose Ware.

Die konjunkturelle Lage. Was kommt auf die Unternehmen zu?

In seiner Keynote zum Start des 13. Deutschen Verpackungskongresses informierte Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, in einer sehr pointierten, faktenreichen und gleichzeitig unterhaltsamen Keynote über makroökonomische Entwicklungen. „Normalerweise sagt man immer: Wir leben in spannenden Zeiten“, so Hüther. „Nun, das gilt fast immer. Was unsere heutige Zeit dagegen ausmacht, ist, dass wir in widersprüchlichen Zeiten leben. Es gibt ein hohes Maß an politischer Unsicherheit und Ergebnisoffenheit. Grundsätzliche Fragen, die wir eigentlich beantwortet glaubten, stellen sich wieder, wie zum Beispiel der Freihandel oder der politische Umgang miteinander.“ Hüther ging in seinem Vortrag auf die Gründe für den robusten Aufschwung in Deutschland und den Erfolg des deutschen Geschäftsmodells ein. Dazu gehöre die „Clusterbildung“, bei der Unternehmen nicht „wie Grabsteine im Land herum liegen“, sondern sich gemeinsam für Wissenssysteme, Bildungspolitik und strukturelle Grundlagen engagierten. Auch die Zusammenarbeit mit Dienstleistern befeuere den Erfolg und stehe allein für ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Cluster. Entscheidend für den Erfolg sei darüber hinaus die hohe Problemlösungskompetenz der Unternehmen und ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Für die Zukunft forderte Hüther ein, dass sich Europa global deutlicher positionieren und als Gemeinschaft auftreten müsse. Außerdem stellten der demographische Wandel und der Fachkräftemangel große Herausforderungen dar. Hüthers Fazit: „Saturierte Gesellschaften tun sich schwer, in Veränderungen einzutreten. Aber sie sind notwendig. Und die wichtigen Diskussionen müssen geführt werden - und zwar in der Politik. Sonst werden sie halt woanders geführt…“

Themenblock 1: Ist Verpackung lebensnotwendig oder entbehrlich?

„Eigentlich bin ich ja das Gesicht der Nicht-Verpackung in Deutschland“, freute sich Milena Glimbovski, Gründerin und Geschäftsführerin des ersten „verpackungsfreien“ Supermarkts in Deutschland Original Unverpackt GmbH über die Einladung zum Verpackungskongress. Die Pionierin der Unverpackt-Läden definierte ihr Geschäftsmodell als „Laden ohne Einweg-Verpackungen“. Dabei legte sie die Betonung bewusst auf das Wort Einweg, „denn Verpackungen brauchen wir am Ende des Tages alle“, so Glimbovski. Außerdem gebe es Produkte wie z. B. Medikamente oder Kondome, bei denen es ohne Einwegverpackung nicht gehe. Engagiert, selbstbewusst und auf einladende Art streitbar, schilderte Milena Glimbovski, wie ihr Unverpackt-Laden - auch aus Verpackungssicht - funktioniert und welche Grundsätze ihrer Meinung nach übergreifend gelten müssten. „Gerne gesehen sind Mehrweg, Bulk und Papier. Nicht gerne gesehen sind Plastik, Verbundstoffe und Materialien, die sich nicht einfach recyceln lassen. Was ich erwarte: Möglichst wenig Ressourcenverbrauch, kurze Lieferketten, Mehrweg, nachwachsende Rohstoffe und die Betrachtung des gesamten Lifecycles.“ Von der Politik wünschte sich Glimbovski eine Ökosteuer auf alle Produkte. „Der Preis für konventionelle und nicht umweltfreundliche Produkte würde steigen und auf der anderen Seite würde sich die Wettbewerbsfähigkeit der umweltfreundlichen Produkte verbessern.“ Der Verpackungswirtschaft schrieb die Unverpackt-Gründerin ins Pflichtenheft, sich ernsthaft um Lösungen zu bemühen. „Der Generation Z kann man keinen Bullshit erzählen. Diese Kunden wollen verstehen und sie verstehen es, sich zu informieren. Der Wandel wird kommen und ich hoffe, Sie werden ihn mitgehen!“

Dr. Bernhard Bauske, Senior Advisor Marine Litter Reduction von WWF Deutschland, begrüßte Ansätze wie die „Unverpackt-Läden“. Er wies auf die Notwendigkeit einer Gesamtbilanz hin, die nicht nur das Material betrachte, sondern auch Aspekte wie Entfernungen und Herstellungsbedingungen, ob die nachwachsenden Rohstoffe aus genmanipulierten Quellen stammen und wie es beim Energie- und Wassereinsatz aussieht. „Wir sind bei der Recyclingfähigkeit von Verpackungen stehen geblieben. Gleichzeitig gibt es immer mehr Verpackungen und die Mehrwegquote sinkt“, gab Bauske mit Ausblick auf seinen ausführlichen Vortrag am Nachmittag zu bedenken.

Albert Klinkhammer, Group Marketing Director der Mondi Group, zeigte in seinem Vortrag, wo und wie die Verpackung als Lösung funktioniert und wie sich nachhaltige Verpackungslösungen umsetzen lassen. Für Klinkhammer ist die Verpackungsbranche Teil der Lösung in Bezug auf globale Herausforderungen. Dafür „müssen wir dem modernen Lebensstil mit praktischen und umweltfreundlichen Verpackungen, mit leicht zu öffnenden Verschlüssen oder wiederverschließbaren und fälschungssicheren Lösungen Rechnung tragen. Wir müssen die Nahrungsmittelabfälle mit kleineren Portionsgrößen und Barrierelösungen reduzieren. Und wir müssen sparsam mit Materialien umgehen und die CO2-Emissionen reduzieren, z. B. durch leichtgewichtigere Lösungen.“ Nicht zuletzt dafür gehe Mondi Partnerschaften mit verschiedenen Stakeholdern ein. „Wir wollen die Kreislaufwirtschaft unterstützen und den Grundstein für eine nachhaltige Zukunft legen. Das aber geht nur gemeinsam!“ Klinkhammer kritisierte, dass viele Akteure nur unzureichend miteinander redeten. Selbst innerhalb ein und derselben NGO gebe es schnell Schwierigkeiten, sobald mehrere „Landesverbände“ eingezogen werden müssten. Von der Politik forderte Klinkhammer ein klares Bekenntnis und das Fördern erneuerbarer Ressourcen. Grundsätzlich müsse es das Bestreben sein, „Produkte so lange wie möglich im Wirtschaftskreislauf zu halten. Am Ende des Lebenszyklus muss dann eine sichere und ordnungsgemäße Entsorgung sichergestellt werden.“

Auch Stephan Karl, Managing Director von Tetra Pak, thematisierte in seinem Vortrag die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die alternativlosen Funktionen der Verpackung, das Recycling und bewusstes Vermeiden. „Mobilität und Freiheit gehören zu unseren demokratischen Werten. Der Preis für diese hohe Convenience ist der daraus entstehende Abfall“, so Karl zum Einstieg in das Thema. Stephan Karl wies darauf hin, dass „besonders im Lebensmittelbereich eine Distribution von Produktion ohne Verpackung schlichtweg unmöglich wäre. Produkte müssen geschützt und transportiert werden. Dazu braucht es hochentwickelte Verpackungen, die diese Aufgabe übernehmen.“ Dabei dürften Verpackungen die Umwelt nicht unnötig belasten. „Sie müssen Teil der Lösung sein. Wir sehen es so, dass die Verpackung mehr einsparen muss, als sie kostet. Das ist unser Grundgedanke und unsere DNA. Und das ist auch der Ansatz für weitere Entwicklungen.“

Diskussionsrunde

Die Diskussionsrunde zum Abschluss des ersten Themenblocks gestaltete sich sehr intensiv und kontrovers. Streitpunkte entwickelten sich beispielsweise rund um das Thema Convenience, das nach Ansicht von Dr. Bernhard Bauske „einen schwarzen Hinterhof hat“. Die Frage sei, wie man Convenience gestalten könne. „Es geht nicht darum, alles aufzugeben. Es geht um das Nachdenken. Kann ich eigene Behälter mitbringen? Kann ich durch mehr Planung Sachen vermeiden. Kann ich bewusster handeln und Sachen bewusster angehen. Hier ist zum einen der Verbraucher gefordert. Ich muss eine Plastikflasche nicht erst ins Meer schmeißen, um sie zu recyceln. Das können wir auch vorher machen. Auf der anderen Seite stehen aber auch die Unternehmen in der Pflicht. Sie müssen Verpackungen produzieren, die in die Kreisläufe passen. Industrie und Verbraucher müssen Hand in Hand arbeiten.“ Auch Stephan Karl wies darauf hin, dass der Dialog weiter gepflegt werden müsse. Ein zentrales Problem sah Karl in dem Umstand, wie die Branche ihre Erfolge und ihre Innovationskraft nach außen darstellen könne. „Wir gehören nicht zu den Schmuddelkindern“, so Karl. Zustimmung fand er bei Albert Klinkhammer: „Stimmt. Es wird gar nicht klar, was wir alles leisten und leisten können.“

Themenblock 2: Die Verpackung als Bestandteil nachhaltiger Strategien

Welchen Anteil hat die Verpackung am globalen Plastikmüll in den Ozeanen? Welche Rolle spielen unzureichendes Abfallmanagement und deren Finanzierung? Wo liegt die Produktverantwortung der Unternehmen? Und wie lassen sich Verpackungen recyclinggerecht gestalten? Dr. Bernhard Bauske, Senior Advisor Marine Litter Reduction von WWF Deutschland, nahm den Faden seines Kurzvortrags am Vormittag auf und legte dar, dass Kunststoff auf globaler Basis „zu relevanten Anteilen unkontrolliert in die Umwelt gelangt. Die Folgen für Natur und Wirtschaft werden jetzt deutlich sichtbar.“ Bauske plädierte dafür, den unkontrollierten Eintrag von Kunststoff sofort zu stoppen und die Einträge von Mikroplastik zu reduzieren. Gelingen könne dies nur durch eine „nachhaltige Finanzierung der Abfallsammlung und Verwertung über eine erweiterte Produktverantwortung, auch wenn klar sei, dass „die Recyclingerlöse alleine nicht die gesamten Kosten für das Abfallmanagement erlösen können.“ Entscheidend sei, dass die Entsorgung von Herstellern von Anfang an mitbedacht und auch umgesetzt würden. Hier gebe es eklatante Wissenslücken in den Unternehmen. Dabei dürfe man sich nicht auf das Thema „Kunststoff oder kein Kunststoff“ begrenzen. „Im Moment geht die Diskussion zu stark allein auf diese Frage ein“, so Bauske. Das Kunststoffrecycling müsse einen besseren Stellenwert und breitere Akzeptanz in der Industrie finden, so wie bei Papier und Stahl, wo die Wertschätzung gegenüber Recyclingmaterial schon sehr viel größer sei. Bauskes Fazit: „Wir müssen in 10 Jahren sagen können: Der Trend geht in eine andere Richtung: Mehr Sammlung, mehr stoffliche Verwertung, weniger Littering.“

Jürgen Dornheim, Section Head Package Capability der Procter & Gamble Service GmbH, ging in seinem Vortrag der Bedeutung von nachhaltigen Verpackungen in der Konsumgüterindustrie nach. „Eines vorweg: Man kann mehr tun, als der ein oder andere fürchtet“, gab Dornheim gleich zum Start die positive Richtung vor. Das eigene Unternehmen sieht er dabei auch historisch gut aufgestellt. „Procter & Gamble hat bei seiner Gründung aus Schlachtabfällen Kerzen und Seifen produziert. Wir waren also schon damals nachhaltig, auch wenn es keiner so genannt hat.“ In Bezug auf die Erstellung von Ökobilanzen gab Dornheim zu bedenken, dass man „das auch lernen muss. Wir machen das seit 90 Jahren. Wenn man den gesamten Kreislauf betrachtet, bringt das spannende Ergebnisse. So findet zum Beispiel der größte Energieverbrauch oft am Ende beim Kunden statt. Wenn beispielsweise Waschmittel hohe Temperaturen erforderten, mache das über 90 % des gesamten Energieverbrauchs im Waschprozess aus. Also müsse man als Unternehmen dafür sorgen, dass die Waschkraft auch bei 30 Grad erreicht werde. Auch Dornheim sieht die Millenials als künftige Messlatte. „Und hier ist nicht anzunehmen, dass das Umweltbewusstsein abnimmt. Im Gegenteil, gerade die Schwellenländer werden hier aufschließen und ein starkes Wachstum auch im Umweltbewusstsein entwickeln.“ Bei aller Bedeutung des Umweltschutzes als Kaufargument für Konsumenten dürfe man allerdings nicht vergessen, dass Produktqualität und meist auch der Preis noch immer das wichtigere Kriterium für Verbraucher darstellten. Dornheim benannte in Folge fünf Säulen für eine partnerschaftliche Kreislaufwirtschaft - Design for Recycling, Zugang zu Sammelsystemen, Partizipation und Erziehung, Sortierung und Trennung sowie Produktinnovationen - und erläuterte die technologischen Ansätze seines Unternehmens. Zu diesen gehören „globale statt regionale Insel-Lösungen, Gewichtsreduktion als leicht zu erreichender Fortschritt, die ausschließliche Verwendung von rezyklierbarem Material, die Verwendung von bis zu 50 % recyceltem Material, Produktentwicklung nach Design for Recycling-Kriterien, die Mitarbeit in zahlreichen technischen Industriegremien und die Nutzung eigener Kompetenz zur Erarbeitung neuer technologischer Ansätze für eine Kreislaufwirtschaft.“

Markus Korte, Geschäftsführender Gesellschafter der Mar-Ko Fleischwaren GmbH & Co. KG, und Florian Constabel, Creative Area Manager Innovation der Wipak Walsrode GmbH & Co. KG, zeigten anhand eines konkreten Beispiels, wie es aussieht, wenn ein Fleischwarenproduzent über Nachhaltigkeit nachdenkt und sie wirklich will. Höchste Priorität wurde dabei dem Thema Energieeinsparung zugemessen, flankiert von Materialeinsparung sowie dem Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen und Monomaterialien für einfaches Recycling. Im Ergebnis entstand so die erste klimaneutrale, flexible Verpackung, ProDirect®, die im vergangenen Jahr sowohl für die eingesetzten Maschinen, als auch für die Endverpackung an sich den Deutschen Verpackungspreis 2017 in der Kategorie Nachhaltigkeit gewinnen konnte.

Dr. Thomas Maier-Eschenlohr, Gründer und Geschäftsführer der Landpack GmbH, ging in seinem Vortrag auf die Situation bei Verpackungen für den Onlinehandel ein. Mit seinem Start-up hatte Maier-Eschenlohr eine Isolierverpackung aus Stroh entwickelt, die bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. „In der Verpackungsbranche gibt es eine unfassbare Arbeitsteilung. Wenige haben die Freiheit, über alle Grenzen hinaus zu denken und zu handeln. Das ist für Start-ups einfacher“, beschrieb der Landpack-Gründer die Situation rund um seine Produktinnovation. „Wir wollten Styropor ersetzen, preislich wettbewerbsfähig und mit gleichen oder besseren Eigenschaften“, so Maier-Eschenlohr. Stroh bringe als „vergessener Rohstoff“ viele Vorteile mit sich. So sei Stroh neben Holz der weltweit am meisten und besten verfügbare nachwachsende Rohstoff. Ein weiterer, entscheidender Vorteil: „Viele überlegen, wie man aus einem biogenen Werkstoff Grundsubstanzen herausarbeiten kann, die sich dann weiterverwenden lassen. Wir dagegen nutzen die intrinsischen Eigenschaften des Strohs, das beispielsweise in seiner Struktur Mikrokammern aufweist, die nur ein Zehntel des Durchmessers von Styroporkammern messen.“ Für den erfolgreichen Einsatz im Onlinehandel braucht es nach Ansicht von Maier-Eschenlohr neben der reinen Nachhaltigkeit der Verpackungslösung aber noch mehr. „Produktverpackung und Versandverpackung müssen zusammenpassen. Viele Produkte werden mit grünen Bildern beworben. Die Realität bei der Zustellung und beim Auspacken ist dann oft furchtbar anders“, gab Maier-Eschenlohr zu bedenken. Deshalb sei Landpack oft schon bei der Produktverpackungsentwicklung dabei. Das lohne sich. „Für 36 % der Online-Lebensmittelbesteller ist die ökologische Verpackung das KO-Kriterium. Außerdem führt eine ehrliche und liebevolle Verpackung zu 30 % weniger Reklamationen.“

Themenblock 3: Digitaler Wandel

Dr. Christian Lüdtke, Gründer und Geschäftsführer der etventure GmbH, hielt den ersten Vortrag im Themenblock Digital Business Transformation. Gleich zu Anfang stellte er klar, dass der Digitale Wandel alle Branchen beeinflusse. Niemand bleibe „verschont“. Deshalb dürfe man nicht die Fehler der Medienindustrie Ende der 90er Jahre wiederholen. „Damals haben alle auf die Konkurrenz geschaut, aber nicht auf die neuen Player, die auf die Bühne treten. Man hat sich beruhigt, wenn die traditionelle Konkurrenz auch nichts macht. Aber das ist ein Fehler! Denn wer zu lange wartet, kann nicht mehr aufholen und sich nicht mehr verändern“, so Lüdtke. Der Experte für digitale Transformation sprach in Folge über digitale Giganten und agile Start-ups, die „nicht fair spielen, sich nicht an althergebrachte Regeln halten“ und die ihre Stärken wie extreme Risikofreude, Testmentalität und High-Speed-Umsetzung zur Gewinnung immer weiterer Investorengelder einzubringen wüssten. Begegnen könne man dieser Bedrohung dadurch, dass „man im eigenen Bereich die Stärken der Start-ups für sich erschließt. Hier gibt es große Möglichkeiten. Nicht zuletzt, weil traditionelle Unternehmen meist selber über deutlich mehr Assets wie Kunden, Marken und Mitarbeiter verfügen.“ Grundsätzlich brauche es eine Kombination aus alten und jungen Stärken. Klar sei dabei auch: „Es ist ein Weg, der Mut braucht.“ Lüdtke gab den Kongressteilnehmern Einblicke in eine funktionierende Roadmap und mahnte an, vom Start weg in Ökosystemen zu denken. „Mit welchen Start-ups, Konkurrenten oder Partnern kann ich zusammenarbeiten? Große Offenheit hilft, denn nur die wenigsten Unternehmen bekommen das alleine hin.“

Nikolaus Wolfram, SVP Head of Innovation & Marketing, sowie Thomas Schulz, VP Global Marketing der Constantia Flexibles, führten den Kongressteilnehmern über konkrete Beispiele vor Augen, wie man mit der Verpackung schon heute in die interaktive Welt eintauchen kann. Über eine dergestalt „zum Leben erweckte“ Verpackung könne man wichtigen Trends wie Verstädterung, Globalisierung, Demographischer Wandel, Nachhaltigkeit, Verantwortlichkeit und Markenschutz begegnen. Auch die sich rapide entwickelnde Digitalisierung, eine wachsende „Middle Class Premiumization“ und das Bedürfnis nach Markendifferenzierung sprächen dafür, die Verpackung interaktiv zum Leben zu erwecken. Sie biete darüber hinaus eine Antwort auf das typische Brand-Dilemma „no money, no reach“. „Viele Brands haben heute keine Kontrolle über den Content. Sie müssen den Algorithmen folgen und kontinuierlich investieren, um in Suchmaschinen und sozialen Medien auf Seite Eins zu erscheinen“, so Wolfram und Schulz. Viel wirksamer, nachhaltiger und günstiger sei es, über die interaktive Verpackung beim Konsumenten einen Wow!-Effekt auszulösen. Aktuelle Studien zeigten, dass interaktive Verpackungen bei Verbrauchern nicht nur ein Kaufargument darstellen, sondern auch auf die Marke einzahlen. Die Constantia 1-Stop-Lösung stelle dafür eine einfache und flexible Lösung parat. „Das geht ohne Veränderungen beim Druckverfahren oder der Verpackung selbst. Jede Marke kann problemlos ihre eigene App dafür einsetzen und bleibt alleiniger Herr aller Daten, die gesammelt werden“, strichen die Constantia-Experten die Vorteile ihrer Lösung hervor.

Tobias Gunzenhauser, Mitgründer und Geschäftsführer der yamo AG, bezeichnete sich zu Beginn seines Vortrags als „Quoten-Schweizer“ und legte danach in einem ebenso unterhaltsamen wie interessanten Vortrag dar, wie es drei kinderlose Männer schaffen, den Babybrei erfolgreich neu zu erfinden: Von der Produktentwicklung in Selbstexperimenten über die penible Suche nach dem besten Produktionsverfahren, die Findung der optimalen Verpackung und personalisiertem Marketing mittels Wackaging bis hin zu Onlinevertrieb und Versand. Alleine für die Entwicklung der Verpackung hatten die yamo-Gründer nach Aussagen von Gunzenhauser ein ganzes Jahr Zeit investiert. Möglich war dies nur durch ein speziell zur Verpackungsentwicklung gestartetes Crowdfunding. „Bei der Produktion des Babybreis setzen wir auf das Hochdruckpasteurisieren. Dabei muss die Verpackung 6000 Bar Druck aushalten. Das ist zehn Mal so hoch wie der Druck im Mariannengraben. Welche Verpackung hält das aus?“, beschrieb Gunzenhauser die Anforderungen. Zudem sollte die Verpackung das Produkt nicht nur verlässlich schützen, sondern auch recycelbar sein und gut aussehen. Mit dem Ergebnis zeigte sich Gunzenhauser mehr als zufrieden. Broccoly Balboa, Pirates of the Carrotean, Apfelcalypse Now und die anderen Babybreisorten sind eine Erfolgsgeschichte geworden.

Thomas Reiner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts e. V. (dvi) und CEO von Berndt+Partner, verwies die Kongressteilnehmer für Details zu seinem Vortrag über „Verpackungstrends weltweit“ auf den Downloadbereich des Kongresses. In seinem Fazit zum Verpackungskongress gab er den Teilnehmern „drei Dinge mit auf den Weg“.

Erstens: „Nehmen Sie das Thema Digitalisierung ernst. Das ist kein Trend, den man mal eben so mitnimmt. Das ist eine Bewegung. Suchen Sie Ihren Platz. Und gehen Sie das mit Radikalität an.“

Zweitens: „Hören Sie auf, sich für das Thema Verpackung immer zu entschuldigen, zurückzunehmen und wegzuducken. Wir verteidigen uns viel zu oft gegen Angriffe und Blicke aus der Mülltonne. Dabei ist die Bilanz der Verpackung höchst positiv. Auch und insbesondere, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Dass wir gebrauchte Verpackungen in den Ozeanen finden, ist natürlich nicht akzeptabel. Egal wo und egal, wie viele es sind. Das müssen wir ändern. Und dabei geht es nicht darum, was andere tun können. Jeder muss seinen Beitrag leisten. Gleichzeitig müssen wir uns das, was wir tun, nicht kleinreden lassen. Verpackung ist aktive Nachhaltigkeit. Wir schützen Produkte, die einen großen ökologischen Fußabdruck haben und wir tun das mit einem minimalen eigenen Fußabdruck. Wenn Sie zum Beispiel ab heute für ein ganzes Jahr komplett auf alle flexiblen Verpackungen verzichten, können Sie sich für die eingesparte Ökobelastung gerade einmal vier Steaks leisten.“

Und drittens: „Antworten, die wir heute haben, werden morgen nicht mehr ausreichen. Wir müssen also unsere Innovationstätigkeit weiter ausbauen und stärken. Der Markt brüllt nach Service- und Prozessinnovation. Dafür braucht es allerdings andere Fähigkeiten, als Produkte zu entwickeln.“

Der 14. Deutsche Verpackungskongress findet am 21. & 22. März 2019 erstmalig in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin statt.

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